Stendal-Stadtsee, eine Ortserkundung (3)

Die Enge der Großsiedlung

Armut schränkt ein. Trotzdem gibt es in Stendal-Stadtsee Leute, die ihre Spielräume testen: Sarah will weg, Deman Arbeit und Herr Jany einen Seniorenclub.

Hochhäuser im Grünen

Blick auf Stadtsee III: Das viele Grün gibt dem Stadtteil einen fast dörflichen Charakter Foto: Sebastian Wells

STENDAL taz | Heimat ist etwas Leichtes und etwas Schweres. Leicht zu verlassen, unmöglich abzustreifen. Wo sie liegt, ist oft nicht klar: Heimat kann eine Gegend sein, eine Stadt, eine Siedlung voller Plattenbauten an der Peripherie. Frei von ihr wird man nie ganz, weil auch der Drang weg von ihr immer zu ihr zurückführt.

Sarah: Manchmal frage ich mich: Was wäre, wenn ich in einer behüteteren Gegend aufgewachsen wäre? Vielleicht würde ich die kleinen Dinge nicht so schätzen. Ich kann mich über alles freuen, auch wenn mir jemand Marzipan schenkt, obwohl ich kein Marzipan mag.

Marion Zosel-Moor: Sie stehen hier mitten in diesem Riesenwohnungsbauprojekt der DDR. Ich kam 1976 hierher, damals kamen Leute aus der ganzen Republik, um hier zu leben. Es sollte ja was aufgebaut werden.

Damon: (rappt) Mein Leben ist hart, doch mein Wille ist stärker. / Die Stille in mir zerbricht wie ein Kerker / Mein Leben ist hart, doch mein Blick geht nach vorn.

Um zu verstehen, warum Deutschland immer ungleicher wird, hilft es, einige Zeit in Stendal-Stadtsee zu verbringen. In manchen Siedlungen des Stadtteils leben rund 80 Prozent der Familien an der Armutsgrenze. Doch was bedeutet die Abhängung ganzer Viertel für die Grundwerte der Demokratie? Einigkeit, Recht, Freiheit – eine Ortsbegehung in drei Episoden. Teil 1 erschien am 7. Februar, Teil 2 am 14. Februar. Die Reihe geht hiermit zu Ende.

Stendal, das war einmal die Zukunft. Auf der größten Baustelle der DDR mauerten 7.000 Arbeiter an einem Atomkraftwerk, das nie in Betrieb ging. Heute steht Stendal als Sinnbild für sozialen Niedergang, das Viertel Stadtsee hat es besonders schlimm getroffen. Aber es gibt Menschen, die Pläne für ihr Leben machen, die sich nicht abfinden wollen mit der Situation, wie sie ist.

Sarah ist 17, sie trägt lange glatte Haare und Brille. Gerade ist sie in den Jugendclub Eckstein gekommen. Sie trägt ihr Lieblingskleid, es ist blau mit weißen Punkten; sie hat es bei einer Geschenkaktion im Jugendclub bekommen.

Sarah: Ich gehe aufs Gymnasium, in die 11. Klasse. 2018 bin ich hoffentlich fertig. Meine Mutter war dagegen, dass ich aufs Gymnasium gehe, sie hat selbst keinen Schulabschluss.

Damon: (rappt) Bis zum Schluss werd ich meine Meinung vertreten / Denn so wie das hier läuft, ist das kein schönes Leben.

Deman heißt eigentlich Dennis. Zu Deman wird er, wenn er rappt, ein magerer Typ, 30 Jahre alt, mit knochigen Wangen und Käppi. Er lebt bei seiner Freundin, die Wohnung ist tadellos ordentlich, Fliesentisch, Schrankwand, Sitzgruppe.

Deman: Mit dem Rappen hab ich durch den Knast angefangen. Ich saß wegen Körperverletzung, Raub, Einbruch, da war fast alles dabei. Ich hab Drogen genommen, verdammt viele Drogen, Chrystal, Koks, Heroin.

Die Ehrenamtlichen

Wer nach Stendal will, muss quer durch die Altmark fahren. Die Landstraße zieht weite Schleifen durch Felder und Weiden, Holzkreuze da und dort. Die Altstadt zieht am Fenster vorbei, Fachwerkhäuser, Backsteinkirchen. Dann tauchen die Plattenbauten von Stadtsee auf, nüchterne Wohngeometrie, monotone Quader, von nah und von fern.

