„In Seifenblasen leben wir alle“

Wie akzeptiert man ein Schicksal, aus dem es keinen Ausweg gibt? Ein Gespräch mit dem britischen Schriftsteller Kazuo Ishiguro über seinen neuen Roman „Alles, was wir geben mussten“, das Klonen und die Frage, was es bedeutet, ein Mensch zu sein

taz: Herr Ishiguro, Sie sind ein britischer Schriftsteller japanischer Herkunft. Spielt diese Herkunft eine Rolle für Sie oder für Ihre Stellung in der britischen Literaturszene?

Kazuo Ishiguro: Ich glaube, zu Beginn meiner Karriere spielte es eine sehr große Rolle. Die Generation von Autoren, die etwas älter sind als ich, war in allem sehr englisch, sowohl in ihren Themen als auch ihrem persönlichen Hintergrund nach – Iris Murdoch etwa, Anthony Burgess, Kingsley Amis. Aber dann in den Achtzigerjahren, als ich zu veröffentlichen begann, gab es auf einmal einen großen Drang nach mehr Internationalität – nicht nur in der literarischen Welt, sondern in der englischen Gesellschaft insgesamt. Nach dem Zerfall des British Empire hatte es wohl einfach so lange gedauert, bis man gemerkt hatte, dass Großbritannien nicht mehr der Nabel der Welt war, sondern nur noch eine kleine Insel. Und jetzt gab es eine neue Generation von Verlegern und Journalisten, die sich sehr für Literatur einsetzten, die zwar in Großbritannien entstanden war, aber diese internationale Aura hatte. Ich wäre wahrscheinlich lange unbekannt geblieben, hätte ich in den Siebzigern schon angefangen zu publizieren.

Hat dieser Exotenbonus Sie nie gestört?

Im Laufe der Jahre konnte ich mich allmählich von dem Label befreien. Je bekannter ich wurde, desto weniger fragten mich die Leute über Japan. Aber lange Zeit bekam ich in Interviews immer Fragen gestellt wie: Wie kommt ein japanischer Autor dazu, ein Buch zu schreiben, in dem nur Engländer vorkommen?

Wenn man Ihr bekanntestes Buch „Was vom Tage übrig blieb“ und Ihren neuen Roman „Alles, was wir geben mussten“ nebeneinander stellt, kann man den Eindruck bekommen, dass Sie gern mit sehr typisch englischen Schauplätzen operieren. Sowohl das Herrenhaus Darlington Hall in „Was vom Tage übrig blieb“ als auch das Internat, in dem der größte Teil des neuen Romans spielt, sind sehr, sehr britische Lebenswelten, vor allem aber sehr in sich geschlossene Welten.

Das ist eine Art Trick. Ja, ich spiele mit dem internationalen Bild oder dem Mythos, wenn Sie wollen, von England. Das ist ein England, in dem ich nie gelebt habe. Ich bin nicht im England von Herrenhäusern und Butlern aufgewachsen.

Und Sie sind nie auf ein Internat gegangen.

Nein. Aber irgendwie paradoxerweise ist das wohl meine Art, ein England zu kreieren, das überall in der Welt verstanden wird. So ähnlich wie die Cowboyfilme, mit denen Hollywood ein Bild von Amerika geschaffen hat, das es so in der Wirklichkeit nie gegeben hat.

Ihr neuer Roman handelt von einer Gruppe Jugendlicher, die in einem scheinbar typischen englischen Internat aufwachsen. Je älter sie werden, desto mehr erfahren sie über ihr besonderes Schicksal: Sie sind Klone, zu dem Zweck gezüchtet, ihre lebenswichtigen Organe zu spenden und zu sterben, wenn sie im besten Erwachsenenalter sind. Welche Funktion hat die Welt des Internats in dieser Geschichte?

Das Internat ist für mich ein Emblem, eine Verkörperung von Kindheit. Auf gewisse Weise leben Kinder getrennt von uns, von der Welt der Erwachsenen, auch wenn sie physisch mitten unter uns sind. Als meine Tochter – sie ist jetzt dreizehn – so vier, fünf Jahre alt war, merkte ich, wenn ich mit ihr unterwegs war, dass die Leute ihretwegen anfingen, seltsame Dinge zu tun, Grimassen zu schneiden oder mit komischer Stimme zu reden. Es schien eine allgemeine Verschwörung zu sein, um meine Tochter glauben zu machen, die Welt sei ein viel besserer Ort, als sie in Wirklichkeit ist. Das ist ein Instinkt, den wir alle haben, wenn es um kleine Kinder geht: Wir betrügen sie, um sie zu schützen. Sie leben in einer Kindheitswelt, in ihrer eigenen Seifenblase. Wenn sie älter werden, geben wir ihnen tröpfchenweise Informationen über den tatsächlichen Stand der Dinge. Und aus ihrer Seifenblase heraus versuchen die Kinder zu verstehen: Was ist da draußen? Warum erzählen sie uns das?

