Götz Kubitschek Ein taktisches Verhältnis zur Wahrheit ist die Geschäftsgrundlage der Neuen Rechten

Das Brüllen des Alpha-Männchens

Auf Konfrontationskurs: Götz Kubitschek bei einer Blockade der Berliner CDU-Parteizentrale im Dezember 2016 Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa

Mitunter tritt in einem Moment zutage, was sonst aufwendig untersucht werden muss. Nach einer Lesung meines Buches „Die autoritäre Revolte“ bei der Leipziger Buchmesse stand der neurechte Politaktivist Götz Kubitschek mit seiner Gattin Ellen Kositza am Signiertisch. Beide kommen im Buch vor. Kositza, lange Jahre Redakteurin der Jungen Freiheit und nun zuständig für Bücher, Heim und Garten bei der Zeitschrift Sezession, warf mir einige provozierende Sätze hin. Noch bevor ich reagieren konnte, polterte ihr Mann los. Eine Schimpfkanonade über meine Arbeit, meine Person und meinen Verlag brach aus dem Gründer des Institut für Staatspolitik (IfS) heraus. Einige Tage später verteidigte er seinen Auftritt auf dem Blog der Sezession.

Kubitschek präsentiert sich gern als rechter Feingeist, aber vor mir stand der autoritäre Charakter in Reinform, ein zeternder Kleinbürger. Von einem Gast der Lesung gebeten, seine Lautstärke zu drosseln, herrschte ihn Kubitschek an, er habe eben eine „männliche Stimme“.

Brüllende Alpha-Männchen sind fester Teil der Welt des Ex-Offiziers. Affektkontrolle, Grundlage der Zivilisation, zählt hier wenig. Häufig zitiert Kubi­tschek Ernst Jüngers Hoffnung auf die „jungen Leute, die an Temperaturerhöhung leiden“. Ein altes Programm. „Gefühl geht vor Verstand“, hieß es auch bei den „Jungkonservativen“ in den Zwanzigerjahren, die in Kubitscheks Kreis unter Berufung auf Armin Mohlers „Konservative Revolution“ als historische Vorbilder gelten.

Bereits 2008 störte Kubi­tschek mit seiner „Konservativ Subversiven Aktion“ eine Günter-Grass-Lesung in Hamburg. Die rechte Pennälertruppe mit Vorliebe für schwarze Hemden war ein Experimentierfeld für die Aktionsformen der heutigen Identitären. Öffentliche Provokation und die anschließende Selbstdarstellung als Opfer zählten zu den zentralen Aktionsmechanismen. Soweit zum Habitus des Mannes, den der Spiegel allen Ernstes zum „dunklen Ritter“ verklärte.

Ausgelöst hatte den Wutausbruch die Nennung von Edgar Julius Jung in meinem Vortrag. Ein Name, der tief in die historischen Verästelungen der deutschen Rechten führt. Der Berater des Reichskanzlers Franz von Papen wurde 1934 im Zuge der Röhm-Krise von der SS ermordet und dient der Neuen Rechten als Dekontaminierungsnachweis gegenüber dem Nationalsozialismus. Jung war tatsächlich ein Kritiker Hitlers, allerdings von rechts. Er hielt den NSDAP-Chef für einen Demokraten. In der Demokratie sah Jung die „Herrschaft der Minderwertigen“, wie er 1927 sein Hauptwerk betitelt hatte. Mit politischen Gegnern war Jung selbst wenig zimperlich umgegangen. 1924 war er führend an der Ermordung Pfälzer Separatisten beteiligt. In seinen eigenen Tod waren ausgerechnet frühere Weggefährten verstrickt.

Der Widerstand der Jungkonservativen gegen den Nationalsozialismus, auf der die Neue Rechte ihre ganze Nachkriegserzählung gründete, ist eine Legende. Doch der Hinweis auf die tiefen Verstrickungen der eigenen Heroen in den Nationalsozialismus führt bei Kubitschek umgehend zur thymotischen Kernschmelze.

Da die historische Selbstinszenierung der Denkschule Kubitscheks kaum der Prüfung standhält, verlegen sich seine Kreise bisweilen auf eine andere Argumentation. Plötzlich wird die Relevanz des eigenen Kanons einfach bestritten. In diesem Sinne schrieb jüngst Sezession-Autor Martin Lichtmesz, er persönlich kenne niemanden, der Jungs „Herrschaft der Minderwertigen“ gelesen habe. Dabei wird Jungs Bedeutung in der eigenen Schulungsliteratur unterstrichen. „Neben Arthur Moeller van den Brucks Das dritte Reich (1923) (…) ist Die Herrschaft der Minderwertigen eines der wirkmächtigsten Bücher der Konservativen Revolution“, heißt es im 2. Band des Staatspolitischen Handbuchs, das in Kubitscheks Verlag erschienen ist. Selbst wer die Lektüre im Originals scheut, findet im Handbuch die wesentlichen Punkte zusammengefasst: „In Abkehr vom Egalitarismus der westlichen Demokratien plädiert Jung für ein organisch-ständisches Gemeinschaftsleben, das durch Autorität und ­Hierarchie bestimmt sein sollte.“ Ein Zitat Jungs wird gleich mitgeliefert: „Es gibt keine Hebung der Massen zu echter Kultur ohne das zwingende Vorbild wahrer Führer. Zu allen Zeiten war es Aufgabe der Hochwertigen, die Stumpfen mitzureißen; ja, es muß gesagt werden: auch unter Anwendung von Gewalt. Die Menschheit bedarf der Zucht.“

Vor knapp zwei Jahr präsentierte der in Schnellroda, dem Wohnsitz Kubitscheks, ansässige Antaios-Verlag den Gesprächsband „Tristesse Droite“. Unter dem Stichwort „Massengesellschaft“ kommt man darin auch auf Jung zu sprechen. Torsten Hinz, Autor der Jungen Freiheit, sagt „Minderwertigkeit, gut“ – und fügt hinzu: „‚Die Herrschaft der Minderwertigen‘, aber das würde ich niemals schreiben. Aber der Massenmensch besteht auf dem Recht, sie auch auszuleben.“ Mit am Tisch saßen Lichtmesz, Kositza und Kubitschek. Ohne jeden Zweifel sind Jung und Consorten nach wie vor ihre zentralen Stichwortgeber. Und während sie sich dem bürgerlichen Feuilleton erfolgreich als biedere Konservative verkaufen, schwärmt Kubitscheks Zeitschrift Sezession für italienische „Faschisten des 3. Jahrtausends“ und feiert den „weißen Nationalismus“ der amerikanischen Alternative Right.

Mimikry, Fake News und Fake History, ein taktisches Verhältnis zur Wahrheit ist die Geschäftsgrundlage dieser Neuen Rechten. Es wäre wünschenswert, dass sich diese Einsicht auch in den Redaktionen verbreitet, bevor sie das nächste Kubitschek-Interview planen.