Früher Eltern suchen einen fairen Umgang mit den Smartphones ihrer Kinder. Eine Zeitreise hilft dabei

Das Handy aus Papier

Schön war die Zeit, als noch Papa den Medienzombie gab Foto: Gerd Schwenn/Transit

Von Klaus Raab

Vor Kurzem twitterte eine Mutter einen dieser Sätze, die heute eine ganze Lebenswelt aufrufen: Sie habe, schrieb sie, ihr Kind bei Tisch per WhatsApp aufgefordert, ihr bitte mal die Butter zu reichen.

Ein paar Stichworte – Handy, Frühstück, Teenager – genügen, und alle Beteiligten haben auf dem Schirm, worum es geht. Um Kinder, die nicht mehr ansprechbar sind, weil sie auf Glasplatten glotzen. In Fami­lien­zusammenhängen wird das Smartphone mittlerweile als „das Ding“ schlechthin verabsolutiert. Sätze wie „Jetzt pack das Ding weg!“ sind so oft gefallen, dass jeder Jugendliche weiß: Gemeint ist auch diesmal wohl nicht die Gabel.

Man muss kein kulturkritischer Zausel sein, um das zu verstehen. Nach neuen Studienergebnissen lassen sich bei 8- bis 13-Jährigen, die digitale Medien länger als 60 Minuten täglich nutzten, motorische Hyperaktivität und Konzentrationsprobleme feststellen. Kinderärzte warnen in Sprechstunden davor, Kindern die gewünschten Handys zu früh zu schenken. Und in vielen Familien gibt es jenseits der Mahlzeiten werktags nicht so viele Situationen, in denen alle zusammensitzen und ein bisschen quatschen. Natürlich kann es da irre nerven, wenn alle, die gerade irgendwo zwischen erstem Pickel und erster WG stehen, auf fiependen Kästchen herumwischen.

Die Frage ist nur: Ist es nicht völlig normal, dass Jugendliche ihre eigene Vorstellung davon haben, was gerade wichtig ist, und gewisse Dinge zu exzessiv betreiben – nämlich genau jene, die alle anderen Jugendlichen auch tun? Ist das wirklich eine so große Sache?

Womöglich ist die Polarisierung bei dem Thema ein Überbleibsel aus alten Tagen. Zu den gängigen Argumentationsmustern der sogenannten Internetdebatte gehörte einst, andere Standpunkte auf keinen Fall zuzulassen. Fragen rund um Smartphones, Social Media und die disruptive Kraft der Digitalisierung wurden fast nur im Alarmanlagensound verhandelt. Auf der einen Seite stand die Kampfgruppe „Computer werden uns alle töten“. Auf der anderen die Interessengemeinschaft „Spott für alte Säcke“.

Aber eigentlich ist die Diskussion inzwischen weiter. Die Frage kann also nicht sein: Wer hat recht? Die Frage ist: Was wäre ein fairer Umgang mit den medialen Gewohnheiten von Jugendlichen? Es ist hilfreich, bei der Lösungssuche auf die Ära der Papierzeitung zurückzublicken. Das Motiv des sich in Medienkonsum flüchtenden Familienmitglieds ist viel älter als das Smartphone.

Wenn vom 20. Jahrhundert erzählt wird, taucht speziell der zeitunglesende Vater immer wieder auf. Als Harald Schmidt und Oliver Pocher 2008 im Fernsehen den damals erschienenen fünften Band von Hans-Ulrich Wehlers „Deutscher Gesellschaftsgeschichte“ mit Playmobil nachspielten, bebilderten sie die fünfziger Jahre mit einer Mutter in gepunkteter Schürze – und einem zeitunglesenden Vater, der sich unter seiner Stehlampe in seine eigene Welt zurückgezogen hatte. Der erste Medienjunkie, der sich für die Belange der Familiengemeinschaft nicht ausreichend inte­ressiert, war keineswegs der jugendliche Smartphone-Zombie von heute.

In Filmen und Memoiren erscheint die Zeitung des 20. Jahrhunderts immer wieder in der Rolle als Mittel der Konver­sa­tions­verhinderung. Der You­Tuber Cheng Loew etwa erzählte 2016 in einem Gespräch mit der Zeit, bei ihm zu Hause sei Zeitunglesen am Esstisch tabu gewesen. „Meine Mutter wollte, dass wir uns unterhalten, und wenn mein Vater in die Zeitung guckte, ermahnte sie ihn etliche Male, das nicht vor den Kindern zu tun.“

Und auch das Motiv der Konzentrationsstörung taucht im Zusammenhang mit der Zeitung auf. Don Draper zum Beispiel, der Werber aus der Serie „Mad Men“, stürzt die Treppe hinunter, weil er Zeitung liest, während er seiner Frau am Muttertag das Frühstück ans Bett bringt.

Der Vergleich mit der Zeitung zeigt einem die Dinge, um die heute so gerungen wird, wie im Rückblick. Die Kritik an der Medien­nutzung von heute wird dadurch nicht falsch – aber sie erscheint auch nicht ausreichend, um zu einem fairen ­Urteil über das Verhalten heutiger Jugendlicher zu kommen. Oder würde irgendjemand ernsthaft behaupten, die Zeitung sei für ­Fa­milien­entzweiungen und Krankenhausaufenthalte verantwortlich?

Natürlich ist das Smartphone etwas anderes als die Zeitung – man denke nur an die Studie, über ­Konzentrationsstörungen und Hyperaktivität bei Jugendlichen. Allerdings ist es auch da eine Frage der Formulierung. Wenn die Drogenbeauftragte der Bundesregierung sagt, „6 Prozent der 12- bis 17- Jährigen in unserem Land sind definitiv behandlungsbedürftig“ – dann heißt das auch: 94 Prozent sind es nicht.

Während Ärzte qua Job auf Risiken hinweisen müssen, sind Eltern in der Verantwortung, diese Gefahrenpotenziale so in die Lebenswelt ihrer Kinder einzubauen, dass diese darüber nicht unglücklich werden.

Halte ich mein Kind wirklich für suchtgefährdet? Bin ich genervt, weil ich von meinem Pubertierenden nicht mehr die Aufmerksamkeit bekomme, die mir mein siebenjähriges Kind noch zuteil werden ließ? Um wen sorgen wir uns: um das Kind – oder um unser eigenes Sozialleben, das wir uns einst so schön ausgemalt haben, weil wir vergessen hatten, dass wir auch mal 15 waren? Das sind die Fragen, die Eltern beantworten müssen.

Wenn man sich auf der Suche nach Antworten daran erinnert, wie man als 15-Jähriger den Nachmittag hindurch superpolitische Musikvideos von Blümchen und Captain Jack bei Viva gesehen hat, unterbrochen nur von mehreren Festnetztelefonaten, die leider, leider noch nicht einmal im Ansatz zu Ende waren, als die geschätzte Familie bereits ihre Käsebrote einzunehmen anhob – dann ist man vielleicht einen Schritt weiter zu einer fairen Einschätzung.