Ex-RAFler Dellwo antwortet auf Mescalero

„Hier explodiert etwas vom Leben“

Karl-Heinz Dellwo, ehemaliges RAF-Mitglied und jetzt Verleger, antwortet auf linke Kritik, laut der er autonome Gewalt beim G20-Gipfel glorifiziere

Menschen werfen nachts Steine vor brennenden Barrikaden

Riots in der Sternschanze: obszöner Auftritt von Uniformierten oder ein Ereignis, in dem eine Wut gegen die herrschenden Verhältnisse explodiert? Foto: Miguel Ferraz

In der taz vom 14. Juli 2017 schreibt Klaus Hülbrock in einem Artikel mit der Bildüberschrift: „Die Vermummung ist der Wichs der Krawallisten.“ Das „Mescalero“-Kostüm war Jahrzehntelang die Vermummung des Klaus Hülbrock.

Hülbrock bezeichnet Texte von mir als „Kampftexte“ und greift mich auf eine persönliche Art und Weise an, die sich beim sprachlichen Reservoir des Wirtshausschlägers bedient: „Idiot“ und „Halt endlich die Klappe Dellwo“. Ich kenne Hülbrock nicht und er mich auch nicht – woher also dieser Affekt und dieser herrische Anspruch? Aber Hülbrock meint ja nicht nur mich oder die RAF, die es auch nicht mehr gibt, sondern führt im Stil eines misanthropischen Austeilers eine Tirade gegen die, die er die „Krawallisten“ nennt, ausgestattet mit „Hirnblockaden“, „Hässlichkeit“ und „dumm“ sind sie sowieso, und so weiter.

Der ganze Text ist nur gekennzeichnet von Abwehr und Draufschlagen. Da fühlt sich jemand belästigt von den Ereignissen in der Gesellschaft und tritt um sich. Die Unwahrheit seiner Äquidistanz suggerierenden Behauptung, dass die oben und unten gleich sind, erkennt man schon daran, dass Hülbrock den Riot brauchte, um sich zu äußern. Die „Herrschaften“, sprich die Ausrichter und Teilnehmer des G20-Gipfels, die er als „nicht weniger obszön“ bezeichnet, waren ihm alleine kein Grund in der Vergangenheit, sich dermaßen affektiv zu äußern.

Das ist auch die Unwahrheit der taz, die dieses Pam­phlet goutiert, groß auf Seite 1 ankündigte und auf Seite zwei in einer Art unfreiwilligem Humor als „schwarzen Block“ setzte. Wo ist die Positionierung gegen die „Obszönität“ der „Herrschaften“ in der taz, also das grundsätzlich Systemoppositionelle? Ebenso die Süddeutsche Zeitung: In einem Kommentar greift Willi Winkler Hülbrocks Denunziationsvokabel „Kampftext“ auf und behauptet wahrheitswidrig, dass ich den Riot „bejubelt“ hätte.

Das Kollektive als Explosion

Ich habe am 7. Juli einen reflektierenden Bericht geschrieben nach dem brutalen Polizeieinsatz zu Beginn der „Welcome to Hell“-Demo, einen Bericht über die gute Stimmung zu Anfang auf der Demo und der dann eskalierenden Entwicklung.

Der zweite Text datiert vom 10. Juli, nach der Nacht im Schanzenviertel. Der Inhalt dieses Textes ist, grob zusammengefasst, das Konstatieren dessen, dass in einer uniformen Welt der Antagonismus, also das Reale und das grundsätzlich Andere, wie verschwunden scheint. Eine Welt voller Ereignisse, aber ohne sozialen Sinn. Die Vergesellschaftungsprozesse im global gewordenen Kapitalismus sind räumlich und zeitlich so allumfassend, dass das Individuum nicht mehr über sich hinauskommt, isoliert und alleine bleibt und offenkundig zum neuen Kollektiv zur Herstellung einer grundsätzlich anderen Lebensgrundlage derzeit nicht fähig ist.

Am vergangenen Freitag erschien in der taz ein Text von Klaus Hülbrock, der sich unter der Überschrift „Die Vermummung ist der Wichs der Krawallisten“ kritisch mit dem Auftreten der Autonomen beim Hamburger G20-Gipfel auseinandersetzt.

