„Ich war einer der letzten Rock’n’Roller der deutschen Politik“

INTERVIEW JENS KÖNIG, LUKAS WALLRAFF, ULRIKE WINKELMANN

taz: Es gehört zum Mythos Joschka Fischer, dass jetzt alle Welt rätselt, was Ihr Quasi-Rücktritt zu bedeuten hat. Also, was hat er zu bedeuten?

Joschka Fischer: Es gibt nichts zu rätseln. Wir haben es mit einer Zäsur zu tun. Rot-Grün hat in diesem Land keine Mehrheit mehr erringen können, das bürgerlich-konservative Lager allerdings auch nicht. Dieses Wahlergebnis sollte man respektieren. Nach Lage der Dinge wird das auf eine große Koalition hinauslaufen. Ich bin jetzt 57 Jahre alt, ich stand 20 Jahre in Partei, Fraktion und Regierung ganz vorne im Wind. Da stellt sich für mich die Frage: Hast du die Zeit, die Energie, einen neuen Anlauf mit den Grünen in der Opposition zu wagen?

Und, haben Sie?

Ich habe mir gesagt, entweder bleibst du jetzt dabei, dann werden sie dich irgendwann davonjagen, weil sie dich nicht mehr sehen können, vielleicht tragen sie dich sogar mit den Füßen voran aus dem Plenarsaal. Oder du gehst zu einem geeigneten Zeitpunkt. Die erste Variante ist für mich nicht erstrebenswert. Also ziehe ich mich zurück.

War das eine politische oder eine private Entscheidung?

Das kann man nicht trennen. Es war beides.

„Vor zwanzig Jahren habe ich meine persönliche Freiheit gegen die Macht eingetauscht“, haben Sie am Dienstag in der Fraktion gesagt, „die Freiheit will ich jetzt zurückhaben.“ Warum? Haben Sie unter der Politik gelitten?

Ja.

Ausgerechnet Sie, die politische Kampfmaschine Nummer eins?

Wer an der Macht ist, wer politisch gestalten will, ist immer in bestimmte Zwänge eingebunden. Dafür zahlt man einen hohen Preis. Es gibt sicherlich Leute, die sich in den Zwängen wohler fühlen, als ich mich da gefühlt habe. Um nicht falsch verstanden zu werden: Ich habe eine faszinierende Zeit erlebt, ich will diese keinesfalls missen, ich habe die Politik auch immer genossen. Aber jetzt ist Schluss. Was da nicht immer angeführt wird, wovon man angeblich abhängig ist: Privilegien, Leibwächter, Dienstwagen – ich brauche das alles nicht.

Sie wollen sagen, es gibt selbst für einen Joschka Fischer ein Leben ohne die Droge Politik?

Ich habe die These von der Droge Politik nie geteilt. Ich halte sie für falsch. Politik bestimmt mein Leben – aber das ist Leidenschaft, keine Droge.

Und ohne diese Leidenschaft können Sie leben?

Man muss wissen, wann man die Tür hinter sich zu schließen hat.

Warum nehmen Sie dann Ihr Bundestagsmandat an?

Weil ich es fest zugesagt habe. Obwohl ich jetzt schon gern den ganz großen Schnitt machen würde.

Sie lassen also ganz bewusst offen, ob Sie dieses Mandat auch vier Jahre lang ausüben?

In meinem Alter kann man nicht mehr alles als selbstverständlich voraussetzen.

Ihr Rückzug lässt verschiedene Interpretationen zu. Erste Variante: Fischer ist ganz Realist und sieht, dass die Grünen in die Opposition gehen, diese Rückverwandlung der Regierungspartei will er aber seinen Nachfolgern überlassen.