Die Protagonisten in Ihrem Roman verlassen auch als junge Erwachsene nicht wirklich diese Seifenblase. Nach dem Internat leben sie auf einem einsam gelegenen bäuerlichen Anwesen, später, wenn sie zu „Spendern“ werden, in eigens für sie erbauten medizinischen Zentren – geschlossene, vom Rest der Welt getrennte Räume.

Es ist eine extreme Karikatur, aber ich denke, die meisten von uns leben in solchen Seifenblasen. Wir leben in unseren kleinen Welten, und unsere Perspektive wird durch unsere Umgebung geprägt. Auf jeden Fall leben wohl all meine Charaktere in solchen Blasen.

Wie kamen Sie auf die Idee, die Figuren zu Klonen zu machen?

Oh, das kam fast ganz zum Schluss. Dies ist mein dritter Versuch, diese Geschichte zu schreiben. Zu Hause habe ich Aktenordner von 1990, mit meinen ersten Notizen und Entwürfen dazu. Damals schrieb ich über eine Gruppe junger Leute, die auf dem Land leben. Ich nenne sie Studenten, aber es gibt keine Universität – sehr geheimnisvoll. Und ich hatte schon die Charaktere und ihre Beziehungen untereinander. Was ich noch brauchte, war irgendein besonderes, eigenes Schicksal, das über ihnen hing, aber ich wusste nicht, was es sein konnte. Ich spielte ein bisschen herum mit einer Story, die mit Atomwaffen zu tun hatte, aber es fehlte immer das letzte Mosaiksteinchen. Also gab ich es auf und schrieb stattdessen „Die Ungetrösteten“, versuchte es dann ein zweites Mal, gab wieder auf und schrieb meinen vorigen Roman, „Als wir Waisen waren“. Und 2001 begann ich zum dritten Mal, an diesem Buch zu arbeiten. Das war ein Jahr, in dem dem die Diskussion über Klonen und Biotechnologie sehr aktuell war und in Großbritannien viele Dinge passierten. Normalerweise verfolge ich diese Art von gesellschaftlichen Entwicklungen nicht so intensiv. Aber das hier faszinierte mich, weil es ins Herz der Frage führte: Was bedeutet es, ein Mensch zu sein? Da dachte ich: Ah, das ist es, was gefehlt hat, das ist genau der Rahmen, den meine Geschichte braucht. Nicht Atomphysik, sondern Biotechnologie.

Was bedeutet es denn für die Klone in Ihrem Buch, ein Mensch zu sein?

Ich wollte, dass sie dieselben Fragen stellen, die wir uns alle stellen. Das ist der Grund, warum sie auf merkwürdige Art und Weise ihr Schicksal akzeptieren, denn auch wir akzeptieren die Tatsache, dass wir sterblich sind, dass es keinen wirklichen Ausweg gibt. Wir können uns an die Religion halten oder versuchen, etwas zu hinterlassen, Kinder etwa oder Kunst … Auf unbestimmte Art denken wir gern, Liebe und dergleichen könnte uns helfen, nicht so sehr darunter zu leiden, dass der Tod bestimmt kommt. Wir hängen an dem Gedanken, dass Liebe den Tod überwinden könnte. Die Jugendlichen im Buch haben diesen Mythos, dass die letzte, zum Tode führende Organspende hinausgeschoben werden kann, wenn zwei sich wirklich lieben. Es ist ein Mythos, mehr nicht. Aber ich wollte wohl ausdrücken, Liebe und zu einem geringeren Ausmaß auch Kunst machen sehr wohl einen Unterschied. Sie geben ihrem Leben Bedeutung. Sie machen sie menschlich.

Ist es das, was Sie meinen, wenn Sie sagen, das Buch sei optimistisch?

Ja.