Hülbrock, inzwischen 69, war 1977 nach der Ermordung des Generalbundesanwaltes Siegfried Buback durch die RAF unter dem Pseudonym „Mescalero“ bundesweit bekannt geworden: unter diesem Namen hatte er einen Artikel in einer Göttinger Studentenzeitung veröffentlicht, in dem er bekannte, beim Tod des Linken-Feindes Buback eine „klammheimliche Freude“ empfunden zu haben.

Hülbrock kritisiert in dem taz-Text vom Freitag unter anderem auch das ehemalige RAF-Mitglied Karl-Heinz Dellwo, der inzwischen in Hamburg einen Kleinverlag betreibt: in einem „Kampftext“ habe dieser die „Krawalle von Hamburg“ als „Riots“ bezeichnet. „Die erste Assoziation war ‚Idiot!‘, die zweite ‚Halt endlich die Klappe, Dellwo!‘.“

Das Kollektive kommt nicht als bewusstes Handeln, sondern nur in seiner bewusstlosen Form, hier als Explosion zur Geltung. Das ist der Riot. Es geht in dem Text um nichts anderes als um einen Versuch, zu verstehen, was dort gerade abgelaufen ist, und die Frage, was das Detail über das gesellschaftliche Ganze aussagt.

Aus diesem Grunde habe ich mich gegen das Distanzierungsverlangen gestellt, dass nun überall auftritt, weil dieses Distanzieren die Möglichkeit des Erkennens blockieren will. Bevor etwas verstanden wird, wird über die moralische Empörung schon die Endstufe der Auseinandersetzung mit den Ereignissen definiert. Das ist Herrschaftspolitik: Das Herstellen einer Situation des Bekenntniszwangs und der Druck zur staatstreuen Konformität. Das ist auch nichts anderes als das, was staatlicherseits derzeit in der Türkei läuft.

Gewalt als bildmächtiger Ausdruck des Scheiterns

Im Distanzierungs- und Bekenntniszwang geht es um die Hegemonie der Vermittlung, also um Herrschaft und die etablierte Ordnung, die allerdings zum G20-Gipfel massenhaft, nicht nur durch die Militanten, infrage gestellt wurde. Ihr G20-Gipfel ist gescheitert. Er war es schon von vorneherein. Denn diejenigen, die sich in Hamburg als politische Kaste versammelt haben, sind unfähig, irgend­etwas anderes als die Verlängerung des derzeitigen Zustandes der Welt zu verfolgen.

Die gewalttätigen Ereignisse sind nicht die Ursache des Scheiterns dieses Gipfels. Sie sind nur der bildmächtige Ausdruck dessen. Und die Wahrheit dieses Ausdruckes ist den Herrschenden unerträglich, weil er sie auf ihren Hegemonieverlust hinweist und dort die Sorge entstehen lässt, dass sie durchweg von denen, die sie befehlen, als das erkannt werden, was sie inzwischen sind: als die Knechte von längst verselbständigten Prozessen in der Welt, als die also, die uns nichts mehr zu sagen haben.

Das, was Politik wäre, existiert nicht und das Leben, das sie uns im Konsum verheißen, ist es ebenso davon durchzogen, dass es auf der falschen Grundlage steht. Politik von ihrer Aufgabe her war die Organisierung eines guten Lebens. Gutes Leben heißt: materielle Bedürfnisbefriedigung und das Ermöglichen der Entfaltung des subjektiven Potenzials des Menschen, individuell oder kollektiv. Wer aber über die Prozesse in der Welt nicht mehr verfügt, verfügt auch nicht mehr über die Politik.

Das ist, in grober Kürze, die Lage, über die wir uns zu verständigen versuchen sollten. Der militante Widerspruch und der Riot sind Äußerungen dazu, ob sie klug sind oder nicht, spielt an dieser Stelle keine Rolle. Hier explodiert etwas vom Leben, das gegen seine andauernde Zurichtung sich selbst noch nicht völlig verloren hat. Wohl aber spielt eine Rolle, in wessen Händen die reale Macht liegt. Die Behauptung, dass die, die in bestimmten Situationen zur Militanz greifen, und die, die die ganze Macht des Systems in ihren Händen haben und damit andauernd die Verhältnisse absichern, gleich sind, ist nur Ausdruck einer korrumpierten Mittelschicht, die sich, solang es ihr noch einigermaßen gut geht, von denen belästigt fühlt, die den Diebstahl an Leben nicht mehr ertragen.

 

Vom 7. bis 8. Juli 2017 fand der G20-Gipfel in Hamburg statt – mit Trump, Putin und Erdoğan, friedlichem Protest und viel Gewalt.

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