Ich will das nicht nur meinen Nachfolgern überlassen – ich muss es. Die Grünen sind keine Fischer-Partei, auch wenn ich sie stark geprägt habe. Schon 2002 ist es uns gelungen, aus dem Generationengefängnis auszubrechen. Aber jetzt beginnt ein neuer Abschnitt. Das rot-grüne Kapitel, das meine Generation geschrieben hat, ist unwiderruflich zu Ende. Das neue Kapitel müssen die Jüngeren schreiben, vor allem die unter 40-Jährigen. Die Vorstellung, ich hätte dazu etwas beizutragen, ist absurd. Ich kann aus meiner Geschichte und aus meiner Haut nicht raus.

Zweite Variante der Interpretation: Fischer, der wie kein Zweiter für das rot-grüne Projekt steht, will den Weg freimachen für andere Koalitionen, zum Beispiel für Schwarz-Gelb-Grün.

Ich habe selten so einen Blödsinn gelesen. Richtig ist, dass die Grünen in einem Sechs-Parteien-Parlament ihre Optionen nach beiden Seiten hin öffnen müssen, also auch hin zu den bürgerlichen Parteien, aber das sehr vorsichtig. Der Grundsatz dabei muss lauten: Die politischen Inhalte ziehen die Machtfrage nach sich – und niemals umgekehrt! Und es braucht dafür die Zustimmung der Wählerinnen und Wähler.

Das heißt, die so genannte Jamaika-Koalition halten Sie momentan für ausgeschlossen?

Wie, bitte schön, soll das denn gehen? Das hat doch stark den Hauch des Irrealen. Ich habe es launig so gesagt: Wenn Merkel und Stoiber mit Dreadlocks, Haschtüten und anderem Zeugs kommen, also mit der völligen Umkehrung dessen, wofür sie politisch stehen, hätten wir eine völlig andere Situation. Aber dann würde die Union auseinander fliegen. Man muss das realistisch sehen.

Und die Ampelkoalition – ist das für die Grünen eine Option?

Die FDP hat sich dazu klar geäußert.

Die dritte Interpretation Ihres Rückzuges lautet: Fischer zeigt seine kalte Wut über die Alleingänge des Kanzlers. Der Nicht-mehr-ganz-Außenminister lässt den Noch-Kanzler mit seinem unerfüllbaren Machtanspruch allein zurück.

Ich habe keine kalte Wut. Und meine Entscheidung hatte nichts mit dem Kanzler zu tun. Der Druck auf die Grünen, sich jetzt strategisch und personell neu zu formieren, ist groß. Angesichts dieser Dynamik wäre es nichts als leere Eitelkeit gewesen, die Fraktion in Ungewissheit zu lassen. Da musste Klarheit in der Führungsfrage her, und diese Klarheit habe ich geschaffen.

Mit Ihrem Rückzug nehmen Sie Schröder aber eine wichtige Karte in dessen Poker um die Macht. Haben Sie den Kanzler vor der Bekanntgabe Ihrer Entscheidung informiert?

Der Kanzler wusste seit langem, dass ich mich zurückziehe, wenn es für die Fortsetzung der rot-grünen Koalition nicht reicht.

Sie haben auch in Ihrer Partei einigen Unmut ausgelöst. Sie hätten mit Ihrer Entscheidung ruhig noch abwarten können, wirft Ihnen Fraktionschefin Krista Sager vor.

Kennen Sie den Vortrag des kleinen Bonaparte, des Vorsitzenden der Organisation Friends of the Italian Opera, in dem Film „Manche mögen’s heiß“?

Klären Sie uns auf.

„Manche sagen, es war doch etwas zu früh. Andere hingegen sagen, es war höchste Zeit. Wer kann das schon so genau wissen.“

Bei den Grünen sind alle davon ausgegangen: In der Opposition macht Fischer den Fraktionschef. Warum haben Sie alle überrascht?

Ich habe nie versprochen, dass ich die Oppositionsführung übernehme. Ich habe lediglich gesagt, Oppositionsführer, das ist eine reizvolle Aufgabe. Sie sehen ja, wie Recht ich damit hatte. Jetzt wollen den Job gleich fünfe.