Im vordersten Teil, Stadtsee I, sitzen drei ältere Frauen in einem Raum mit blassgrünen Wänden. Das ist der Vorstand der Bürgerinitiative Stendal. Die vermittelt ehrenamtliche Helfer an alte Menschen: Die Alten kriegen für wenig Geld Hilfe im Haushalt, die Ehrenamtlichen eine Entschädigung. Die Bürgerinitiative betreibt auch eine Tagesstätte für Demenzkranke.

Marion Zosel-Mohr: Was hier passiert, ist echtes bürgerschaftliches Engagement – das ist die andere Seite von Stadtsee. Der demografische Wandel lässt uns keine Wahl.

Marion Zosel-Mohr kam nach Stendal der Arbeit wegen, im Atomkraftwerk. Vor einigen Jahren gründete sie eine Freiwilligenagentur als Plattform für soziales Engagement und Teilhabe. Sie hat gesehen, wie sich Stadtsee gewandelt hat, wie aus Arbeitersiedlungen Orte wurden, in denen fast nur noch Hartz-IV-Empfänger, prekär Beschäftigte und Alte wohnen. Kein Getto, aber ein Ort, an dem die Möglichkeiten begrenzt sind.

Ein junges Paar wartet vor der Agentur für Arbeit in Stadtsee Foto: Sebastian Wells

Herr Jany: Wir hatten hier im Haus einen Club für die alten Leute. Das Arbeitsamt schickte eine Ein-Euro-Kraft. Dann hat der Betreiber gewechselt, und der neue machte nicht mehr weiter. Wir waren am Boden zerstört, als es hieß: Das Café macht zu.

Gerd Jany, gepflegter Schnäuzer, Hemdkragen unterm Pullover, pensionierter Theatermaler, wird bald 80. Am Küchentisch schlägt er ein Fotoalbum auf, darin Bilder von lachenden Alten, die um gedeckte Tafeln sitzen.

Herr Jany: Ich war im Stadtseniorenrat früher und hab immer gesagt: Wir müssen sehen, dass wir das Leben in Stadtsee ein bisschen aktivieren.

Sarah: Ich habe fünf Geschwister, lebe jetzt aber allein mit Papa. Meine Mutter ist abgehauen. Mein Papa war früher im Heim und will, dass ich alles habe, was er früher nicht hatte.

Sarah ist eine gute Schülerin. In der neunten Klasse wechselte sie von der Oberschule auf ein Gymnasium. Der Vater und die Lehrer setzten sich für sie ein. Nach dem Abitur will sie studieren, in Halle, auf Lehramt.

Sarah: Man will raus aus dem Viertel, hier hängt man fest. Das Studium ist eine Möglichkeit dafür. Meinen Vater will ich mitnehmen, der kommt ja sonst auch nicht hier raus.

Es gibt auch schöne Ecken

Es gibt viele Viertel wie Stadtsee, im Osten wie im Westen, ob Duisburg, Leipzig, Bremerhaven, die Probleme ähneln sich, niedrige Kaufkraft, hohe Arbeitslosigkeit, und noch was eint die Menschen: Sie mögen es nicht, wenn Fremde kommen, die ihnen sagen, wie schlecht es um sie steht.

Marion Zosel-Moor: Es gab eine Dokumentation im MDR, da haben sie wieder nur die hässlichen, grauen Häuser gefilmt. Die gibt es, aber es gibt auch viele schöne Ecken. Es kommen ja jetzt auch schon wieder Leute nach Stendal zurück. Hier kann man preiswert und gut wohnen. Ich sag immer: Wir sind die schönste Vorstadt von Berlin.

Deman: Das ist das schlimmste Viertel hier, Stadtsee III. Das ist so. Ein Kumpel von mir ist im Knast, weil er jemanden abgestochen hat. Aber ich fühl mich pudelwohl. Wenn das mit der Arbeitsstelle klappt, bleibe ich hier. Das ist, was ich seit 30 Jahren versuche zu erreichen.

Sarah, 17, im Jugendclub Eckstein. Sie besucht das Gymnasium Foto: Sebastian Wells

Deman hat viel hinter sich, Drogen, die Kriminalität, Knast. Er hat zwei Kinder mit seiner Ex, für die rappt er: Leonie und Jason, ihr seid das Beste von mir. Jetzt ist er entschlossen, sich ein neues Leben aufzubauen, ein geregeltes Leben.

