Kolumne Eier

Gleichberechtigte Selbstoptimierung

Wer im Flieger das Bordmagazin durchblättert, zahlt dafür mit neuen Sorgen. Es wird der Grundverdacht verstärkt, nicht gut genug auszusehen.

Sexistische Werbung in London. Every body is a beach body! Mit sehr dünner Frau

Frauen sind dieser ewigen Defizitsuche durch Werbung seit Jahrzehnten ausgesetzt Foto: dpa

Flugangst ist definitiv nichts für Männer, und so lasse ich meine nervösen Finger durch das Bordmagazin blättern, um das fürchterliche Gewackel über Berlin auszublenden. Eigentlich sollte ich meine Hände sanft auf die Knie legen, mich zurücklehnen und tief durchatmen. Aber das würde den anderen Fahrgästen so passen, mitzubekommen, dass ich progressive Muskelentspannung brauche, um mich davon abzulenken, dass die Tragflächen wobbeln wie eine Unterhose auf der Wäscheleine. Flug­angst ist definitiv nichts für Männer.

Also bemühe ich mich, nonchalant in dem Gratismagazin zu stöbern – und bleibe auf einer Anzeigenseite hängen. Für 23 Euro gibt’s einen Holzkamm und eine Bartbürste „mit echten Wildschweinborsten“. Kurzer Check, ob das Satire ist, aber nein: „Mit dem WildBoar Pflegeset erstrahlt der Bart und die Gesichtshaut wird massiert“. Die längste Zeit war Kosmetikwerbung eine Frauendomäne: Cremes gegen’s Verschlafen-Aussehen, Bürstchen zum Wimpern-Verlängern, -Teilen, -Hochbiegen, -Auffächern – in die fünf bis acht Werbeunterbrechungen im ProSieben-Blockbuster hatten Werber ein ganzes Universum aus Makeln gestopft, die es zu reparieren galt.

Männer traten erst wieder auf, wenn es um Autos oder Versicherungen ging. An ihren Körpern war nichts auszusetzen, sie brauchten Wasser und Seife und allerhöchstens acht flexibel gelagerte und mit Mikrogranulat geschliffene Rasierklingen.

Blick zurück ins Magazin: „Mit dem BayBlade Rückenrasierer kommst du deinem Strandkörper einen großen Schritt näher.“ Bitte? Strandkörper? Bei Typen? Ist das jetzt ein Ding? Ich kann mir das nur so erklären, dass sich die Creative Directors im Hauptquartier der Körperpflegeindustrie (ich glaube, das steht in Ludwigshafen) getroffen haben, um zu brainstormen. „Jo, ich hab’s“, hat dann einer gesagt (er heißt Marvin und ist noch ziemlich neu), „wir haben doch schon jede Menge Scheiß, den wir Frauen andrehen. Müssen wir nur in Blau und Graumetallic umspritzen.“

Das Fixiertsein auf angebliche Makel macht alles kaputt

Seitdem werden im ProSieben-Blockbuster auch Pflegecremes für die besonderen Bedürfnisse von Männerhaut beworben – was auch immer die sein mögen – und ich denke darüber nach, ob ich vor dem Gang zum Strand noch meinen Rücken im Spiegel checken sollte. Einerseits klingt das nach Gleichberechtigung. Aber nicht nach einer, für die man den Champagner auspacken braucht. Das Fixiertsein auf angebliche körperliche Makel macht so ziemlich alles kaputt: Selbstwertgefühl, Sex, Strandtage.

Und gegen den Grundverdacht, dass man irgendwie nicht gut genug aussieht, gibt es keine Produkte. Frauen sind dieser ewigen Defizitsuche durch Werbung seit Jahrzehnten ausgesetzt. Und ihnen ist leider nicht geholfen, wenn es jetzt auch Männer betrifft – obgleich es vielleicht für ein bisschen Genugtuung sorgt.

Jäh wird das Flugzeug von einer Windböe zur Seite und ich mit aller Wucht auf meinen Sitznachbarn geschleudert. Bis sich die Maschine ausbalanciert hat, liege ich halb auf ihm, unsere Unterarme berühren sich.

Er hat wahnsinnig weiche Haut.

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