Rot-Grün ist am Sonntag abgewählt worden. Hat sich damit das historische Projekt der 68er ein für alle Mal erledigt?

Nein, Rot-Grün ist nicht am Ende. Aber wenn es irgendwann neu entsteht, wird es ein anderes Rot-Grün sein, eingebettet in eine andere Normalität. Wenn Sie die Frage schon so stellen, muss ich so antworten: Die Anti-68er haben diese Wahl verloren. Die Linke im Land, die leider zersplittert ist, hat 51 Prozent errungen.

Gerhard Schröder sprach vor kurzem davon, dass die rot-grüne Koalition zur gesellschaftlichen Situation nicht gepasst habe. In seinen Worten: „Ein Zeitgeist-Bündnis, zu dem es zur Unzeit kam.“ War Rot-Grün zehn Jahre zu spät dran?

Nein, ich sehe das völlig anders. Politiker und Parteien können sich ihre Zeit nicht aussuchen. Du wirst durch die Geschichte ins eiskalte Wasser geworfen, hungrige Eisbären sind hinter dir her, entweder du schwimmst schneller als sie, oder du wirst gefressen. Da kann man sich zwar wünschen, dass man gern in südlicheren Gefilden schwimmen würde. Aber das entscheiden allein die Wähler.

Die rot-grüne Koalition hat also nicht nur die Veränderungen politisch nachgeholt, die sich in der Gesellschaft in den 90er-Jahren längst vollzogen hatten?

Nein. Die rot-grüne Koalition hat ja in ihren sieben Jahren viel mehr getan. Deutschland ist in dieser Zeit ein anderes Land geworden. Offener, beispielsweise durch das neue Staatsbürgerschaftsrecht und das Zuwanderungsgesetz. Ökologischer, trotz des Wehklagens der Wirtschaft und zum Vorteil ebendieser. Freier. Es ist uns heute klarer, wer wir Deutschen eigentlich sind. Außenpolitisch zum Beispiel, eingebettet in Europa und den Westen, eine selbstbestimmtere Nation. Auf all das können wir Rot-Grünen stolz sein. Deutschland ist, insgesamt gesehen, ein wunderbares Land. Dass einer mit meiner Geschichte so etwas heute sagt, erzählt doch einiges.

Einverstanden, die deutsche Gesellschaft ist von rot-grünen Werten geprägt. Dennoch hat sie bei dieser Wahl die rot-grüne Regierung abgewählt. Was, glauben Sie, ist der zentrale Grund dafür?

Wir haben die schwierige gesellschaftliche Erneuerung eingeleitet, die unter der Kohl-Regierung in den 90er-Jahren verschlafen worden ist. Aber wir konnten im Bereich des Arbeitsmarktes bis zur Wahl keine ausreichend positiven Ergebnisse vorweisen. Wir hatten nicht den notwendigen konjunkturellen Rückenwind bekommen.

Aha, Rot-Grün ist also an den Umständen gescheitert.

Herrje, natürlich haben auch wir Fehler gemacht. Jeder, der handelt, macht Fehler. Hätten wir die Reformen früher anpacken sollen? Hätten wir das durchbekommen? Wer weiß. Aber wir sind deswegen nicht grundsätzlich an uns selbst gescheitert.

Was ist die zentrale Botschaft dieser Bundestagswahl? Die Republik ist richtungslos?

Nein. Das halte ich für völlig falsch. Die zentrale Botschaft finden Sie bei Heinrich Heine: Das Volk, der alte Lümmel, hat sich über alle hinweggesetzt. Angela Merkel hat nicht, wie von vielen prophezeit, gewonnen. Das Ergebnis ist eine klare Absage an die neokonservativen, kalten Modernisierer. Aber was schlussfolgert Roland Koch daraus? Er möchte mit irgendwelchen Tricks Neuwahlen erreichen. Da kann ich nur sagen: Voran! Jeder, der das versucht, wird durch die Deutschen gnadenlos abgestraft werden.

