Wo die Zitronen blühen

ROMANTISCH Mit „Love Is All You Need“ nahm Susanne Bier eine Auszeit von schweren Stoffen und inszenierte stattdessen eine Hochzeit in Italien

VON WILFRIED HIPPEN

Auf Dänisch heißt der Film „Die glatzköpfige Friseuse“ und das ist ein schön gesetzter Kontrapunkt

Ja, dies ist ein mit genauem Blick auf die Zielgruppe zugeschnittener Unterhaltungsfilm. Die Postkartenbilder von der italienischen Amalfi-Küste und der unverschämt gut aussehende Ex-Bond Pierce Brosnan sind Süßigkeiten für die Augen eines wohl weitgehend weiblichen Publikums. Und erzählt wird eine für das Genre der Romcoms (sprich romantischen Komödien) typische Geschichte: Zwei wohlsituierte, junge und schöne Dänen heiraten in Italien. Die Verwandten und Bekannten der beiden Familien treffen bei den Vorbereitungen des Fests aufeinander. So farbenfroh wie ihre Sommerkleidung sind auch die Persönlichkeiten der Filmfiguren, und so ist für viel Jubel und Trubel gesorgt. Die Mutter der Braut und der Vater des Bräutigams rasseln schon bei der Anreise im Flughafen von Kopenhagen mit ihren Autos aufeinander (in Hollywood-Speak ist dies ein klassisches „meet cute“) und finden einander so unausstehlich, dass jede Zuschauerin in den beiden sofort das ideale romantische Paar sieht. Soweit, so konventionell!

Auch der internationale Titel entspricht diesen Erwartungen, doch in ihrer Muttersprache haben Susanne Bier und ihr Co-Drehbuchschreiber Anders Thomas Jensen den Film „Den skaldede frisoer“ genannt, und „Die glatzköpfige Friseuse“ ist kein sanft gesäuselter Filmtitel, sondern ein schön gesetzter Kontrapunkt. Den bei all der Sonne, den schönen Kleidern und der idyllischen Landschaft wurden hier sehr geschickt Widerhaken in die Geschichte gesetzt, so dass es dann doch nicht nur darum geht, ob und wie die Hochzeit gelingt und wann das Traumpaar sich zum ersten Mal küsst. So hat die Protagonistin gerade eine riskante Chemotherapie hinter sich und es ist noch längst nicht sicher, ob sie von ihrem Brustkrebs geheilt ist. Die schönen blonden Haare sind eine Perücke, die natürlich auch in einen wirkungsvoll inszenierten Moment vom Kopf gezogen wird. Die Mutter der Braut, Astrid, hat auch sonst viel um die Ohren. Gerade hat sie ihren Ehemann mit dessen junger Sekretärin im Bett erwischt und mit dieser taucht er dann auch in Italien auf. Ihr Sohn ist beim Militär und zu einem riskanten Auslandseinsatz beordert und ihre Tochter spielt ein wenig zu bemüht die glückliche Braut. Alles scheint für sie schiefzulaufen, doch Molly Blixt Egelind ist in dieser Rolle so stark, warmherzig und schön, dass ihr auch die Glatze, der tumbe Gatte und der extrem distanzierte Vater des Bräutigams nichts von ihrem Glanz nehmen können. Pierce Brosnan ist hier der Widerspenstige, der gezähmt werden muss (schon zu den Zeiten von Shakespeare eine Romcom-Konvention).

Aus dem einstigen Besitzer der Zitronenplantage, auf der nun die Hochzeit gefeiert werden soll, ist er zum Leiter eines großen Nahrungsmittelkonzerns geworden. Nach Dänemark war der Engländer Patrick wegen der Liebe gekommen, doch nach dem frühen Tod seiner Frau wurde er ein ruppiger Einzelgänger. Seine Schwägerin Benediktine würde nur zu gerne den Platz ihrer Schwester einnehmen, und Paprika Steen spielt sie als ein sehr unterhaltsames, extrem boshaftes und lautes Monster, das immer dann seinen Auftritt hat, wenn der Film droht, zu idyllisch zu werden.

Anders Thomas Jensen und Susanne Bier haben schon in „Brothers – Zwischen Brüdern“, „Nach der Hochzeit“ und dem oscarprämierten „In einer besseren Welt“ zusammengearbeitet. Alle ihre Film sind sehr raffiniert erzählt, und so schlangen sie auch hier immer wieder dramaturgische Haken und bedienen dann doch nicht nur die Erwartungen des Publikums. Nicht alles löst sich zum Schluss in Wohlgefallen auf. So schleicht mit der Tochter von Benediktine eine zutiefst depressive und selbstzerstörerische Filmfigur durch den Film, deren Traurigkeit durch das ewige schöne Wetter nur noch extremer zu spüren ist und auch für eine homosexuelle Liebe kann es kein einfaches glückliches Ende geben. Es sind diese Brüche, die „Love Is All You Need“ interessant machen und dem Titel einen skeptischen, ironischen Unterton geben.