Bundeswehr in Mali

In der Hitze von Camp Castor

Ein Soldat, der auf den Einsatz wartet, Männer, die im Schatten dösen – alles scheint ruhig zu sein in Gao. Aber was, wenn der Ernstfall eintritt?

Ein Mann sitzt in einem Kampfhubschrauber

Soldat und Hubschrauber. Szene aus Camp Castor Foto: Katrin Gänsler

GAO taz | Es ist ein liebevoller Blick, den Stephan K. für „sein Baby“ hat. Er lässt ihn von Cockpit über die Blätter bis hin zu den offenen Türen wandern. Dahinter verbergen sich Beatmungsgeräte, Monitore zur Patientenüberwachung, ein Defibrillator, eine Spritzenpumpe – all das, was ein Rettungswagen auch an Bord hat. Der einzige Unterschied ist der Einsatzort: Stephan K.s „Baby“ steht als einer von vier Hubschraubern des Typs NH-90 im Camp Castor am Rande der nordmalischen Stadt Gao.

Auch in dem riesengroßen schützenden Zelt in hellem Beige klettert die Temperatur in den Mittagsstunden auf über 40 Grad Celsius. Der 48-jährige Soldat, der am größten Auslandseinsatz der Bundeswehr teilnimmt und deshalb nicht seinen vollen Namen nennen möchte, muss im Hubschrauber knien. Dabei überprüft er jedes Gerät auf Einsatzbereitschaft. Hier ein Knopfdruck, da der Blick in eine Box. Irgendwann nickt Stephan K., der sich vor neun Jahren für die Luftrettung entschied, und sagt: „Sanitätstechnisch sind wir einsatzbereit.“

Gleichzeitig hofft er, dass er einen Einsatz bis Mitte April, wenn er vorläufig nach Deutschland zurückkehrt, nicht miterleben muss. Einen „scharfen Einsatz“, wie sie im Camp sagen, mit zwei Schwerverletzten hat es bisher einmal gegeben. Der Angriff auf einen Konvoi und der anschließende Flug ist bei den Heeresfliegern bis heute Thema.

K. hat sich für einen Moment in die offene Tür des Hubschraubers gesetzt. Er trägt einen langärmligen Fliegeroverall, schwere Schuhe, seine Waffe auf der linken Seite. Sein Gesicht glänzt vor Schweiß. „Dann kommen natürlich die Fragen hoch. Was passiert nach dem Aufenthalt im Krankenhaus? Es gibt ja keine Rehamaßnahmen.“ Stephan K., der auch für die Ausbildung der Rettungssanitäter zuständig ist, ist einer der wenigen Soldaten, die das Camp Castor überhaupt verlassen dürfen.

Mali: Das riesige Land im Herzen der westafrikanischen Sahelzone ist eines der ärmsten der Welt und ein wichtiges Ursprungs- und Transitland für Migration in Richtung Europa.

Politische Krise: Anfang 2012 übernahmen Rebellen des Tuareg-Nomadenvolks die Kontrolle über Malis Nordhälfte und wurden rasch von radikalen Islamisten verdrängt, während in Malis Hauptstadt Bamako das Militär putschte. Die Wirren endeten erst, als 2013 Frankreich eingriff. Die Islamisten wurden zerschlagen, ein neuer gewählter Präsident Malis schloss Frieden mit den Tuareg-Rebellen.

Aktuelle Probleme: Die Umsetzung des Friedensabkommens stockt. Staat und Tuareg-Rebellen finden nicht zusammen.

UN-Truppen: Die UN-Mission in Mali (Minusma) soll die Umsetzung des Abkommens mit den Tuareg überwachen, während Frankreich separat die Islamisten jagt. Deutschland ist an der UN-Mission beteiligt, ebenso an einer EU-Ausbildungsmission für Malis Sicherheitskräfte.

Der Einsatz in Gao gilt als gefährlich. Das Umland ist nicht sicher, islamistische Gruppen verüben immer wieder Überfälle und Anschläge. Auch Gao selbst ist immer wieder Anschlagsziel. Die große Mehrheit der aktuell 727 deutschen Soldaten in Gao lebt auf dem gut gesicherten Bundeswehrgelände. Nur während der An- und Abreise geht es im geschützten Fahrzeug und in Schutzweste zum Flughafen, der nur wenige Hundert Meter entfernt liegt. Man klagt über die schlechte Landebahn, die immer mehr zur Schotterpiste wird.