Aber Schröders Interpretation, er habe einen klaren Regierungsauftrag erhalten, ist mindestens genauso absurd. Die Mitte in diesem Land ist unsicher und uneindeutig.

Ich habe nicht den Eindruck, dass das Volk unsicher ist. Wir befinden uns in einer Übergangsphase, keine Frage. Aber der Eigensinn der Wähler ist für mich nicht Ausdruck von Instabilität. Diese Wahl war auch keine Entscheidung der Angst. Im Wahlkampf sind so viele Menschen wie nie auf die Marktplätze gekommen. Die waren politisch unglaublich interessiert. Die wollten es wissen. Und sie haben gesagt: Mit uns nicht!

Sie reden wie Gysi. Der wertet das Wahlergebnis als Ausdruck einer europäischen Normalisierung Deutschlands.

„Diese konservativen Jungchefs in „Spiegel“ und „Zeit“, die Journalismus mit Politik verwechseln, müssten sich eigentlich in das Schwert stürzen“ „Wenn Stoiber sagt, man müsse sich daran gewöhnen, dass man auch mit Trittin zusammen regieren kann, dann ist das ein Fortschritt“

Den Begriff der Normalisierung überlasse ich Gysi gern. Für mich war der Eigensinn das Entscheidende. Das Wahlergebnis finde ich großartig. Ich sage es hier öffentlich: Ich liebe mein Land.

Patriotische Frühlingsgefühle bei Fischer?

Ja. Die politische Hauptstadt wurde hinweggefegt. Die politische Journalisten-Hauptstadt. Die Hauptstadt der Meinungsforschung und Politikwissenschaft. Alle diese selbst ernannten Experten lagen falsch. Für sie gab es einen Satz rote Ohren. Wumm! Diese konservativen Jungchefs in den Chefredaktionen von Spiegel, Zeit und sonst woher, die Journalismus mit Politik verwechseln, müssten sich nach ihrem eigenen konservativen Ehrenkodex eigentlich in das Schwert stürzen – politisch, natürlich. Und, hat es einer getan? Nichts da, kein einziges Wort der Selbstkritik. Stattdessen entschuldigt sich Springer-Chef Matthias Döpfner im Wall Street Journal für dieses angeblich komische Wahlverhalten der Deutschen. Das ist empörend! Da können Sie mal sehen, wie dieses Land sich verändert hat. Da muss unsereiner doch geradezu die schwarz-rot-goldene Patriotismusfahne hochhalten.

Wir haben es mit zwei Volksparteien zu tun, die nicht mehr in der Lage sind, Mehrheiten für sich zu organisieren. Führt diese fehlende Bindungskraft, diese generelle Zerfaserung der Parteienlandschaft, zu italienischen Verhältnissen?

Ich bin da nicht so pessimistisch. Bleiben wir mal bei der CDU und Angela Merkel. Sie hat gravierende Fehler gemacht. Frau Merkel wollte der CDU ihre Seele rauben: ihr soziales Selbstverständnis. Die Christdemokratie ist ja keine konservative Partei. Das Element der christlichen Soziallehre spielte immer eine entscheidende Rolle. Kohl hat das noch verstanden. Frau Merkel jedoch hat sich auf einen konservativen Modernisierungskurs verengt und die vielen kleinen Leute vergessen. So bleibst du keine Volkspartei.

Sie machen sich Sorgen um die Union?

Vielleicht verstehe ich das alles besser als Frau Merkel, weil ich aus einer katholischen, christdemokratischen Flüchtlingsfamilie komme. Für meine Eltern war es auf Grund ihrer Religion und Herkunft völlig undenkbar, SPD zu wählen. Aber sie waren eben auch kleine Leute – und die können mit einer kalten Politik, wie sie sich Angela Merkel vorstellt, nichts anfangen. Und genau deswegen ist sie mit ihrem Versuch einer neokonservativen Wende gescheitert. Wäre sie damit durchgekommen, hätten wir eine andere Republik gehabt. Haben wir aber nicht.

