heute in Bremen

„Noch völlig unklar“

VORTRAG Die Gewerkschaft diskutiert über die Digitalisierung der Arbeitswelt und ihre Folgen

Andreas Friemer

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53, ist Sozialwissenschaftler am Institut für Arbeit und Wirtschaft an der Uni Bremen.

taz: Herr Friemer, was genau soll das sein, Arbeit 4.0?

Andreas Friemer: Es ist die Antwort auf „Industrie 4.0“, also die Digitalisierung aller Branchen und Beschäftigungssegmente. Es geht um neue Anforderungsprofile in der gesamten Arbeitswelt und die Auswirkungen, die das auf die Beschäftigten hat.

Führt das nun am Ende zu weniger oder zu mehr Jobs?

Es werden in bestimmten Bereichen in unterschiedlichen Ausmaß Stellen wegfallen. Auf der anderen Seite entstehen durch die automatisierte Interaktion zwischen den Maschinen auch neue Jobs, um zwischen den Schnittstellen die Kontrolle und Störungssicherheit zu gewährleisten. Wie diese Jobs aussehen und wie viele das sein werden, ist aber derzeit noch völlig unklar. Insgesamt gehe ich davon aus, dass mehr Stellen durch Maschinen substituiert werden, als neue hinzukommen.

Steigen für jene, die dann noch einen Job haben werden, nicht auch die Arbeitsbelastungen?

Der Zweck der Digitalisierung ist ja der, dass Prozesse in der gesamten Wertschöpfungskette effektiver werden sollen. Es wird also zu einer zeitlichen wie inhaltlichen Intensivierung und Verdichtung kommen. Die Arbeit wird konzentriert und die Verantwortung der Arbeitnehmer für vor- und nachgelagerte Prozesse wird weiter zunehmen.

Wie kann man diesen Wandel positiv gestalten?

Lebenslanges Lernen wird als Antwort auf die neuen Anforderungen betrachtet. Dazu sollen die Menschen mehr Selbstverantwortung für ihre eigene Beschäftigungsfähigkeit übernehmen. Hierfür bedarf es entsprechender Bildungsinfrastruktur. Zugleich geht es darum, die Umbrüche institutionell zumindest abzumildern.

Müsste man da nicht auch über ein bedingungsloses Grundeinkommen reden?

Das gibt es als Idee, aber in der vom Bundesarbeitsministerium angestoßenen Debatte über Arbeit 4.0 ist das jetzt bewusst kein Thema, mit dem der Staat sich befasst. Der Ansatz ist vielmehr, die gesellschaftliche Teilhabe der Menschen durch Arbeit zu sichern und die Sozialsysteme, so wie sie heute sind, im Prinzip zu erhalten – und die beruhen ja auf Erwerbsarbeit.

Am Ende wird es aber doch weniger Jobs für weniger gut Qualifizierte geben.

Das ist branchenabhängig! Es gibt ja nicht nur die industrielle Arbeit, auch die personennahen Dienstleistungen nehmen ja zu. Da gibt es zwar auch Digitalisierung, aber auch hohe Anforderungen an die menschliche Arbeitskraft. Man darf das nicht über einen Kamm scheren. INTERVIEW JAN ZIER

18 Uhr, DGB-Haus, Tivoli-Saal