Deman: Von den ganzen Leuten, mit denen ich feiern war, habe ich mich gelöst. Ich bin jetzt nur noch zu Hause. Und auf der Arbeit. Ich mache ein Praktikum auf einer Baustelle, danach will die Firma mich einstellen. Ich arbeite jeden Tag zwölf Stunden, wir bauen ein Haus.

Sarah: Das Viertel macht einen kaputt. Man sieht Kinder, die rauchen. Glasscherben auf den Spielplätzen, die Alkoholiker auf der Straße. Wenn man vorbeigeht, rufen sie: Ey. Verpiss dich. Das ist echt beschissen. Armut ist das eine. Aber man kann doch trotzdem höflich sein.

Herr Jany: Man merkt die Vereinsamung der alten Menschen, die haben nicht mehr als den Einkauf, dann gehen sie nach Hause, machen den Fernseher an. Auch für Jugendliche wird zu wenig angeboten. Sie haben einen Sportplatz eingerichtet, der wird nie benutzt. Es fehlt an Clubs. Es liegt alles am Geld.

Marion Zosel-Mohr: Wir könnten hier eine Feldstudie für die Bundesrepublik machen. Aber wir können die Welt nur im Kleinen verändern. Es fehlt politisches Querdenken, die Politiker gucken immer nur auf das Aktuelle. Es muss doch mal eine gesellschaftliche Vorstellung geben: Wie wollen wir leben?

Viel Grün

Die Frauen von der Bürger­ini­tia­tive haben miterlebt, wie die Wohnblocks aufgestellt und wieder weggeräumt wurden wie Spielsteine in einem Planspiel. Wer vorangekommen ist, ist weggezogen. Die drei aber sind noch hier, und sie wollen etwas tun, für die Alten und die Ehrenamtlichen, oft Hartz-IV-Empfänger, die ein paar Euro extra gut gebrauchen können. Alle sollen etwas davon haben. Das ist die Idee. Aber die Mittel sind knapp, und immer müssen sie aufpassen, dass ihren Helfern nicht ihr Hartz-IV-Satz gekürzt wird.

Marion Zosel-Mohr: Das Schizophrene ist: Wir müssen Geld in den Kreislauf bringen. Die Politik will Wachstum, die Ehrenamtlichen brauchen das Geld. Wir würden die Tagesstätte auch abends öffnen, aber das schaffen wir nicht, da kommen wir an unsere Grenzen.

Deman: Arbeitslos sein ist auch normal. Ich kenne viele, die sagen: Zwei Monate umsonst arbeiten – was ist das fürn Scheiß? Aber ich zieh das jetzt durch. Anstrengend ist das, klar, was soll’s. Ich bin ein Mann.

Am Nachmittag fällt diesiges Licht über die Häuser; viele wurden um ein paar Etagen gekürzt; statt elfgeschossigen Riesen liegen nun vier-, fünfstöckige Gebäuderiegel an der Straße, dazwischen viel Grün, das gibt dem Viertel fast etwas Dörfliches. Ein Ein-Euro-Jobber sammelt Abfall mit einer Metallzange auf.

Sarah geht oft in den Jugendclub. Sie und ihr Vater leben von Hartz IV, er hat dazu noch einen Ein-Euro-Job als Hausmeister im Eckstein. Trotzdem ist das Geld knapp, die beiden gehen jeden Samstag zur Tafel.

Sarah: Es ist schon ungerecht. Ich würde so gern mal mit neuen Klamotten in die Schule gehen. Aber manchen geht es noch schlechter als uns. Was wir haben, reicht fürs Leben.

Gerd Jany ist seit einem Unfall vor etwa einem Jahr sehr eingeschränkt. Er müht sich hoch, fährt mit dem Fahrstuhl in den Keller. Zwischen Wänden aus Rohbeton stehen Tisch und Stühle, es ist duster und feucht. Hier treffen sich die Alten, seit ihr Club geschlossen ist.

Herr Jany: Schon diese Kälte. Die Atmosphäre. Es ist so was von entwürdigend. Wenn das der Bürgermeister sehen könnte – der würde sagen: Das müssen wir sofort verändern.

 

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