Mit der Eisenbahn direkt durchs Watt

RETROSPEKTIVE Margarete Boie hat 1930 einen Roman über den Bau des Hindenburg-Damms veröffentlicht. Er zeichnet den Kampf zwischen Tradition und Fortschritt nach und wurde jetzt in Husum neu ediert

VON PETRA SCHELLEN

Ein bisschen mulmig ist einem immer, wenn man über diesen Damm fährt. Denn trotz aller Aufgeklärtheit spürt man: Man überquert das Watt, fährt quasi mit dem Zug übers offene Meer. Und dann dieser Name: Hindenburg-Damm. Das klingt nicht nur altbacken, es lässt auch jedes Mal die Assoziation „Steigbügelhalter Hitlers“ hochploppen, ob man will oder nicht. In der Tat haben 2002, zum 75-Jährigen der Fertigstellung, einige Friesen für dessen Umbenennung plädiert. Sie hatten keinen Erfolg, und so blieb der 1927 zur Einweihung ad hoc vergebene Name das Label für den rund elf Kilometer langen Damm, den täglich 120 Züge überqueren.

Diesen Damm hatten nicht alle gewollt, wenn auch niemand aufmuckte bei der feierlichen Eröffnung. Tatsächlich schlugen zwei Seelen in der Sylter Brust: die Lust auf mehr Touristen, einerseits. Und die Angst vor Konkurrenz vom Festland, andererseits. Dabei war spätestens 1920 klar, dass etwas passieren musste. Da wurden nämlich Tondern und Hoyerschleuse dänisch – die beiden einzigen Festlandhäfen nach Sylt. Deutsche Urlauber brauchten von Stund an ein Visum, und die Dänen waren nicht bereit, diesen Zustand lange zu dulden. Also brauchte man eine Sylt-Verbindung auf deutschem Gebiet, und man beschloss, den schon 1914 begonnen, durch den Ersten Weltkrieg unterbrochenen Dammbau fortzusetzen.

Das war nicht einfach, weil der Damm mitten durch den Gezeitenstrom führte, der zwischen Sylt und Festland verlief; lange noch dachten die Sylter an die Flut von 1923, die alles bis dato Gebaute vernichtete. Auch gab es infolge der Rezession oft Geldnöte, bevor der Damm fertig war.

Aber die politischen waren nicht die einzigen Hindernisse; auch die Sylter Gemeinde war geteilter Meinung. Und eben dies hat die Autorin Margaret Boie (1880–1946), die in Danzig (Gdansk) geboren wurde und später am dortigen westpreußischen Provinzialmuseum Hilfskraft war, zum Thema ihres damals bekanntesten Romans gemacht.

„Dammbau“ heißt er, erschien 1930 und musste schnell mehrfach nachgedruckt werden. Jetzt hat der Husum Verlag ihn für seine Reihe „Nordfriesland im Roman“ ausgegraben und zugleich einer emanzipierten Frau ein Epitaph gesetzt, die später nach Sylt zog, dort Romane und Zeitungsartikel schrieb und wegen ihrer akribischen Recherche als „Chronistin von Sylt“ galt.

Diese Akribie spürt man deutlich in dem Roman, der genau 85 Jahre nach Fertigstellung des Hindenburg-Damms erschien und die Ambivalenz zwischen Tradition und Fortschritt an einem bizarren Protagonisten festmacht: am Pastor Eschels, der aus Sylt stammt, inzwischen aber Theologie-Professor in Süddeutschland geworden ist und dort mit seiner Tochter lebt. Er hört von den Dammbau-Plänen, ist Feuer und Flamme für die Idee und bewirbt sich schließlich – unter Hintanlassung von Professorengehalt und Renommee – auf eine Pfarrstelle in Morsum.

Denn er hält den Bau für ein Erfordernis der modernen Zeit, das zu akzeptieren er den Menschen helfen will. Allerdings, die Sylter wollen das nicht: Etliche sind gegen den Bau, andere schwimmen mit dem Strom, weil der Bau Arbeit verspricht – aber sie wollen das nicht vom Pastor erzählt bekommen.

Auch politisch gerät der wohl meinende Gottesmann arg zwischen die Fronten: Er hat nicht recht verinnerlicht, dass mit dem Ende des Kaiserreichs und dem Beginn der Weimarer Republik die kirchliche Oberaufsicht etwa über den Schulunterricht abgeschafft ist – und dass er sich fortan mit dem Lehrer über Kompetenzen streiten muss. Außerdem schätzen es die Sylter nicht, dass der Pastor Unterkünfte für die Dammbau-Arbeiter vom Festland, „die Fremden“, organisiert. Deren Vorarbeiter wiederum mögen es nicht, dass der Pastor den Arbeitern predigt und ihnen schöne Feste kredenzt.

Die Klimax ist dann folgerichtig: Eine Gruppe Sylter schreibt an den Bischof, der den Pastor schließlich abberuft. Und, bizarr, im Moment seiner Abreise kommen sie alle gelaufen. Sie hätten es nicht so gemeint, sagen sie. Nun ja. Der Pastor, enttäuscht, hört nicht mehr hin. Im ideellen Sinne wird er ja auch nicht mehr gebraucht: Der Damm steht, die Kämpfe sind vorbei.

Das alles erzählt Margarete Boie akribisch und detailliert; sie muss sich sehr intensiv in die technischen Details von Soden und Spundwänden eingearbeitet haben. Insofern ist der Roman auch unter technischen Aspekten interessant – allerdings streckenweise arg ausführlich. Andererseits bewahrt Boie friesische Uralt-Namen wie Bleike und Erkel in ihrer Geschichte auf, die man sonst vergessen hätte.

Was die Aktualität des Buches betrifft, geht sie im übrigen über die Jubiläums-Koinzidenz weit hinaus. Denn tatsächlich können sich etliche Sylter keine Bleibe mehr auf ihrer Insel leisten – diesen Worst Case hatten nicht einmal die Morsumer in den 1920er-Jahren erwogen. Andererseits haben die Sylter durch die Eindeichung des Friedrich-Wilhelm-Lübke-Koogs, die durch den Dammbau möglich wurde, 1.400 Hektar Land gewonnen. Eine Win-win-Situation möchte man es trotzdem nicht nennen.

Margarete Boie: Dammbau. Husum Verlag 2012, 336 S., 12,95 Euro