Kolumne Geht's noch

Der Schulzzug fährt

Die Euphorie für Martin Schulz scheint grenzenlos. Und plötzlich sprechen alle vom „Schulzzug“. Doch was soll das eigentlich bedeuten?

Mann schlägt sich in einer Zeichnung gegen die Stirn

Schulzzug, ts, ts, ts Illustration: TOM

Wie ein richtiger Medienstar hatte er auch schon einen kleinen Skandal: Der Schulzzug fuhr in einem Online-Spiel Frauke Petry und Wladimir Putin um und das sorgte vor ein bisschen mehr als einer Woche für Trubel. Forsch darf der Schulzzug sein, aber bitte nicht gewalttätig.

Schon längst fährt der Schulzzug (bzw. Schulz-Zug) durch die Meldungen und Kommentare in Zeitungen, im Radio, im Fernsehen. Zum Beispiel nach der Saarland-Wahl: „Haltesignal für den Schulz-Zug“ (FAZ) oder „Schulz-Zug ist doch kein ICE“ („heute-journal“).

Manchmal, wenn in Medien Dinge laut gefeiert oder ausgebuht werden, ist die Aufregung ein bisschen künstlich. Als ob alle Journalist*innen zusammen in einem kleinen Zimmer stehen und versuchen, sich zu übertönen. Draußen tote Hose, drinnen Mordsgeschrei.

Doch in diesem Fall scheint es tatsächlich etwas zu geben, das es zu benennen gilt. Der Schulzzug steht für 10.000 neue Parteieintritte, für lächelnde SPD-Gesichter, für 100 Prozent der gültigen Stimmen. Die Kür von Martin Schulz hat etwas losgetreten, das irgendwie mit Euphorie beschrieben werden kann. Oder eben mit einem Schnellzug, der an einem vorbei rauscht.

Es ist fast absurd, wie schnell sich die Zug-Metapher etabliert hat. Dabei funktioniert sie als Sinnbild nicht so richtig. Was soll das denn bedeuten? Ist Martin Schulz der Zug? Ist er der Schaffner? Wo fährt er hin? Wo macht er Halt? Wen nimmt er mit? Alles Fragen, die noch von keinem Leitartikel beantwortet wurden.

Nicht so schlimm – wir wissen, was gemeint ist. Deshalb gibt es doch Sprache. Es muss nicht immer alles Sinn machen. Beziehungsweise ergeben. Hauptsache wir verstehen uns.

Ein Metaphern-Coup

„Schulzzug“, das klingt wie aus der Texterstube einer PR-Agentur als Teil der großen Martin-Schulz-Show. Sein ganzes Auftreten ist sehr klug inszeniert. Dass Schulz zum Beispiel oft in einer Art Arena spricht, wie auf dem Sonderparteitag, wo er Kanzlerkandiat wurde. Der Effekt ist, dass auf den Fotos – egal aus welcher Richtung geschossen – Menschen im Hintergrund zu sehen sind. „Volksnah“ lautet die Subbotschaft. Genial.

So gesehen ist auch der Schulzzug perfekt. Lauter positive Assoziationen gibt es dazu: Bodenständigkeit, Kraft, Durchsetzungsstärke, Arbeiterklasse. Alles oldschool sozialdemokratisch. Außerdem zischt es zwischen den beiden Silben so schön.

Im besten Fall macht eine Metapher alle klüger, weil ihre Bildhaftigkeit eine neue Bedeutung schafft. Benennt der Zug also das, worum es geht? Das Interessante am Phänomen Schulz ist ja nicht unbedingt der Mann, sondern seine Wirkung.

Im Theater würde man sagen: Die anderen spielen immer den König. Nicht wie der König geht, steht, spricht ist entscheidend, sondern wie alle anderen auf ihn reagieren. Insofern klingt der Schulzzug zwar nett und man muss sich beim Schreiben nicht allzu viele Gedanken mehr machen, was man das beschreibt. Aber vielleicht sollten wir trotzdem den Schulzzug anhalten (oder sagt man „aussteigen“? Keine Ahnung) und uns eine neue Lieblingsmetapher suchen.

 

Jahrgang 1993, hat die Deutsche Journalistenschule in München besucht und studiert in Berlin Philosophie und Musikwissenschaft. Seit 2016 arbeitet sie bei der taz im Ressort für Gesellschaft und Medien.

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