Berliner Volksbühne

Haben die 'n Rad ab?

Mit dem Ende der Ära Castorf soll auch die berühmte Rad-Skulptur vor der Volksbühne verschwinden. Ist das eine überzogene Trotzreaktion?

Bald isses weg, das Wahrzeichen des Rosa-Luxemburg-Platzes in Mitte Foto: dpa

PRO

Ja, ohne jeden Zweifel. Natürlich kann man geteilter Meinung sein über das, was der künftige Intendant Chris Dercon aus der Volksbühne machen will und wird. Aber das Rad wegzunehmen, das geht gar nicht. Das Rad ist nämlich nicht bloß Markenzeichen des Theaters: Es ist längst ein kiezprägendes Element geworden. Es hat für den Schreiber dieser Zeilen den Platz vor dem Theater zu einem Ort gemacht, um den man wegen seiner Besonderheit noch mal extra mit dem Rad kurvt. Da ist es völlig egal, ob man Castorf-Inszenierungen mag oder, wie in diesem Fall, eindeutig nicht.

Oberflächlich? Banal? Ja, gerne. Wenn sich schon vieles ändert und den Bach runtergeht – wenigstens das Rad, dieser lustige, einfach mal so dahingemalte Kopffüßler, soll da bleiben, wo es, wo er ist.

Rein juristisch scheint die Skulptur im Eigentum desjenigen zu sein, der sie mal aufgestellt hat. Es ist aber den Versuch wert, gerichtlich abzuklopfen, ob es nicht so etwas wie ein Gewohnheitsrecht gibt – Eigentum verpflichtet, heißt es doch. Ob hier nicht auch im weiteren Sinne Veränderungssperre, Milieu- und Denkmalschutz gelten. Ob solche Skulpturen, die ein ganzes Stadtbild dermaßen geprägt haben, nicht nur gefühlt, sondern auch rechtlich vergesellschaftet sind und nicht mehr nur einem allein gehören. Warum sollte es vor diesem Hintergrund nicht möglich sein, den Aufsteller gegen Entschädigung zu enteignen?

Der Zeitplan: Die berühmte ­Eisenskulptur, die der Designer Rainer Haußmann 1994 gebaut und aufgestellt hat, soll bis zum Ende der Spielzeit im Juli abgebaut werden. Dann löst der ­belgische Kulturmanager Chris Dercon den langjährigen Intendanten Frank Castorf ab. Der Abbau sei nicht nur der Wunsch von Haußmann, sondern auch der Wunsch von Noch­intendant Frank Castorf und vielen Mitarbeitern der Volksbühne, so Volksbühnen-Chefdramaturg Carl Hegemann.

Der Hintergrund: Die Idee zum Rad-Logo der Volksbühne entstand während Castorfs Inszenierung "Räuber von Schiller" im Jahr 1990. Das stilisierte Rad sollte an die sogenannten Gaunerzinken erinnern, mit der sich Räuber untereinander in einer gezeichneten Geheimsprache verständigten. Für die Volksbühne stand das Rad über Jahrzehnte auch für das Rebellische und Aufrührerische der Theatermacher. Zudem war es ein beliebter Merchandising-Artikel des Theaters, der T-Shirts, Streichholzschachteln, Poster und Jute-Beutel zierte. Dercon war 2015 vom Regierenden und damaligen Kultursenator Michael Müller als Nachfolger des seit 1992 amtierenden Castorf berufen worden. Die Ernennung löste einen Sturm des Protests aus. Mitarbeiter der Volksbühne werfen Dercon vor, dass er das Theater in ein Tanz- und Festspielhaus verwandeln und so die Organisation der Volksbühne infrage stellen könnte. (dpa, epd)

Wie geht die Geschichte andernfalls weiter? Baut die Belegschaft des Theaters am Schiffbauerdamm den weithin sichtbaren Ring mit der „Berliner Ensemble“-Leuchtschrift auf dem Dach ab, wenn wie Castorf dort Claus Peymann geht und nach sich die Sintflut wähnt?

Der Kopffüßler vor der Volksbühne ist viel mehr als Ausdruck einer Auffassung von Theater. Er ist selbst Kulturgut – und kulturvergessen wäre es nicht nur, ihn abzubauen, sondern in gleicher Weise zuzulassen, dass das passiert. „Müller, übernehmen Sie“, hat die taz Berlin am Mittwoch zum Thema Tegel Richtung Regierungschef getitelt – heute geht der Aufruf an den Kultursenator: „Lederer, übernehmen Sie!“ (Stefan Alberti)

CONTRA

Manchmal ist es ja so: Erst wenn einem etwas fehlt, merkt man, was man daran hatte. Nur ist es dann in den meisten Fällen zu spät. Vorbei die Möglichkeit, selbst noch Einfluss zu nehmen auf die Entscheidung. Oder, um bei der Volksbühne und dem Räuberrad zu bleiben, mitzumischen in der seit Monaten anhaltenden und aufgeregten Intendantendebatte Dercon versus Castorf und die Frage: Was ist die Volksbühne eigentlich, und was ist, wenn sie nicht mehr ist in der bisherigen Form?

Wer dagegen nicht sentimental ist und nicht nur das liebgewonnene und allgegenwärtige Volksbühnensymbol sieht, sondern auch die Motive von Rainer Haußmann, sein 1994 geschaffenes „Laufendes Rad“ zu entfernen, wird unweigerlich zustimmen müssen: Das Rad muss weg. Und das gleich aus drei Gründen.

Erstens, weil es der Künstler so will, und der hat das Autorenrecht. Zweitens, weil es das Ensemble so will (und der Kultursenator wohl auch), weil es nach wie vor keinen Frieden schließen will mit der neuen Intendanz. Drittens auch, weil nur das „abbe Rad“ als Leerstelle im Stadtraum auch die Leerstelle Volksbühne zu symbolisieren vermag.

Aber selbst wenn man nicht der Volksbühnenfamilie angehört und die Entscheidung des damaligen Kultursenators Michael Müller (SPD) gegen Castorf und für Dercon nachvollziehen kann, ist eine Volksbühne ohne Räuberrad die richtige, weil konsequente Entscheidung. Denn der Intendantenwechsel ist eine Zäsur, und diese muss für alle sichtbar sein. Alles andere wäre eine Nebelkerze. Hier ein bisschen Wechsel, dort ein bisschen Kontinuität. Wischiwaschi der billigsten Sorte.

Aber das Stadtbild ist keine Wohlfühlveranstaltung. Würde ja auch keiner auf die Idee kommen, am neuen Suhrkamp-Gebäude ein Wandbild des Kiosks anzubringen, der dem Bauvorhaben weichen musste.

Und wohin kommt das Räuberrad nun? Rainer Haußmann ist um die Antwort darauf nicht zu beneiden. Denn jeder neue Standort wäre schon ein Statement und muss den Volksbühnenvergleich fürchten. Also am besten ins Museum. Oder auf den Friedhof. (Uwe Rada)

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„Richtig schön multikulti“ – Erkundungen im Kiez rund um den taz Neubau:

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