Die Sehnsucht nach Handgemachtem

KUNSTHANDWERK In der Nazizeit war es eine Revolverdreherei, seit den 1980ern arbeiten hier Künstler und Kunsthandwerker: Aus der Hamburger Koppel 66 ist ein Atelierhaus voller Individualisten geworden

VON FRANK BERNO TIMM

Dieser Teppich ist unglaublich. Blau, rund, gehäkelter Filz. Am ehesten kann man sich dieses Kunstwerk auf edel restauriertem Holzfußboden in einer großzügigen Altbauwohnung vorstellen. Anja Matzke-Schubert hat ihn geschaffen, sie hat sich auf Wohn-Accessoires aus Filz spezialisiert. Der nehme Trittschall auf, binde Feuchtigkeit, sei antistatisch, sagt sie. „Das ist ein schönes, sinnliches Material.“ Ohne Zweifel – denn Schafwolle, der Ausgangspunkt, ist ein Naturprodukt.

Für teure und erlesene Edelholz-Füller interessieren sich keineswegs nur die Superreichen

Anja Matzke-Schubert, die auch als Kunsttherapeutin arbeitet, hat in der Koppel 66 im Hamburger Stadtteil St. Georg ihr Atelier. Hier haben etwas mehr als ein Dutzend Selbstständige – Handwerker und Künstler – ihren Sitz. Schlendert man durch die Ateliers, vergisst man die Zeit. Irena Rußmann zum Beispiel trifft man strickend. Sie bestellt gerade Garn bei einem ihrer Lieferanten: „Ich habe das beste Kaschmir der Welt“, sagt sie. Kauffrau hat sie gelernt, dann ein Lehramtsstudium absolviert. Seit 20 Jahren strickt sie. „Menschen, die Individualität wollen“, kaufen in ihrem „Maschwerk“, 80 Prozent sind Frauen. „Das Schöne ist, dass es Spaß macht“, sagt Rußmann, die sowohl Maßanfertigungen als auch „Stangenware“ auf ihren Handstrickautomaten fabriziert. Sie mache „wirklich alles, alles selber“ – Beratung der Kundinnen, Einkauf, Herstellung, Buchhaltung.

Gegenüber, im „Atelier 7“ von Christine Becker, Constanze Janssen, Sabine Lang und Claudia Westhaus, hängt ein verrücktes Kleid auf einer Anziehpuppe: Plastikhalbperlen bedecken den grünen Stoff. Die Koppel 66, erzählt Claudia Westhaus, sei ein Haus Gleichgesinnter, sie spricht von Synergien: „Ich darf schon nicht mehr in die anderen Ateliers gehen, weil ich sonst nur Geld ausgebe.“ Hier, auf den vier Etagen voller Ateliers, gebe es „eine Gemeinschaft, die anfängt, sich als solche zu verstehen“.

Die Frage, wie sie als Goldschmiedin die zunehmende Kluft zwischen Arm und Reich in Hamburg zu spüren bekomme, beantwortet Westhaus mit dem Hinweis, es gebe Studenten unter ihren Kunden, „die darauf sparen“. Aus der ganzen Republik kämen die Leute.

Und die werden dann sicher auch bei Damen-Gewandmeisterin Julia Vahjen und Hutdesignerin Teresa Gaschler vorbeischauen. Eine Gewandmeisterin, die nicht am Theater arbeitet? Dort sei es „längst nicht so kreativ, wie man sich das vorstellt“. Nun zieht Vahjen Frauen an, oft zur Hochzeit. „Das, was ich mache, ist schöne Kleidung“, sagt sie. „Mit einem Hauch Nostalgie.“ Teresa Gaschler formt ihre Hutkunst zunächst um Holzköpfe. „Bei jüngeren Frauen ist Kopfschmuck sehr angesagt“, erzählt sie. Ein paar Türen weiter richten Herren-Gewandmeisterin Hanne Wulff und Schneidermeister Sandro Dühnforth ihre neue Werkstatt ein. Natürlich, sagt Dühnforth, könnten sie das alte Problem, dass es eine tolle Hose nach zwei Jahren nicht mehr zu kaufen gebe, lösen: „Kommen Sie vorbei, wir nehmen den Schnitt ab und machen Ihnen eine neue.“ Auf den Fluren der einstigen Revolverdreherei, die 1981 Ateliergemeinschaft wurde, ist es am Vormittag eher still. Noch sind nicht alle Ateliers geöffnet, aber Dorothee Eymess, die Goldschmuck, Silberschmuck und viele kleine Raritäten verkauft, ist schon da. Eine Hämatit-Kette findet sich bei ihr ebenso wie Herkimer Diamant.

Im Erdgeschoss kann man bei Annabelle Stephan und ihrem Mann Stefan Fink klingeln. Fink macht Schreibgeräte und verarbeitet auch schon mal 3.500 Jahre altes Elbmooreichenholz zu einem Füller. Stephan rechnet: „Wenn Ihr Sparsatz 50 Euro monatlich ist, müssen Sie drei Jahre sparen.“ Füller stellt Fink her, Skizzenstifte, Tintenroller. Gibt es für so teure Dinge eine Nachfrage? „Die ist ganz wunderbar“, erklärt Annabelle Stephan. Trotz allgegenwärtiger Smartphones interessierten sich auch junge Leute und „keineswegs nur die Superreichen“ dafür. Bis etwas fertig ist, dauert es fünf bis acht Jahre, wenn man die Lagerzeit des Holzes dazurechnet. „Es gibt“, sagt Annabelle Stephan, „eine Sehnsucht nach Handgemachtem. Das ist das Schöne.“ Und davon profitieren all die freundlichen Individualisten, die in der Koppel 66 arbeiten.