Sie stehen davor, davor, davor – und nicht dahinter

PRESENTER Fernsehreporter machen sich immer häufiger zum Gegenstand ihrer Filme. So beleben sie den Investigativjournalismus der Öffentlich-Rechtlichen

Christoph Lütgert ist der König einer Entwicklung, die sich in den vergangenen Jahren ins deutsche Fernsehen eingeschlichen hat und von der inzwischen klar ist: Sie wird bleiben.

Es geht um Fernsehjournalisten, die es auch abseits von Liveschalten und Moderationen mehr und mehr vor die Kameras zieht. Lütgert geht in seinen Filmen stets einer Mission nach und lässt bei laufender Kamera seiner Empörung freien Lauf. Mal führt er „die fiesen Methoden des Textildiscounters“ KiK vor, dann wieder lauert er dem „Drückerkönig“ Carsten Maschmeyer auf, wie es in den provokanten Titeln heißt. In den Filmen ist vor allem er zu sehen: der Reporter.

„Das sind Recherchen von Fernsehjournalisten mit einer starken Gravitationskraft“, sagt Lütgerts Redakteur Dietmar Schiffermüller. Er hat das Format „Panorama – die Reporter“ für den Norddeutschen Rundfunk entwickelt, das die Machart der Presenter-Reportagen, wie solche Filme im Jargon meist heißen, zuletzt so sehr geprägt hat wie kein anderes.

Schiffermüller ist das krasse Gegenteil seines Stars, der Anti-Presenter: Absolut uneitel redet er über Lütgert und Kollegen wie Anja Reschke, die er zusammen zehnmal pro Jahr einsetzt, dann sagt der Sendungsmacher, der Reporter nehme eine Stellvertreterfunktion für den Zuschauer ein: „Das ist im besten Fall Aufgabenjournalismus.“

Der NDR fährt gut mit diesem Modell. Vor allem Lütgerts Filme laufen oft nicht nur im Dritten, sondern auch im Ersten – teils vor 4 Millionen Zuschauern. Das gilt in der ARD für Reportagen als großer Erfolg.

Auch „ARD Exklusiv“ holt seine Reporter längst von Fall zu Fall stärker vor die Linse. Beim WDR entwickelt sich derzeit mit Dieter Könnes eine unaufgeregte, dafür tiefergehende Alternative, bei der allein der Titel „Könnes kämpft!“ albern ist. Neulich nahm er das Gebaren von Ryanair so detailreich auseinander, dass viele Zuschauer Flugangst entwickelt haben dürften.

Am stärksten fahren sie derzeit aber wohl im ZDF auf – wie sie diese Machart lieber nennen – „Reporter im Bild“ ab. Mit „Zoom“ pflegt das Zweite gar eine wöchentliche Reihe, knapp 60 Folgen liefen bereits. „Ich bin mit den Filmen hochzufrieden“, sagt Chefredakteur Peter Frey. Aktuell schalten im Schnitt fast 9 Prozent aller Zuschauer am Mittwochabend die Filme ein, die nach 22 Uhr, teils im Anschluss an die Spiele der Champions League laufen, was „Zoom“ hilft. Frey sagt, das Format liege letztlich sogar etwas über seinen Erwartungen.

Christoph Lütgert geht stets einer Mission nach. Er lässt bei laufender Kamera seiner Empörung freien Lauf

Einen eigenen Lütgert hat das ZDF nicht. Auch sonst unterscheiden sich die Reihen teils deutlich, etwa beim Aufwand. Während bei Lütgert in Hamburg um den Reporter herum ein bis zwei Rechercheure werkeln, die Fälle zusammentragen und die Drehs vorbereiten, haben in Mainz „zusätzliche Autoren, die im Hintergrund arbeiten, in unserem Modell keinen Platz“, sagt „Zoom“-Chef Christian Dezer. Im Abspann der WDR-Produktion über Ryanairs Geschäftspraktiken fanden sich unter der Rubrik „Realisation“ wiederum gleich vier Namen.