Noch vor ein paar Jahren hätte niemand damit gerechnet, wie strategisch wichtig der Flughafen mit seinem halb verfallenen sandgelben Gebäude einmal werden würde.

Nach Gao selbst kommen nur jene Soldaten, die Patrouillen fahren. Auf Dschihadisten oder Banditen soll das abschreckend wirken. Gleiches gilt für den Einsatz der deutschen Hubschrauber, auch wenn sie nur zu Übungsflügen – etwa eine Staublandung in der Wüste – aufsteigen. Zur Aufklärung weren auch die kleine Drohne Luna sowie das etwas größere Aufklärungsflugzeug eingesetzt.

Auf zur Staublandung

Im Zentrum von Gao sind die weißen Fahrzeuge mit dem Aufdruck „UN“ sichtbarer. Die UN-Mission Minusma in Mali hat landesweit über 11.000 Blauhelme stationiert. Auf den Dächern flattern kleine blaue Flaggen mit Logo im Wind. An einigen Ecken stehen auch Soldaten der malischen Armee, die zum Beispiel am Platz der Unabhängigkeit für Abschreckung sorgen sollen. Am frühen Nachmittag ist die Stadt, die einst Wirtschaftsmetropole des Nordens war und in der heute etwa 100.000 Menschen leben, so träge, dass die UN-Fahrzeuge für einen Moment überdimensioniert wirken.

In Mali geht es längst nicht nur um tausende Soldaten aus 50 Nationen, sondern auch um die Frage, was aus dem Land künftig wird

Nur wenige Hundert Meter entfernt nahe der größten Einkaufsstraße ändert sich das. Zwiebelverkäufer dösen im Schatten, junge Männer fahren auf Mopeds durch die Gegend. Bewacht werden hier nur noch ein paar Banken, vor denen mit Sand gefüllte Fässer aufgestellt worden sind. Schon im vergangenen Jahr klagten Bewohner in der Region über Wegelagerer, Raubüberfälle und schwer bewaffnete Banditen. Sie dürften schon wenige Kilometer vom Stadtzentrum entfernt leichtes Spiel haben, weil die Straßen dort zu kaum noch erkennbaren Sandpisten werden. Die Checkpoints wirken halbherzig auf­gebaut, und die malischen Soldaten machen nicht den Eindruck, es mit schwer bewaffneten Terroristen aufnehmen zu wollen.

Dabei wäre es ihre Aufgabe, auf Terroristejagd zu gehen. Dafür sind außerdem Soldaten der französischen Barkhane-Mission im Rahmen eines bilateralen Abkommens vor Ort. Sie kämpfen auch mal in der Wüste gegen islamistische Gruppen. Die gut 11.000 Blauhelme haben dafür kein Mandat. Sehr zum Unmut der Bevölkerung. In fast jedem Gesprächen heißt es irgendwann: In Gao sieht man sie zwar, aber niemand bewacht beispielsweise die Straße, die durch die Wüste in Richtung Norden nach Kidal führt. Soldaten wiederum beklagen, dass die Menschen vor Ort das nicht verstehen wollen.

„Gefährlichste Mission der Welt“?

Kader Touré schiebt das Tor zum Hinterhof auf. Dort befindet sich das Studio des Radiosenders Annia, den er leitet. Er stammt aus Timbuktu, lebt aber seit 27 Jahren in Gao. „Ohne die Soldaten der Minusma wäre die Lage schlimmer“, sagt er, als er hinter dem Mikrofon in dem düsteren Studio sitzt. Was er meint, wird schnell deutlich.