Wirklich optimistisch wäre es, wenn eine Ihrer Figuren zum Flughafen fahren würde, um sich ein Ticket nach Australien zu kaufen und sich so ihrem Schicksal zu entziehen.

Aber das ist nicht die Geschichte, die mich interessiert hat. Der Film „Die Insel“, den ich nicht kannte, bevor mein Buch erschien, erzählt sie. Dort stehen die Klone für eine ausgebeutete, unterdrückte Klasse. Aber das ist es nicht, was ich erzählen wollte. Mir ging es darum, zu zeigen, wie sie ihr Schicksal akzeptieren und das Beste aus dem Leben zu machen versuchen, das sie haben.

Würden Sie sich als existenzialistischen Autor bezeichnen?

Oh, Labels mag ich überhaupt nicht (lacht und deutet einen imaginären Schriftzug auf seinem schwarzen T-Shirt an).

Können Sie sich mit existenzialistischen Ideen identifizieren?

Mehr als mit religiösen Ideen, ja. Persönlich denke ich, wir haben dieses begrenzte Stück Leben, und das war’s, jenseits davon gibt es nichts. Es gibt keinen Flughafen, von dem aus wir unsere begrenzte Erfahrungswelt verlassen können. Also geht es darum, wie wir unser Leben verbringen, während wir da sind.

Sind Sie eigentlich glücklich beim Schreiben?

Ich weine nicht beim Schreiben. Aber wenn man über traurige Dinge schreibt, dann hat man sicherlich auch traurige Emotionen. Doch gleichzeitig versucht man ja, etwas zu schaffen, das auf seine Art auch schön ist. Ob andere es schön finden oder nicht – wenn ich selbst das Gefühl habe, dass es zusammenpasst, dann bin ich auf seltsame Weise glücklich. Das ist ein Paradox aller Kunst, denke ich.

Wahre Kunst sei immer glücklich, schrieb kürzlich ein Kritiker in dieser Zeitung …

Vielleicht kann man es nicht mit Begriffen wie „glücklich“ oder „traurig“ fassen. Es ist eine Art Katharsis. Wenn wir fühlen, dass jemand etwas ausdrückt, eine Emotion, die man in sich trägt, der aber bisher ein entsprechendes Bild fehlte, dann sind wir glücklich. Glücklich, dass unsere Traurigkeit einen Ausdruck gefunden hat. Das ist natürlich etwas ganz anderes, als „Mary Poppins“ zu sehen. Und natürlich weiß ich nicht genau, wie die Leute meine Bücher lesen. Vielleicht sind meine Gefühle beim Schreiben sehr verschieden von denen der Leute, die meine Bücher lesen, ob sie ihnen nun gefallen oder nicht. Außerdem ist es für mich sehr harte Arbeit, einen Roman zu schreiben. Dieses tägliche Schreiben fällt mir immer schwerer, je älter ich werde.

Schreiben Sie jeden Tag?

Nein. Als Schriftsteller ist es heutzutage so, als würde man ein kleines Unternehmen leiten. Zwanzig bis dreißig Prozent meiner Arbeitszeit verbringe ich mit anderen Dingen, von denen Lesereisen und Interviews nur ein Teil sind. Es muss entschieden werden, an welchen Verlag die lettischen Rechte verkauft werden sollen, welche Pressezitate auf das Cover der amerikanischen Taschenbuchausgabe kommen, welches Umschlagbild auf die brasilianische Ausgabe und so weiter. Aber wenn ich schreibe, dann sage ich, von diesem Datum bis zu jenem habe ich keine Zeit, bitte ruft erst danach an. Das ist für mich die einzig mögliche Art, mein Leben zu organisieren. Als ich jung war, dachte ich, Schriftsteller führten ein weltabgewandtes, hochkultiviertes Leben, das nichts mit Business und Geld zu tun hätte. Und jetzt rede ich ständig über Deals und Prozente. Es ist fast so, als würde man Waschmaschinen oder Autos verkaufen. Und dann diese Publicity-Geschichten. Soll ich ins Fernsehen und, wenn ja, in welche Sendung, und was soll ich anziehen, wenn ich fotografiert werde …

Auf Fotos tragen Sie immer schwarze T-Shirts.

Ja, weil das am besten aussieht.

Erinnert irgendwie an Juliette Gréco.

Trug sie auch immer Schwarz?

Immer. Alle Existenzialisten in Paris.

Wahrscheinlich aus demselben Grund. Es sieht auf Fotos einfach gut aus.