Geschichte linker Medien im Überblick

Eine ganz andere Sicht

Öffentlichkeit bedingte auch Gegenöffentlichkeit. Eine Auswahl von linken Medien in Deutschland und Österreich.

Drei Graswurzeln

Für die einen nur ausgerupftes Grün, für die anderen beginnt hier schon die Revolution Foto: imago/Harald Lange

Viel wurde diskutiert, organisiert, aber auch publiziert in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg. Linke Autor*innen schrieben über NS-Aufarbeitung und Krisen des Kapitalismus, Frauenemanzipation und globale Ungleichheit, Migration und Rechtsextremismus.

Von den Achtundsechzigern über Spontis bis zur Frauenbewegung entstanden teilweise mythenhafte, sagenumwobene Publikationen. Manche Blätter starben jung, andere hielten sich bis heute und neue kamen dazu. Eine Auswahl.

Pflasterstand

Der Pflasterstrand entstand 1976 aus der Frankfurter Studentenzeitung FUZZY und verstand sich als Herold der Sponti-Szene. Spiritus rector war Daniel Cohn-Bendit. Gerade in der Anfangsphase setzte man sich intensiv mit der linken Szene selbst auseinander und publizierte zahlreiche Betroffenenberichte, etwa von Gefängnisinsass*innen.

Ende des zweiten Jahres des Bestehens verschob sich der Schwerpunkt in Richtung Sexualitätsdebatte und man stieß in privatere Bereiche vor. Gipfel des Ganzen war der Artikel „Vom Ende der matriarchalischen Emanzipationsmoral“, der radikal mit der Frauenbewegung abrechnet und einen Sturm der Empörung zur Folge hatte.

Benno Ohnesorg liegt blutend auf dem Boden, Friederike Hausmann beugt sich über ihn

2. Juni 1967: Ein Schuss tötet den Demonstranten Benno Ohnesorg. Dieses Datum markiert den Beginn einer bis heute geführten Debatte über Gegenöffentlichkeit, über die Medien, über Wahrheit und Lüge, oder, wie man heute formulieren würde, über Fake News und alternative Fakten, über Verschwörungstheorien, bürgerliche Zeitungen und alternative (auch rechte) Blätter, über die „Wahrheit“ und die Deutungshoheit gesellschaftlicher Entwicklungen. Nachdenken über 50 Jahre Gegenöffentlichkeit: taz.gegen den stromDie Sonderausgabe taz.gegen den strom – jetzt im taz Shop und auf www.taz.de/gegenoeffentlichkeit

1978 druckte man eine Erklärung der linksextremistischen Terrorgruppe Revolutionäre Zellen unter dem Titel „Hunde, wollt ihr ewig bellen“ ab, was die Beschlagnahmung der kompletten Auflage zur Folge hatte. Dies bedeutete einen nächsten Richtungswechsel und hatte eine Professionalisierungstendenz zur Folge, bei der unter anderem Joschka Fischer entscheidend involviert war.

Wenn auch zum Unbehagen der eigenen Partei, veröffentlichte sogar der ehemalige CDU- und heutige AfD-Politiker Alexander Gauland seine Visionen für Frankfurt in einigen Beiträgen im Pflasterstrand. 1987 wurde dann ein Finanzier gefunden und zwei Jahre später gar Bertelsmann beteiligt, das Experiment mündete in einem Hochglanzheft und scheiterte ein weiteres Jahr später. Das Blatt fusionierte mit einer anderen Zeitschrift und ist heute als Stadtmagazin Frankfurt erhältlich.

Agit 883

Die Agit 883 war das Sprachrohr und das publizistische Aushängeschild des linken Spektrums von Apo bis Untergrund in West-Berlin. Das zwischen 1969 und 1972 publizierte Blatt war als Plattform linker Gegenöffentlichkeit konzipiert und wurde teilweise massiv verfolgt und beschlagnahmt.

Das lag nicht zuletzt an Autoren wie Ulrike Meinhof und Andreas Baader, Holger Meins hatte gar einen Abdruck der ersten öffentlichen Verlautbarung der RAF realisiert. 1970 gelang ein Exklusiv-Interview mit Jimi Hendrix, bevor interne Konflikte ein Ende für die Zeitung Anfang 1972 unausweichlich machten.

Courage

Die autonome, feministische Zeitschrift Courage erschien von 1976 bis 1984 in West-Berlin. Die ehemalige Redakteurin Sibylle Plogstedt sagte 2006, die Courage sei wie James Dean: „Sie ist einen frühen Tod gestorben, aber die, die sie kannten, himmeln sie immer noch an.“ Wegen finanzieller Engpässe musste die Zeitung eingestellt werden.

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Beachtenswert ist, dass die Monatszeitung in den späten 1970ern eine Auflage von 70.000 Exemplaren verbuchte. Ihre Themen waren u.a. Zwangsprostitution, Abtreibung, sexualisierte Gewalt sowie systematische, gesellschaftliche Ausgrenzung von Frauen.

konkret

„Mercedes Benz des deutschen Antinationalismus“ nannte sie die analyse & kritik. „Zentralorgan der Antideutschen“ schimpfte zehn Jahre später Stefan Reinecke in der taz. Zum selben, 50. Geburtstag wunderte sich Willi Winkler in der Süddeutschen Zeitung darüber, dass es sie noch gibt und konstatierte: „Allein mit den Namen der prominenten Mitarbeiter ließen sich vier Spalten füllen“.

Tatsächlich: Böll und Reemtsma, Adorno und Marcuse, ja, sogar de Beauvoir und Sartre schrieben für die konkret. Ein Kreis kommunistischer Studierender gründete das Magazin1957 in Hamburg, die Zeitung ging aus dem Studentenkurier von Klaus Rainer Röhl hervor. Einst, als Kolumnen von Ulrike Meinhof – Chefredakteurin in den Jahren von 1960 bis 1964 und Ehegattin von Röhl – das Blatt schmückten, näherte man sich einer Auflage von 200.000 an, heute sind es rund 40.000.

