heute in Bremen

„Pflichtberatung abschaffen“

Film Pro Familia zeigt eine Dokumentation über die Geschichte der Abtreibung in Österreich

Annegret Siebe

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53, ist stellvertretende Vorsitzende von Pro Familia Bremen.

taz: Frau Siebe, warum zeigen Sie keinen deutschen Film über Schwangerschaftsabbrüche?

Annegret Siebe: Es gibt keinen aktuellen! Außerdem sind die Erfahrungen von Frauen in Deutschland und Österreich gleich. Das hat auch damit zu tun, dass Abtreibungen im Deutschen Reich völlig verboten waren.

Manche sagen, dass diese Ideologie der „Mutterschaftspflicht“ immer noch im Abtreibungsparagrafen § 218 zum Ausdruck kommt.

Was sich durchzieht ist sicher der Gedanke der Selektion. Also dass nur bestimmte Kinder geboren werden und bestimmte Frauen Mutter werden sollen. Sehr deutlich macht das derzeit die AfD, die „die deutsche Mutter“ mit mindestens vier Kindern propagiert. Die anderen sollten möglichst keine bekommen.

In Deutschland handelt es sich bei einem Abbruch nur um „straffreies Unrecht.“ Wäre es nicht an der Zeit, sich für eine Streichung des § 218 einzusetzen?

Schwangerschaftsabbrüche haben im Strafgesetz nichts zu suchen. Das hat nichts mit Mord und Totschlag zu tun. Aber das ist ein heißes Eisen, das niemand anfassen will, weil es Befürchtungen gibt, dass der Paragraf in der derzeitigen gesellschaftlichen Stimmung eher verschärft würde.

Was würden Sie gerne ändern?

Ich würde die Pflichtberatung streichen. Die allermeisten, die zu uns kommen, haben ihre Entscheidung bereits getroffen. Die brauchen keine Beratung mehr. Für die wenigen anderen, die unsicher sind, wäre es gut, freiwillige Beratungen anzubieten.

Aber ist es nicht sinnvoll, wenn der Gesetzgeber versucht sich für das ungeborene Leben einzusetzen?

Aber damit unterstellt er, dass Frauen nicht selbst abwägen! Es gibt nur sehr vereinzelt Frauen, bei denen wir merken, dass sie sich nicht viele Gedanken gemacht haben. Aber alle anderen wissen doch, dass es sich um ein lebendes Wesen handelt und deshalb ist die Entscheidung gegen das Kind doch auch so schwer. Das erleben wir tagtäglich in der Beratung.

Interview: eib

19.30 Uhr, „Der lange Arm der Kaiserin“, mit anschließender Diskussion, City 46