Fußballer, Rapper, linke Soziologen, rechte Moderatoren regen sich auf über den "Moralisten" Saviano und sein Buch "Gomorrha". Trotzdem bleibt dieser Liebesentzug eine vereinzelte Reaktion.von MICHAEL BRAUN

"Fackel im Dunkeln" oder "Papierheld"? Der Anti-Camorra-Autor Roberto Saviano. Bild: dpa
Ein rechter Anchorman aus dem Berlusconi-Fernsehen, ein stramm linker Soziologe, der regelmäßig in Il Manifesto schreibt, dazu ein Erstliga-Fußballer aus Neapel: Sie alle meinen, dass der weltweit berühmt gewordene Anti-Camorra-Autor Roberto Saviano vom Sockel gestoßen gehört.
"Es reicht mit Saviano, ich habe die Nase voll von ihm", machte vor einem Monat Emilio Fede den Anfang. Fede, Nachrichtenchef bei dem zum Berlusconi-Imperium gehörenden Kanale Rete4, nannte in seiner Sendung auch die Gründe für seine Aversion gegen den Erfolgsautor: "Er ist doch gar nicht derjenige, der die Camorra entdeckt hat, es gibt Richter, die im Kampf gegen die Camorra getötet worden sind, während er supergeschützt lebt, ich habe die Nase voll davon zu hören, dass er der Superheld ist."
Es stimmt: Saviano ist "supergeschützt", seit nunmehr fast vier Jahren. Ebenso stimmt, dass viele seiner Leser ihn als Helden betrachten. Ihn, der vor vier Jahren "Gomorrha" veröffentlichte, seine Abrechnung mit der neapolitanischen Spielart der Mafia, der Camorra. Fast drei Millionen Exemplare des Buchs wurden seitdem allein in Italien verkauft, weitere drei Millionen in den 52 anderen Ländern, in denen "Gomorrha" erschienen ist. In Cannes gewann die Verfilmung des Buchs den Preis der Jury.
Die einzigen, die das Buch nicht so recht goutierten - so wenigstens schien es bis vor kurzem -, waren die Camorristen des "Clans der Casalesi" aus Savianos Heimatstadt Casal di Principe nördlich von Neapel. Über Jahrzehnte hatten die Casalesi ein mittlerweile weltweit agierendes kriminelles Wirtschaftsimperium mit Milliardenumsätzen errichten können, für das sich selbst in Italien niemand so recht interessierte - bis Saviano kam. Die Bosse antworteten auf ihre Weise: Einer ihrer Rechtsanwälte verlas in einem Prozess offene Drohungen gegen den gerade erst 30-jährigen Autor. Saviano steht seit Oktober 2006 unter polizeilicher Rundumbewachung, 24 Stunden am Tag, statt in einer eigenen Wohnung nächtigt er in Carabinieri-Kasernen.
Wäre das bloß Emilio Fede aufgestoßen - kein Mensch hätte groß über den Ausfall des rechten Journalisten geredet, der sich wieder einmal als Stimme seines Herrn erwies: Wenige Wochen zuvor hatte sich Berlusconi beschwert, Italiens Mafia sei doch bloß "die sechststärkste der Welt, zugleich aber die weltweit bekannteste" - und diese Negativwerbung fürs Land dank der Mafia komme zustande, "weil wir Leute haben, die für sie die Werbetrommel rühren": "Die ganze Literatur wie ,Gomorrha' schafft ein solches Bild Italiens."
Doch dann legte der aus Neapel stammende (und beim Berlusconi-Club AC Mailand kickende) Mittelstürmer Marco Borriello nach. In einem Interview mit dem Magazin GQ stellte er zunächst einmal klar, er sei als Halbwaise aufgewachsen, weil sein Vater "von der Camorra" ermordet worden sei, dann wurde er deutlich: "Für mich ist Saviano einer, der sich auf Kosten meiner Stadt bereichert hat. Es bestand wirklich kein Bedarf danach, dass er ein Buch schrieb, um zu wissen, was die Camorra ist."
Vor allem aber meldete sich von ganz anderer Seite einer zu Wort, dem seinerseits der "Heldenkult" um Saviano auf den Wecker geht. Alessandro Dal Lago, Professor für Kultursoziologie in Genua, vor allem aber seit Jahren auf der Linken hochgeschätzter Autor der Tageszeitung Il Manifesto. Auf 158 Seiten rechnet er in seinem Buch "Papierhelden" mit Saviano ab. Dessen Bestseller hatte der Professor zwar schon einmal 2008 rezensiert, und zwar durchaus positiv, aber beim nochmaligen Lesen änderte er seine Meinung radikal. Ein Autor, der mit Fakten schlampig umgeht, der die Sprache genauso schlampig gebraucht - das sind die Auftaktvorwürfe. Doch eigentlich geht es Dal Lago zuallerletzt um Literaturkritik.
Wichtiger ist ihm die Demaskierung des "Helden" Saviano. Ein völlig autoreferentielles Buch habe der geschrieben, meint Dal Lago, ein Buch, in dem der schreibende Autor, das Erzähler-Ich und der Saviano aus Fleisch und Blut einander fröhlich abwechselten, in einer eitlen Selbstinszenierung des "Papierhelden". Und überhaupt: Saviano sei geradezu manisch auf die Camorra fixiert, die er dann auch eben nicht analysiere, sondern als das "absolute Böse" , als "die Pest", eben als "Gomorrha" hochstilisiere, um sich selbst als heroischen Verfechter des "Guten" entgegenzustellen. Eine mediale Inszenierung, die hervorragend in das Italien Berlusconis passe, aber mit linker politischer Gegnerschaft gegen den Kapitalismus wenig zu tun habe. Da zitiert Dal Lago dann Brecht: Was sei, fragt er, der Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank? Und an anderer Stelle muss wieder Brecht herhalten: mit der Sentenz aus dem "Galileo Galilei", dass es um ein Land schlecht bestellt sei, das Helden - das einen Saviano also - brauche.
