heute in hamburg

„Wut kann produktiv sein“

LesungFür Fatma Aydemir spielt Wut im Alltag eine große Rolle – das eint sie mit ihrer Protagonistin

Fatma Aydemir

Foto: Bradley Secker

30, ist taz-Redakteurin und freie Journalistin. Ihr Roman „Ellbogen“ ist für den Debütpreis der Lit.Cologne 2017 nominiert.

taz: Frau Aydemir, in „Ellbogen“ spielt Wut eine große Rolle. Müssen Sie in Ihrem Alltag viel Wut unterdrücken?

Fatma Aydemir: Auf jeden Fall. Wut spielt eine große Rolle in meinem Alltag und generell in meinem Leben. Im Vergleich zu der Protagonistin in meinem Buch gehe ich damit aber ganz anders um. Wut kann sehr produktiv sein, weil sie den Anstoß dazu liefert, Dinge zu hinterfragen und zu verändern. Wütend auf sich selbst zu sein, aber auch auf das Umfeld, auf die Art, wie die Dinge in der Welt gerade sind, spielt eine große Rolle, um sich zu einem mündigen Individuum zu entwickeln.

Wie viel Autobiografie steckt in dem Buch?

Gar keine. Die Protagonistin ist komplett gar nicht ich, alle Figuren und alle Geschichten sind erfunden. „Ellbogen“ ist mein erster Roman. Für mich war es interessant zu sehen, wo es Anschlusspunkte an eigene Erfahrungen gibt, wenn man etwas von Grund auf erfindet und wie Personen einen an welche aus dem eigenen Leben erinnern. Autobiografisch ist es in keiner Weise, aber ich kenne die Gefühls- und Gedankenwelt der Protagonistin Hazal und auch ihr Umfeld ist mir sehr nah.

Sie arbeiten in Vollzeit als Journalistin. Haben Sie Ihren Debütroman nachts geschrieben?

Ich bin gar nicht der Typ dafür, nachts im Büro romantisch bei Kerzenschein zu arbeiten. Für das Buch habe ich mir drei Jahre in Folge für ein paar Monate unbezahlt freigenommen. Das war nicht nur wegen der Zeit, sondern auch, weil es wichtig war, komplett aus dem Beruf rauszugehen. Ich habe die Sommer in Istanbul zum Schreiben verbracht. Das journalistische Schreiben stand mir total im Weg, als ich fiktional schreiben wollte. Es wäre der schlechteste Roman der Welt, würde man ihn wie eine Reportage schreiben.

Wie kulturell hybrid ist der deutschsprachige Literaturbetrieb?

Als Journalistin war ich ein-, zweimal bei Buchmessen. Ich habe schon oft das Gefühl, dass ich da die einzige Kanakin im Raum bin. Das, was ich gesehen habe, kam mir nicht so sonderlich hybrid vor. Klar laufe ich dort nicht rum und frage nach der Herkunft der Eltern, aber die Pose des deutschen Kulturbetriebs ist keine, die suggeriert: Wir warten hier mit offenen Armen und jeder kann mit uns abhängen. Ich glaube, da wird sich in Zukunft viel ändern.

Interview: Caren Miesenberger

Lesung „Ellbogen“: 19.30 Uhr, Literaturhaus, Schwanenwik 38, Karten: www.literaturhaus-hamburg.de