Fünf Liebeserklärungen ans Essen

„Oft saß die ganze Familie am Tisch“

Die Welt wird immer komplizierter, heißt es. Doch Omas Kartoffeln, tröstender Geflügelsalat und der Leberkäse aus der Kindheit bleiben. Sie sind da, wie gute Freunde.

Ein Kind ist etwas mit einem Löffel

Hm, lecker! Foto: imago/Westend61

Die Welt spielt verrückt. Es ist immer noch kalt. Was hilft da? Bettdecke über den Kopf. Oder: Essen. Jeder hat sein persönliches Soulfood. Das ist Essen, das uns glücklich macht. Das wie ein vertrauter Bekannter ist, wie ein großer, weicher Bobtail, in den man sich reinkuscheln kann, wenn alles andere zu kompliziert und scheiße ist. Essen, das keine Fragen stellt und auf das man sich verlassen kann, weil es immer gelingt und immer gut schmeckt. Hier sind fünf dieser Mahlzeiten.

Tröstender Geflügelsalat

Die Wohnung dunkel und leer, niemand da, die Stadt fremd. Doch da war, beim abendlichen Nachhausekommen, die Gewissheit, im Kühlschrank würde eine Portion Geflügelsalat warten und alles auffangen. Stückchen vom Huhn, in der Südseevariante mit Ananas- und Mandarinenbeigabe, in der Metzgerfassung deftiger, mit ­Pilzen. Alles nicht sichtbar, weil in reichlich cremeweißer Soße versenkt, in jedem Falle aber: geschmeidig, tröstend, satt machend. Ein Huhn – wahrscheinlich Ställe voller Hühner, denn dieser Salat wurde in Massen hergestellt – musste dafür sterben, aber das war nun einmal so. Scheibe Toastbrot dazu, leicht angeröstet, serviert ohne viel Schnickschnack. Das schlichte, gute Mahl.

Was nur ist die Psychologie hinter dieser Leidenschaft? Geflügelsalat, da­rauf wies ein kluger Kollege hin, wurde in der currygelben Variante als „Coronation Chicken“ auch zur Krönung von Elisabeth II. gereicht. Vielleicht lief das immer unbewusst mit: Das Leben kann noch so fragil sein, die Wohnung noch so trist und leer, die Weltlage prekär, mit Geflügelsalat holst du dir Glanz ins Haus, Weltläufigkeit, Herrschaft über niemanden, aber, viel besser: über die Situation. Vielleicht ist es auch einfacher ohne royalen Überbau: Kühlschranktür auf, Packung raus, Salat aufs Brot, fertig. Einfach, weil’s schnell geht und schmeckt.

VON FELIX ZIMMERMANN

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Kartoffeln und Quark und Oma

Die Gurke ist ganz wichtig. Sie muss in Streifen in den Quark geraspelt werden. Dazu kommen frische Kräuter (tiefgekühlt nur im Notfall), zu gleichen Teilen Magerquark und Naturjoghurt. Klar, und die Kartoffeln müssen mehlig kochende sein – dann ist das Essen perfekt.

Kartoffeln und Quark: immer gut, immer unkompliziert und da, seit ich denken kann. Als ich Kind war, war es das typische Sommeressen bei meiner Oma, mit einem hart gekochten Ei. Die Balkontür stand offen, davor ein riesiger Kastanienbaum, in dem die Vögel zwitscherten. Das war kein romantischer Bauernhof, aber immerhin der Innenhof einer Plattenbausiedlung. Einen friedlicheren, sommerlicheren Ort konnte ich mir nicht vorstellen.

Oft saß dann die ganze Familie am Tisch, alle liebten dieses Essen, obwohl in Thüringen eine Mahlzeit ohne Fleisch eigentlich keine Mahlzeit ist. Der Kastanienbaum vor dem Balkon meiner Oma ist heute nicht mehr da, und es fehlen ein paar Leute, die früher mit am Tisch saßen. Trotzdem, oder gerade deswegen, schmecken Kartoffeln und Quark jedes Mal, wenn ich das heute koche, nach Sommer und früher.

VON ANNE FROMM

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Fischstäbchen gab es früher freitags

Manchmal liegen die Fischstäbchen und die Kühlkissen nebeneinander im Gefrierfach. Beide sind für schnelle SOS-Einsätze geeignet. Wenn mich nach einem langen Arbeitstag der Hunger überfällt, dann tröstet mich der Anblick einer Packung Fisch im Tiefkühlfach. Dann weiß ich, in wenigen Minuten steht mein Essen auf dem Tisch. Fischstäbchen gab es früher freitags. Ich hatte es vergessen.

