Kindesmissbrauch in Australien

Vatikan verweigert Unterlagen

In der katholischen Kirche Australiens soll es massiven Kindesmissbrauch gegeben haben: Sieben Prozent aller Priester sind einem Bericht nach Täter.

Kurienkardinal Georg Pell bei der Messe (2008)

Auch der australische Kardinal George Pell musste vor dem Untersuchungsausschuss aussagen Foto: dpa

CANBERRA taz | „Als Katholiken müssen wir unsere Köpfe in Scham senken“, so reagierte Francis Sullivan, einer der Vertreter der Kirche, auf die Zahlen, die eine von der Regierung eingesetzte Untersuchungskommission jetzt veröffentlicht hat. Zwischen 1950 und 2015 hätten durchschnittlich sieben Prozent aller katholischen Priester Kinder sexuell missbraucht, heißt es darin. In einigen Diözesen seien es 15 Prozent gewesen. In einzelnen Orden wie dem bekannten St John of God Brothers hätten sich gar bis zu 40 Prozent der Glaubensbrüder des Missbrauchs schuldig gemacht.

Die seit vier Jahren laufende Untersuchung ist einer von mehreren Versuchen, die in der katholischen Kirche Australiens offenbar endemische Schändung von Jungen und Mädchen aufzuarbeiten. Die Kommission hatte Hunderte von Überlebenden interviewt. Dabei wurden fast 4.500 Fälle von sexuellem Missbrauch von Kindern in mehr als 1.000 kirchlichen Institutionen dokumentiert.

Laut Kommissionspräsident Peter McClellan handelt es sich bei der Mehrheit der Opfer um Jungen. Das durchschnittliche Alter zur Zeit des Missbrauchs war 11,6 Jahre für Jungen und 10,5 Jahre für Mädchen, so die Kommission. Fast 1.900 mutmaßliche Täter wurden im Verlauf der Untersuchung identifiziert, 500 weitere blieben namenlos.

Laut Angaben der Kommission weigerte sich der Vatikan, der Kommission Dokumente auszuhändigen, die den Ermittlungen hätten dienen können. „Der Heilige Stuhl hat geantwortet, es sei ‚weder möglich noch angebracht, die geforderte Information zu liefern‘ “, so die leitende Ermittlerin der Kommission, Gail Furness. Opfer und deren Angehörige fragen sich seit Jahren, wie es möglich war, dass Kinder in einer so großen Zahl katholischer Einrichtungen über Jahrzehnte praktisch ungestört missbraucht werden konnten.

Laut Furness hätten sich Diözesen nach einem Vorwurf des Kindesmissbrauchs „deprimierend gleich“ verhalten. Kinder seien von den Verantwortlichen „ignoriert worden – oder noch schlimmer – bestraft“, so die Juristin. Statt die Vorwürfe untersuchen zu lassen, hätten Bischöfe potenzielle Täter in die „nächste Kirchgemeinde versetzt, wo niemand eine Ahnung hatte“. Belastende Dokumente seien nicht aufgehoben, sondern vernichtet worden. „Verschwiegenheit und Vertuschung dominierten“, so Furness.

Untersuchungen verhindert

Als Folge dieser und anderer Untersuchungen sind in den letzten Jahren mehrere ehemalige Geistliche angeklagt und zu zum Teil langjährigen Haftstrafen verurteilt worden. Trotzdem werfen Kritiker der Kirche vor, weiterhin Opfer zu negieren und in gewissen Fällen die Untersuchung von Vorwürfen aktiv oder passiv zu verhindern.

Betroffene Kinder wurden ignoriert oder sogar noch bestraft

Francis Sullivan, einer der Vertreter der katholischen Kirche, meinte mit stockender Stimme, die von der Kommission genannten Zahlen seien „schockierend, tragisch und unhaltbar“. Die Kirche habe „massiv versagt“ im Umgang mit jenen, für deren Schutz sie verantwortlich sei. Sie sei nun daran, mit Hilfe von professionellen Verhaltensprogrammen und Protokollen solche Situationen zu verhindern.

Die Kommission wird in ein paar Wochen ihre Arbeit beenden. Bis dann soll die Verhaltenskultur in der Kirche untersucht werden und wie sie die Verbrechen ermöglicht haben könnte. Sechs Erzbischöfe sind vorgeladen.

 

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