Dem bürgerlichen Lager steht eine Mehrheit links von der Mitte gegenüber, von der schon Willy Brandt träumte. Ist das für Sie eine linke Mehrheit?

Im Kern ja, auch wenn sie handlungsunfähig ist und wenn man mal von den „Fremdarbeiter“-Entgleisungen von Lafontaine absieht. Die hat er aber auch zurückgenommen. Das ist übrigens wichtig: Wenn diese roten Linien überschritten werden, von rechts oder von links her, muss es gleich volle Breitseiten geben. Bedauerlicherweise handelt es sich bei der Linkspartei um eine Traditionslinke.

Ist es trotzdem eine Aufgabe, dieses linke Lager politisch so zusammenzuführen, dass es vielleicht doch einmal gemeinsam regieren kann?

Ja. Ich habe kein Problem damit, ich habe mich immer als Linken bezeichnet. Der strategische Fehler der Linken war ja, die PDS in den 90er-Jahren nicht integriert zu haben, was die Auseinandersetzung mit ihrer Vergangenheit einschließt. Deswegen rege ich mich jetzt auch so über Stoiber und dessen Beschimpfung der Ostdeutschen auf. Ich teile wenig von dem, was Gysi oder Bisky sagen – Lafontaine ist ja ein Westproblem –, aber sie gehören zu dieser Gesellschaft, sie gehören zur Einheit dazu.

Dieser Fehler hat sich mit einem Versäumnis der SPD an ihrem linken Rand gekoppelt. So ist links von der Sozialdemokratie zum ersten Mal eine Partei entstanden, die in Ost und West agiert und mittlerweile sogar stärker ist als die Grünen.

Warten wir’s ab. Ich bin auf unser 8,1-Prozent-Ergebnis deswegen so stolz, weil es viel härter errungen war als die 8,6 Prozent bei der Wahl 2002. Uns fehlte diesmal das rot-grüne Funktionsargument, wir hatten nur Gegenwind und mussten uns alles selbst erkämpfen. Und die Linkspartei muss erst einmal beweisen, was sie überhaupt kann. Mit Sozialpopulismus gewinnt man nur einmal bei einer Bundestagswahl. Beim zweiten Mal wird das nicht mehr funktionieren.

Nicht wenige Sozialdemokraten und Grüne sehen das anders. Sie sind zur Linkspartei gewechselt.

Sollen sie. Ich hoffe sehr, dass Gysi und Lafontaine sie behalten. Ich kenne ja einige von denen. Ich nenne nur Dr. Diether Dehm. Die Schiffe, auf denen er angeheuert hat, kehrten in der Regel nicht zurück. Da würde ich sofort abheuern. Das habe ich Gregor Gysi auch schon gesagt. Er hat da sehr gequält gelächelt. Ja, ja, die Linkspartei hat viele solcher Klabautermänner. Ich wünsche gute Fahrt!

Sie reden über die Mehrheit links der Mitte und empfehlen Ihrer Partei gleichzeitig, sich auch der Union zu öffnen. Wie geht das zusammen?

Nochmal: Ich empfehle die Öffnung nach beiden Seiten, ohne dabei zum Weltkind in der Mitten zu werden. Das ist wichtig für die programmatische Erneuerung der Partei. Wir müssen die Wähler aus der klassischen Linken genauso ansprechen wie die bürgerliche Klientel. Und bei aller Skepsis, die ich selbst habe: Wenn Edmund Stoiber sagt, man müsse sich daran gewöhnen, dass man auch mit Jürgen Trittin zusammen regieren kann, dann ist das ein kultureller Fortschritt, ein Abbau von Feindbildern. Das heißt noch lange nicht, dass die inhaltlichen Differenzen deswegen wegfallen. Aber dass diese Bürgerkriegsmentalität nachlässt, finde ich erst einmal positiv. Und dann werde ich wieder der Realo: Ich sehe nicht, wie Jamaika funktionieren soll. Aber das wird die grüne Partei entscheiden müssen, ich bin da nicht mehr dabei.