Als die DDR den Geldhahn zudrehte und Röhls Versuch der finanziellen Not mit erotischen Elementen entgegenzuwirken scheiterte, ging der konkret-Verlag 1973 in Konkurs. Auf Röhl folgte Chefredakteur Hermann L. Gremliza – kein anderer steht heute so für die konkret wie er.

Manche vergleichen ihn und seine Schreibe mit Karl Kraus. Nach eigenen Angaben geht es dem Magazin seit jeher darum, eine Absage an „Krieg, Militär, Rüstung, an Aberglauben (auch den christlichen) und Ideologie, an Ausbeutung, Kapitalismus, Nazimus, Faschismus, Rassismus, Antisemitismus“ zu erteilen.

Zweifellos sind es ihre elaborierte Kompromisslosigkeit und sprachliche Schärfe, die ihr auch heute noch viele übel nehmen.

analyse & kritik

Der Vorläufer von analyse &kritik, der Arbeiterkampf, wurde 1971 gegründet und war zunächst eine Publikation des Kommunistischen Bundes (KB). Nach dessen Auflösung wurde die Zeitschrift 1992 umbenannt. Die Auflage liegt heute bei etwa 4500 Exemplaren, 2014 erschien die 600. Ausgabe.

Die Redaktion der Zeitschrift ist Mitglied der Interventionistischen Linken. Sie schreibt über Klassenkampf, linke Ansätze gegen Rechts, aber auch Umwelt- und Genderdebatten.

Graswurzelrevolution

Der Anarchist Bernd Drücke sitzt Tag für Tag in einer Ein-Personen-Redaktion in Münster und produziert die bekannteste anarchistische Zeitung im deutschsprachigen Raum: die Graswurzelrevolution. Seit Oktober 1998 ist er verantwortlicher Redakteur. Die Graswurzelrevolution lebt seit 1972, erscheint monatlich und wird mit Text von Menschen aus aller Welt befüllt, die dem losen Autor*innennetzwerk angehören.

Diese arbeiten an einer „tiefgreifenden gesellschaftlichen Umwälzung“ und „für eine gewaltfreie, herrschaftslose Gesellschaft“. In großen Buchstaben schreibt die Zeitung Antimilitarismus und Ökologie auf ihre Fahnen.

Indymedia

„Don't hate the media, become the media“ ist das Motto des linksradikalen und antifaschistischen Newsportals Indymedia. Entstanden ist die Plattform 1999 als eine globalisierungskritische Graswurzelbewegung bei den Protesten gegen die WTO in Seattle. Inzwischen gibt es 60 Independent Media Centers (IMCs), seit 2011 auch in Deutschland, wo sich die Plattform besonders während des Protests gegen die Castor-Transporte etablierte.

Mit einer wachsenden internationalen Ausrichtung und etwa 4000 Besuchern täglich (auf der deutschen Version) ist Indymedia der Shootingstar unter den innovativen linken Medien. Die Seite versteht sich als unabhängiges Mitmachmedium. Das Ziel ist eine bewusst subjektive, linke Berichterstattung, denn Indymedia lebt insbesondere von „open postings“, die jeder Nutzer selbst verfassen kann.

Eben deshalb wird aber oft die fehlende Überprüfung und redaktionelle Bearbeitung der Beiträge kritisiert. Urheber können nur schwer identifiziert werden.

Das beklagt auch der Verfassungsschutz, der Indymedia als „einflussreichste linksextremistische Internetplattform im deutschsprachigen Raum“ einstuft. Indymedia arbeitet sowohl mit Print-, als auch Audio- und Videobeiträgen. In der Vergangenheit veröffentlichte das Netzwerk immer wieder private Daten von rechten Politikern wie beispielsweise die der Teilnehmer des AfD-Parteitags in Stuttgart 2016.

Nach dem Anschlag auf den Mannschaftsbus von Borussia Dortmund im April sorgte ein gefälschtes Bekennerschreiben der Antifa, das auf Indymedia erschien, für Kontroversen.

Jungle World

Die Jungle World ist eine linke Wochenzeitung, die 1997 aus einer Abspaltung von der Zeitung Junge Welt entstand. Nachdem der damalige Chefredakteur der Jungen Welt, Klaus Behnken, abgesetzt werden sollte, besetzte ein Teil der MitarbeiterInnen die Reaktionsräume.

Die Jungle World wurde dann zunächst in der Wohnung von Behnken produziert. Die Auflage der Zeitung liegt heute bei etwa 16.000 Exemplaren. Einzuordnen ist sie als deutschlandkritisch.

Malmoe

Der Werbespruch der linksalternativen, österreichischen Zeitschrift malmoe lautet: „Gute Seiten – Schlechte Zeiten“. Sie entstand als Antwort auf eine einfältige österreichische Medienlandschaft und die schwarz-blaue Regierungskoalition zwischen der ÖVP und FPÖ, die im Jahr 2000 tausende Demonstrant*innen auf die Straßen Wiens bewegte.

Die 32-seitige Zeitung erscheint seither vier bis fünf Mal im Jahr. In unkonventionell benannten Rubriken wie „Alltag“, „Regieren“ und „Erlebnispark“ finden sich kritische und qualitätsbewusste Texte über das Leben in Österreich und der Welt.

 

Wenn Benno Ohnesorgs Tod der Nukleus einer neuen Gegenöffentlichkeit war, wo stehen wir dann heute? Mehr dazu auf www.taz.de/gegenoeffentlichkeit

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