Als hätte diese, im Buchverlag von Il Manifesto veröffentlichte, Breitseite noch nicht gereicht, kam dann Anfang Juni gleich noch eine CD des in der radikalen Linken der "Centri sociali" sehr goutierten Saxofonisten und Rappers Daniele Sepe hinterher, auch sie von Il Manifesto verlegt. "Falsche Märchen und Lügen" erzähle Saviano über Neapel, rappt Sepe da, "du bist beschützt wie eine Rose im Gewächshaus, das System beschützt dich, die Wahrheit aber bleibt versteckt". Und schlimmer noch, schließlich ist Savianos Buch im Berlusconi-Verlag Mondadori erschienen, schließlich ist es die Berlusconi-Regierung, die Saviano den Personenschutz garantiert: "Der Chef zahlt den Begleitschutz, und das ist der Gleiche, der dir die Miete zahlt, der Oberpuppenspieler."
Weder Dal Lago noch Sepe halten sich dabei auf, bloß zu einem Verriss des Autors Saviano zu schreiten. Sie gehen einen Schritt weiter: zur moralischen Vernichtung des "Moralisten" Saviano. Und, das zeigte die Debatte der letzten Tage in Italiens Zeitungen, sie isolieren sich völlig mit dieser Übung, die bloß bei dem Berlusconi-Blatt Il Giornale auf Beifall stößt. In Il Manifesto dagegen kommen die Saviano-Befürworter breit zu Wort. Mit einigem Pathos erklärt ihn Severino Cesari zur "Fackel im Dunkeln", und Wlodek Goldkorn analysiert in der Wochenzeitschrift LEspresso, Dal Lagos Attacke sei gar "stalinistischen Zuschnitts", da es ihm darum gehe, das öffentliche Bild Savianos zu zerstören.
In der Tageszeitung La Repubblica meldete sich Adriano Sofri zu Wort. Sofri kreidet Dal Lago an, schon mit dem Titel "Papierhelden" zu einer "Schmähung" gegriffen zu haben; dass Saviano in seinem Buch in gleich drei Rollen auftauche, als Autor, Erzähler-Ich und reale Person - das sei nun einmal so bei autobiografischen Schriften. Noch übler aber sei, dass Dal Lago Saviano dessen Worte vorhalte, der Kampf gegen die Camorra müsse "zur Mode werden": "Wenn an die Stelle der Vogue, die Mafiosi zu bewundern oder sich bloß um die eigenen Angelegenheiten zu scheren, die Verachtung für die Mafia-Organisationen tritt, ist das bloß ein Grund zur Freude."
align="center"> Keine Zeit mit Kritik verschwenden
Noch einen Schritt weiter geht der Linksintellektuelle und Herausgeber der Debattenzeitschrift MicroMega, Paolo Flores DArcais. Er fordert in einem Artikel die Leser auf, es ihm gleichzutun - und das Buch Dal Lagos gleich gar nicht erst zu lesen. "Besser ein Eis und eine Pizza mit Freunden", meint Flores DArcais, als seine Zeit mit jemandem zu verschwenden, der bloß "ein zum Mythos gewordenes Buch und einen zum Symbol gewordenen Autor" vernichten wolle. Nun war es wiederum an Dal Lago, die stalinistische Verfolgung zu beschwören. Mit ihm werde "in Schdanowscher Manier" umgegangen, zeterte Dal Lago in einer Erwiderung in Il Manifesto, ihm werde allein die Frage gestellt, "wem nützt die Kritik an Saviano?" Und auch Sepe beschwerte sich: Man werde doch wohl noch Kommunist sein und deshalb links von Saviano stehen dürfen - so als habe er den in seinem Song nicht als eitlen, käuflichen Lügner geschmäht.
Was von Saviano, von seinem Beitrag im Kampf gegen die Camorra, von seiner Rolle in der italienischen Öffentlichkeit zu halten ist, brachte aber niemand besser auf den Punkt als der Geschichtsprofessor Francesco Barbagallo aus Neapel, bei dem der Erfolgsautor studiert hatte. Gewiss, meint Barbagallo in einem Interview mit der Tageszeitung Il Fatto, auch andere hätten schon über die Camorra geschrieben, aber Saviano unterscheide sich eben in einem zentralen Punkt: "Wir können endlos über sein Buch diskutieren, aber ein enormes Verdienst müssen wir ihm zugestehen: Es hat die Camorra und ihre Macht zum Gegenstand weltweiter Aufmerksamkeit gemacht." Dann erzählt Barbagallo noch voller beneidenswerter Neidlosigkeit, sein eigenes Buch über die Camorra, 1997 erschienen, habe eine verkaufte Auflage von 5.000 erreicht: "Mit jenem Text erreichte ich ausschließlich Leser, die schon fürs Thema sensibilisiert waren. Der große Verdienst ,Gomorrhas' besteht darin, alle erreicht zu haben."
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Leserkommentare
13.05.2011 19:41 | Mr. Keen
Erstmal ein Wort zu Rapper Daniele Sepe's (schwachsinniger..)Behauptung, der Chef, also Berlusconi, wuerde Savianos Person ...
12.07.2010 21:41 | MRN
Es ist tragisch dass ein Berlusconi so gegen einen Helden wettert. Saviano widmet sein ganzes Leben dem Wohl von Italien, w ...
14.06.2010 19:37 | Daisy
Herr Saviano ist für viele Menschen ein Vorbild. ...