Und wie sieht die moderne linke Partei, als die Sie die Grünen neuerdings bezeichnen, dann aus?

Moderne linke Partei heißt, die Gesellschaft von heute so zu begreifen, wie sie sich darstellt, und das ist nicht mehr die alte Arbeits- und Klassengesellschaft. Trotzdem müssen die linken Grundthemen wie soziale Gerechtigkeit und Chancengleichheit im Zentrum unserer Politik stehen – aber eben neu definiert. Als Verteilungsgerechtigkeit, als Zugangsgerechtigkeit, als Generationengerechtigkeit. Wenn ich mit meinen erwachsenen Kindern und deren Freunden rede, verstehe ich, dass es in der jungen Generation eine tiefe Sehnsucht gibt, einerseits ihren Individualismus zu leben, andererseits aber auch den sozialen Zusammenhalt zu erhalten, auch jenseits der klassischen Kleinfamilie. Vielleicht ist da der Blick durch die Bilder aus New Orleans geschärft worden: dass es so etwas wie gemeinsame Verantwortung auch unter den Bedingungen der Globalisierung gibt, dass die starken Schultern eben doch mehr tragen müssen. Die Grünen haben für diese Neuorientierung die besten Voraussetzungen, weil sie aus der Alternativbewegung kommen. Die taz ist ja auch so ein Projekt, wo man vieles vorausgedacht hat, das jetzt gesamtgesellschaftlich relevant wird.

Wie wichtig bleibt das Thema Ökologie für die Grünen?

Mit unserem Anspruch, die Industriegesellschaft weg vom Öl, hin zu erneuerbaren Energien zu führen, haben wir ein neues Großthema entwickelt. Das dürfen wir nie unterschätzen. Ich habe nicht die Sorge, dass das grüne Thema Ökologie randständig wird. Ich habe eher die Sorge, wir begreifen zu spät, dass es ins Zentrum rückt, in den inneren Bereich der harten Machtfragen der internationalen Politik. Deutschland hat jetzt eine Riesenchance, sich in einer großen industriepolitischen Anstrengung auf diese Nach-Öl-Ära einzustellen – das ist von essenzieller Bedeutung, auch außenpolitisch. Die USA werden ebenfalls in diese Richtung gehen, um ihre Abhängigkeit vom Nahen und Mittleren Osten zu reduzieren.

Ist es für die programmatische Neuorientierung der Grünen gut oder schlecht, dass die Partei jetzt in die Opposition geht?

Beides ist gut. Wir können sehr gut opponieren, aber noch besser regieren.

Veränderung beginnt mit Opposition. Der Spruch kommt Ihnen bekannt vor?

Und ob. Die Linke muss jedoch ihren Machtanspruch aufrechterhalten, und zwar immer. Das macht mich auch so rasend bei Gysi und Lafontaine, dass sie diesen Gestaltungsanspruch aufgeben. Das ist das Eitle an ihnen. Ich bin noch groß geworden mit Artikel 0 des Grundgesetzes, der da hieß: Die Linken sind der Betriebsrat der Gesellschaft, sie dürfen maximal opponieren, vielleicht dann und wann demonstrieren, aber nie regieren – das Erstgeburtsrecht auf die Macht in Deutschland haben die Konservativen. Niemals darf die Linke das akzeptieren. Niemals!

Wann werden die Grünen als „moderne linke Partei“ denn wieder an die Macht kommen?

Schneller, als Sie glauben.

Wann?

Ich bin kein Prophet. Wenn ich es wäre, käme Sie dieses Interview teuer zu stehen.

Und das soll irgendwann auch mit einer Merkel-Union möglich sein?