ZDF-Mann Dezer berichtet, dass er durchaus bis zu 8 Produktionen parallel betreut. Das hört sich nach Fließbandarbeit an, fördert aber dennoch immer wieder Erstaunliches zutage, etwa wenn Reporter von „Frontal 21“ mitmischen, „Mister Karstadt – Der rätselhafte Nicolas Berggruen“ aufspüren und dessen Maske eines Wohltäters mit mühsamen Fakten-Checks in aller Welt zumindest lockern. Der Film wurde mehrfach ausgezeichnet, das kommt auch beim Chefredakteur an.

Wer nicht monatlich, sondern wöchentlich sendet, dem drohen freilich deutliche Qualitätsschwankungen. „Panorama“-Redakteur Dietmar Schiffermüller, der mit seinen zehn Presenter-Reportagen im Jahr nicht über alle Maßen belastet zu sein scheint, sagt jedenfalls, er glaube, dass die „qualitativen Fliehkräfte“ bei einer zu starken Ausweitung unter Umständen groß sein und ein Format „schnell ausgedünnt“ werden könne. „Zoom“-Chef Dezer räumt dann auch ein, „nicht immer ‚Agenda Setting‘ betreiben“ zu können. Das sei allerdings auch nicht sein einziges Ziel: „Es geht eben auch darum, diese Geschichten mit einem besonderen Zugang, originell und modern zu erzählen.“

Einer der jüngsten Filme aus der „Zoom“-Schmiede, „Der Fluchhafen“ zum Desaster des Airports Berlin-Brandenburg, setzte dafür gar auf vier Reporter. Das mag protzig klingen, hat aber dennoch funktioniert: Die Mainzelmännchen haben schlicht alle Winkel der Baustelle inspiziert. Fragwürdiges haben sie dann auch mit Grafiken aufgezeigt, die sie in das laufende Bild eingeklinkt haben, so etwa ein Metermaß, das den äußerst knappen Weg vom Check-in-Schalter zur Sicherheitskontrolle markierte – Gedränge scheint vorprogrammiert, wenn es denn dann mal losgeht.

„Panorama – die Reporter“ ist gelegentlich zu prollig, „Zoom“ beim Einsatz seiner Reporter schon mal zu zurückhaltend, der WDR liegt irgendwo dazwischen. Gemein haben all diese Formate, dass sie sehr gründlich arbeiten. Das ist unterm Strich auch das Erfreulichste an dieser Entwicklung: Investigative Stoffe sind für die Sender wieder eine echte Option.

Beim ZDF setzen sie inzwischen sogar auch auf zusätzlichen Sendeplätzen auf diese Machart. Den „Fluchhafen“ ließ Frey nicht bei „Zoom“ am späten Mittwochabend , sondern dienstags um 20.15 Uhr ausstrahlen. Von solchen Sendezeiten träumen Reporter sonst.

Auf diesem Platz wollte Chefredakteur Frey mit „ZDFzeit“ eigentlich eine ausgeruhtere Reihe etablieren. Doch ein erster Versuch, „Informationsfernsehen episodisch aufzubereiten“, habe „nicht den gewünschten Erfolg“ gebracht. Er wolle nun „bewusst auch aktuelle Dokumentationen zu politisch hochstehenden Themen“ unter der Marke „ZDFzeit“ senden.

Demnächst soll dafür auch das ZDF-Gesicht Matthias Fornoff für das Publikum stellvertretend der Frage „Was kostet ein Kind?“ nachgehen. Er hat seinen Film bereits produziert. Wann er läuft, steht zwar noch aus. Chefredakteur Frey sagt dennoch: „Auch das wird sicher stark.“

Konkurrenz für Presenter-König Lütgert bahnt sich hier aber nicht an: Der Film ist Teil des Versuchs, den Anchorman der dahinsiechenden „heute“-Sendung aufzubauen. Auch für solche Spielereien muss die neue Machart inzwischen herhalten. Sie hat sich eben etabliert.