Immer wieder kommt er auf die Besetzung durch die islamistische Gruppierung Mujao – die Bewegung für Einheit und Dschihad in Westafrika – zu sprechen, die Gao von April 2012 bis Januar 2013 besetzte. Im übrigen Norden waren al-Qaida im Islamischen Maghreb sowie ­Ansar Dine – die sogenannten Verfechter des Glaubens – aktiv. Die Gruppen legten die Scharia mit besonderer Härte aus; die Wirtschaft brach zusammen, Banken funktionierten nicht mehr, 200.000 Menschen flüchteten. Nachdem Frankreich 2013 die Islamisten verjagt hatte, kam die UN-Mission, um gemeinsam mit Malis Regierung den Norden wieder unter Kontrolle zu bekommen.

Für die Bundeswehr wird der Einsatz oft als die „gefährlichste Mission der Welt“ bezeichnet. In Gao hat sich bei vielen Bundeswehrsoldaten neben dem Angriff auf den Konvoi allerdings ein anderer Anschlag eingebrannt: Auf dem Weg in die Stadt liegt auf der rechten Seite das Lager der MOC, des in Malis Friedensprozess vereinbarten Zusammenschlusses aus Regierungssoldaten und ehemaligen Rebellengruppen, die gemeinsam Städte wie Gao sichern sollen. Bei einem Anschlag von al-Qaida auf die MOC-Basis in Gao starben Mitte Januar mindestens 70 Menschen. Heute ist der Eingang zwar besser gesichert, doch trotzdem erinnert der Anschlag daran, dass die diffuse Gefahr plötzlich sehr real werden kann.

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In der großen Halle steht Stephan K. neben seinem „Baby“. Zweimal täglich kommt ein Briefing aus der Hauptstadt Bamako, damit Piloten und Rettungspersonal wissen, wo welcher Konvoi unterwegs ist und wo es im Fall der Fälle hingehen könnte. An diesem Morgen bleibt es ruhig. Trotzdem sagt der Soldat: „Ich halte den Einsatz für hochbrisant.“ Er war vorher viermal in Afghanistan und Mazedonien und wird noch zweimal nach Gao kommen.

Angst vor Sprengfallen

Sollten sie fliegen müssen, dann aus Sicherheitsgründen mit zwei Hubschraubern. Einer landet und nimmt Patienten auf, der zweite bleibt zur Überwachung in der Luft. Neben der Patientenversorgung geht es auch darum, Angreifern kein hochwertiges Material zu überlassen. Viel wahrscheinlicher als ein offenes Feuergefecht dürfte jedoch der Anschlag mit einem Improvised Explosive Device sein. Im Camp Castor, das die niederländische Armee errichtet hat, wird oft darüber gesprochen. Die Sprengstofffallen, versteckt unter Brücken, in Wasserkanistern oder parkenden Autos, gelten als größtes Sicherheitsrisiko. Manchmal kommt es innerhalb weniger Tage zu mehreren Anschlägen.

Im Studio von Radio Annia bereitet Kader Touré die nächste Sendung vor. Meist wird in Songhai, der am weitesten verbreiteten Sprache in der Region, gesendet. Touré legt sich ein paar Zettel zurecht. Das Nachrichtenprogramm wird nicht vom Minusma-Einsatz beherrscht, sondern aktuell auch von der Konferenz zur nationalen Einigung, die am Montag in Bamako begonnen hat. Zahlreiche Grup­pierungen haben abgesagt, obwohl das Treffen als richtungweisend für die Entwicklung des Landes galt.

Im Norden geht es längst nicht nur um Tausende Soldaten aus 50 Nationen, sondern auch um die Frage, was aus dem Land künftig wird. Bevor die Islamisten 2012 kamen, hatte ein Teil der Tuareg schließlich die Spaltung vom Süden gefordert. „Die Fragen, wie die verschiedenen Gruppen zusammenleben und wie sich unser Land wieder vereinigt, bleiben“, sagt Touré und wippt fast unmerklich auf dem alten Stuhl hin und her. Die wenigen Lichtstrahlen, die von draußen eindringen werden kräftiger. Der Sonnenuntergang steht kurz bevor.

Kader Touré stellt sich auf einen langen Prozess ein. Gut sechs Kilometer entfernt tut Stephan K. das Gleiche. „Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht“, sagt er. Das gilt auch für die Mali-Mission. Niemand geht von einem schnellen Ende aus: Noch einmal schaut K. sein Baby an. „Ich glaube an den Einsatz“, sagt er.

 

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