Es stimmt überhaupt nicht, dass in Fischstäbchen nur Reste verarbeitet werden. Und es gibt Situationen, da ist es völlig egal, dass die Panade zu dick ist und das Essen vorfrittiert. Schließlich steckt Fischfilet drin. Die Backzeit kann ja für die Zubereitung von etwas sehr Gesundem wie Salat mit frischer Ingwersoße genutzt werden. Also: Den Ofen 5 Minuten bei 220 Grad vorheizen, Fischstäbchen aufs Backblech, die Uhr auf 10 Minuten stellen, dann wenden, und nach weiteren 5 Minuten dampft das Essen.

Die Nachbarjungen haben sich Fischstäbchen gewünscht, mit Pommes, ja klar, und mich wieder darauf gebracht. Sie kabbeln sich darüber, wer wie viele Stäbchen hat, genau wie ich früher mit meinen Geschwistern. Mein gereizter Magen entspannt sich. Das ist der heilende Geschmack von Kindheit.

VON PETRA SCHROTT

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Leberkäse holte uns auf den Boden zurück

Auf die untere Seite der Semmel muss ganz viel Senf. Süßer Senf natürlich, Weißwurstsenf. Das hat Frau Tabbertshofer uns beigebracht. Sie stand selbst am Tresen, wenn wir um kurz nach eins, kurz nach Englisch, kurz vor Sport, beim Fleisch Schlange standen. Damals hießen Supermärkte noch ­Tabbertshofer, Heinrich oder Niederhuber, zwar schon Blau auf Gelb, aber das „Edeka“-Zeichen prangte nur klein neben dem Familiennamen.

Und natürlich stand die Chefin höchstpersönlich beim Fleisch und löffelte den süßen Senf ganz nach ihrem Geschmack aus dem großen Steintopf auf die Semmelhälfte. Ausnahmen wurden nicht gemacht. Dafür führte Frau Tab­berts­hofer ein Leberkäsebuch. Wir Schüler konnten direkt bei ihr anschreiben, so wie die Maurer und Polizisten, die hier auch anstanden.

Die Leberkässemmel holte uns auf den Boden der Tatsachen zurück, nach der Auseinandersetzung mit dem ­Ablativ, stochastischen Grundformeln und dem anhaltenden Scheitern am richtigen Buchstabieren von Ribonukleinsäure. Sehr fettig, sehr süß, sehr salzig. Nach jeder gymnasialen Anstrengung, so einer, wie für diesen Text, kommt mir eine Leberkäs­semmel gerade recht.

VON JÖRN KABISCH

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Pesto Rosso muss unansehnlich sein

„Ich habe nichts im Kühlschrank“ ist ein Satz, der mir Menschen sympathisch macht. Ich wittere dann viel Laisser-faire. Man ist nicht recht vom Bett hochgekommen, hat zu lange gelesen oder Serien geschaut, um es noch zu Supermarktöffnungszeiten aus dem Haus zu schaffen. Außerdem mag man ja meistens Leute, die einen spiegeln, und na ja, ich habe öfter nichts im Kühlschrank.

Was ich immer habe, ist eine Notration Glück: Pesto von Buitoni. Es muss rot sein und so unansehnlich, wie es durchs Glas schimmert, krümelig, braunstichig – wie zu reif gewordene Tomaten. Das Öl obendrauf darf man auf keinen Fall abkippen. Man muss es einrühren, damit der untere Bereich ausreichend befeuchtet wird. Erst mit sauber verteiltem Fett gehen Dextrose, Zitronensäure und Glukosesirup das richtige Verhältnis ein.

Pasta ist zu diesem Pesto von Vorteil, aber kein Muss. Brot geht auch, sofern vorhanden. Umso besser, wenn nicht: Ich stelle mir jetzt vor, wie Sie, liebe Leserinnen und Leser, rote Masse auf Ihre Löffel laden und dann alles zusammen schmecken, Knoblauch, Schärfe, Pi­nienkerne und einen Schuss Maggi. Selig schauen Sie in Ihren leeren Kühlschrank und auf die Unordnung in Ihrer Wohnung; schon wieder echt spät. Sie stellen Billy Idol an, weil das der Achtziger-Jahre-Schriftzug „Pesto Rosso“ so will, und beginnen zu tanzen.

VON ANNABELLE SEUBERT

 

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