Die Union ist ja nicht gemerkelt. Die gute Frau wird, wenn überhaupt, nur überleben können, wenn die CDU wieder christdemokratisiert wird. Sie hat also ihre Taufe noch vor sich.

Ist die Neupositionierung der Grünen ohne Fischer leichter?

Das ist eine Frage, die werden Sie beantworten müssen, nicht mehr ich. Das betrifft mich nicht mehr. Ich werde mich zurückhalten.

Sie klingen sehr zufrieden, fast altersmilde.

Zufrieden ist das falsche Wort. Ich bin mit mir im Reinen.

Die Partei hat es nie geschafft, sich von ihrem Übervater zu trennen, als der noch da war. Hätten Sie sich selbst nicht manchmal gewünscht, dass die Jungen den alten Sack Fischer mehr vor sich hergetrieben hätten?

Gestürzt hätten.

Bitte?

Ja, das wäre der Preis gewesen, den ich hätte zahlen müssen. Die jungen Grünen hätten mich stürzen sollen.

Ist das das Eingeständnis, dass Sie die Partei zu sehr beherrscht und sie sich manchmal auch untertan gemacht haben?

Ich habe mir die Grünen nie untertan gemacht. Es gibt in der Demokratie keine Entscheidung des alten Leitwolfs, wer ihm wann nachfolgt. Das müssen die Jüngeren untereinander selbst ausbeißen.

Ah, jetzt spricht Fischer, das Machttier. Wir hören.

Sie lachen. Aber der Kampf um die Macht ist konstitutiv für das demokratische System. Das ist vom Grundgesetz so gewollt. Demokratische Macht bedeutet, den Politikern Bleiplatten an die Füße und an den Hals zu hängen und sie dann rund um die Uhr, 24 Stunden am Tag, zu testen: Können die das oder werden sie weich?

Und, können das die Jüngeren?

Ja, sicher. Sie werden sich durchsetzen müssen. Gewiss unter anderen Voraussetzungen. Ich war einer der letzten Live-Rock’n’Roller der deutschen Politik. Jetzt kommt in allen Parteien die Playback-Generation.

Sie haben in der grünen Parteigeschichte oft genug entschieden, wer wann welchen Posten bekommt, ohne selbst je ein Parteiamt bekleidet zu haben.

Ja, aber oft genug wurde auch gegen mich entschieden. Meine Reichweite war viel kürzer, als ihr alle geglaubt habt. Die Arbeitsteilung lief doch so: Ich war für die Realität zuständig und Christian Ströbele – herzlichen Glückwunsch zu seinem wirklich grandiosen Wahlergebnis! – für den homo ludens, für das Spielen oft jenseits der Realität. So wird es in Zukunft in dieser Partei nicht mehr funktionieren.

„Ich mache nicht den Opa aus der Muppets Show“, haben Sie im Interview mit der taz im Juni gesagt. Bleibt es dabei? Keine Kommentare von der Zuschauertribüne, keine Einmischung mehr bei den Grünen?

Dabei bleibt es. Ich werde hinten im Bundestag sitzen und nachdenken und schweigen.

Sie können verstehen, dass wir Ihnen das nicht glauben?

Tun Sie, was Sie nicht lassen können. Ich werde es genauso machen, wie ich es sage.

„Ich bin kein grüner Helmut Kohl.“ Noch so ein Satz von Ihnen, September 2002. Vielleicht sind Sie es ja doch. Mit Ihrem freiwilligen Rückzug fügen Sie Ihren vielen Verwandlungen eine neue hinzu. Sie arbeiten an Ihrem Bild für die Geschichtsbücher.

Ich bastele an keinem Bild für die Geschichte. Ich bin auch nicht mein eigener Historiker. Dazu liebe ich zu sehr das Leben. Um mich machen Sie sich mal keine Sorgen.

Es bleibt nur noch der Privatmann Fischer? Sie haben keinen neuen Job?

Ich habe gar nichts – außer gute Laune.