Utopien von Freiheit und Eheglück

Überschwengliche Buh-Rufe nach der Aufführung. Zwischenrufe und Randale während der Oper. Günter Krämer inszeniert „Fidelio“ in Bonn. Ludwig van Beethovens einzige Oper wird angereichert mit Subtexten von Friederike Roth

Leonore, glücklich verheiratet mit Florestan, wird ihres Glücks beraubt: Ihr Mann, der sich der Willkür nicht beugt und für die Freiheitsrechte engagiert, wird ins tiefste Verließ geworfen. Sie verkleidet sich als Mann und lässt sich als Schließer einstellen, gewinnt rasch das Vertrauen des Gefängnis-Verwalters Rocco und die Liebe von dessen Tochter Marzelline. Als der korrupte Gouverneur Pizarro Florestan erstechen will, ist sie zur Stelle, zieht eine Pistole aus der Brust und leitet die Rettung des Gatten ein, die der zur Untersuchung der Missstände in der Haftanstalt angereiste Minister vollendet und der Chor dann in höchsten Tönen besingt.

Günter Krämer hat Beethovens einzige Oper, deren Musik in Bonn von Roman Kofman nach einer kritisch revidierten Urtextausgabe der Fassung von 1814 dirigiert wird, vor dem Hintergrund der Rezeptionsgeschichte gründlich dekonstruiert. Vor der 3. Leonoren-Ouverture sieht man hinter einem durchsigtigen Vorhang stumm tanzende Paare: bürgerlicher Schein der dauerhaften Verbundenheit als glänzendes Glück. Das stellen die Schriftzüge auf dem Vorhang ebenso in Frage wie die ganze Produktion: „Von der samtweichen so zarten ersten Liebe – zur stählernen Treue“. Die erscheint dem Regisseur so obsolet wie der Rundfunk-Redakteurin Friederike Roth, die mit dem Abfassen neuer Zwischentexte beauftragt wurde, die die alten, problematischen Dialoge von Sonnleithner und Treitschke gänzlich ersetzen.

In einen weiten weißen Rundhorizont wird die Oberwelt der Haftanstalt gefasst – einen fast neutralen Ort der Erörterung von Problemen, der nur durch einen Eingang in Form der Silhouette eines Menschen zugänglich ist. Der singenden Leonore wird ein Schauspieler zugesellt: die Figur des jungen Manns, in den die liebreizende und heiratswillige Marzelline sich sinnfälligerweise verliebt (naivisch liebreizend: Anna Virovlansky). Freilich erscheint Daniel Schüßler mit Roths Subtext überfordert. Aber auch große Teile des Publikums. Die konservativen alten Herren wurden ungeduldig, begannen zu murren, mit Rufen (“Dekadenz“) zu stören und zu randalieren. Einer forderte, den Regisseur an die Wand zu stellen, als er beim Gefangenenchor demonstrieren ließ, dass die selben Menschen Schließer und Eingeschlossene sein können.

Mit den von Bühnenbildner Herbert Schäfer exponierten Motiven wird auch der zweite, im tiefsten Keller angesiedelte Akt bestritten – und mit dem quälenden Fortgang der Erörterung zur Oper im allgemeinen und zu dieser im besonderen (“Was längst entzaubert war, verzaubert sich wieder“). Den Traum von Freiheit vermag einzig Klaus Florian Vogts vorzügliche Tenorstimme aufscheinen zu lassen. Nancy Gustafson ist der Leonoren-Partie nur unzureichend gewachsen – und die Inszenierung scheitert an der entscheidenden Qualität des Werks: dass es mit ihm über alle denkbare Realität hinausschießend um eine Utopie geht. Die Pistole wird erst gezogen, als Pizarro im Kerker der Protagonistin an die Wäsche geht. Und sie löst dem Mann, der um Haaresbreite dem Tod entkam, nicht die Fesseln, sondern schließt nur eine der beiden Handschellen an ihr Handgelenk: auf die Dunkelhaft, so die eindeutige Metapher, wird ein Eheknast folgen.

Die blindwütige Randale vom rechten Ufer deutet an, wie notwendig eine Regiearbeit wie diese fortdauernd ist. Dass sie insgesamt problematisch bleibt, hindert nicht daran, den Besuch dieses „Fidelio“ zu empfehlen: das Theater hat sich seit 1814 eben weiterentwickelt. Und Ehe wie Treue und gar Utopie sind Probleme geblieben, mit denen niemand ein für alle mal und in „gültiger Form“ fertig hat.