André Eminger im NSU-Prozess

Der stillste Helfer

Für die Bundesanwaltschaft ist er die engste Bezugsperson des NSU. Doch André Eminger schweigt. Er könnte glimpflich davonkommen.

André Eminger mit Sonnenbrille, Kapuzenpulli und Ohrring sitzt im Gerichtssaal

André Eminger im Gerichtssaal Foto: dpa

MÜNCHEN/ZWICKAU taz | Am 114. Verhandlungstag des NSU-Prozesses, am 21. Mai 2014, richten sich alle Blicke in Saal A101 des Münchner Oberlandesgerichts auf den schwarzen Kapuzenpullover des Angeklagten André Eminger. Auf dem Stoff ist ein Vermummter mit Sturmgewehren zu sehen. Ein Opferanwalt sagt, es sei das Logo einer rechten Metal Band, zu einem Album namens „Gas Chamber“. Dies könne als „Sympathieerklärung“ für den bewaffneten Kampf und die NSU-Morde gelten. Er beantragt, Emingers Pullover zu beschlagnahmen.

Richter Manfred Götzl bittet, Eminger solle mal aufstehen. Der schaut zu seinem Anwalt und bleibt einfach sitzen. Er wisse nicht, was das soll, sagt der Verteidiger. Eminger weigert sich auch, den Pullover herzugeben. Götzl schickt ihn schließlich vor die Tür, dort fotografiert ein Beamter den Pulli. Dann trottet Eminger zurück auf seinen Platz. Gesprochen hat er an diesem Prozesstag kein einziges Wort. Wie bisher an jedem anderen.

Seit 374 Verhandlungstagen geht es im Münchner Oberlandesgericht um die Verbrechen des Nationalsozialistischen Untergrunds: 10 Morde, 2 Anschläge, 15 Raubüberfälle. In der kommenden Woche sollen die Plädoyers beginnen. Zwar werden alle dann auf Beate Zschäpe schauen, die Hauptangeklagte. Die Bundesanwaltschaft wird aber auch ihre Strafforderungen für vier Mitangeklagte verkünden.

Es sind: Ralf Wohlleben, beschuldigt als Beschaffer der Mordwaffe des NSU, ein früherer NPD-Mann, der lange schwieg und dann die Schuld auf einen Mitangeklagten abwälzen wollte. Carsten S., der mutmaßliche Überbringer der Mordwaffe, der unter Tränen aussagte und sich von der rechten Szene distanzierte. Holger G., der dem Trio Dokumente besorgte, zu Beginn des Prozesses eine kurze Erklärung verlas und seitdem fast ungläubig die Verhandlung verfolgt. Und André Eminger.

Beihilfe zum versuchten Mord

Als Einziger der vier hielt Eminger vom Anfang bis zum Ende unmittelbaren Kontakt zum NSU-Trio Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt. Er sei die „engste Bezugsperson“ des untergetauchten NSU-Trios gewesen, sagt die Bundesanwaltschaft. Sie wirft dem 37-Jährigen Unterstützung einer terroristischen Vereinigung und Beihilfe zum versuchten Mord vor.

Die Angeklagte: Beate Zschäpe gilt als das einzige noch lebende Mitglied des Nationalsozialistischen Untergrunds und ist Hauptangeklagte im Münchner Prozess. Die NSU-Trio-Theorie wird von der Nebenanklage immer wieder bestritten. Mit­angeklagt sind Ralf Wohlleben, Carsten S., Holger G. und André Eminger. Die Bundesanwaltschaft ermittelt derzeit gegen neun ­weitere Personen aus dem ­näheren NSU-Umfeld.

Der Urteilsspruch: Der Vorsitzende Richter Manfred Götzl schloss am Dienstag, 18. Juli, die Beweisaufnahme. Bis zur Sommer­pause Anfang August soll das Plädoyer in 22 Stunden verlesen werden. Die 60 Opferanwält*innen halten ihre Plädoyers im September. Mit dem Urteil ist nach jetzigem Stand für Herbst 2017 zu rechnen.

Am vierten Prozesstag fragt Richter Götzl, ob sich Eminger zur Anklage äußern wolle. Da schüttelt er zum ersten Mal den Kopf. Am 20. Verhandlungstag beantragt Emingers Anwalt, dass sein Mandant nicht mehr im Prozess erscheinen muss, wenn es um die Mordvorwürfe des Terrortrios geht. Diese beträfen ihn schließlich nicht. Das Gericht lehnt ab.

Seitdem sitzt der untersetzte, schwer tätowierte Zwickauer auf seinem Stammplatz in der Anklagebank, als ginge ihn alles gar nichts an. Er kommt mit Sonnenbrille ins Gericht. Er fläzt mit verschränkten Armen auf seinem Stuhl. Er scrollt auf seinem Laptop. In den Pausen liest er in Bikermagazinen. Eminger lässt vier Jahre NSU-Prozess an sich vorbeirauschen.

Außerhalb des Gerichts aber macht André Eminger klar, wo er steht. Erst am vergangen Samstag plaudert der Zwickauer im kleinen Thüringer Themar neben einem Großzelt auf einer umzäunen Wiese mit Szenebekannten. So zeigen es Fotos. 6.000 Neonazis sind zu einem Rechtsrockkonzert angereist. In der Nacht recken einige ihre Arme zum Hitlergruß, durch das Zelt hallen „Heil“-Rufe. Es ist das größte Szenekonzert in Deutschland seit Jahrzehnten. Und André Eminger steht mittendrin – in einem schwarzen Shirt der rechtsextremen „Gefangenenhilfe“.

2000 fuhren sie nach Köln

Im Frühjahr 1998 lernt André Eminger Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt kennen – da ist das Trio gerade in der Chemnitzer Wohnung eines Helfers untergetaucht, dem ersten Unterschlupf auf der Flucht der drei. Zuvor hatten Polizisten deren Bombenwerkstatt in Jena entdeckt, das Trio war getürmt. Eminger mietet ihm eine Wohnung in einem Chemnitzer Plattenbau an. Erdgeschoss, knapp 50 Quadratmeter, zwei Zimmer.

Die Bundesanwaltschaft wirft Eminger vor, dem Trio auch eine spätere Wohnung in Zwickau vermittelt zu haben, in der es Trio sieben Jahre lebte. Uwe Böhnhardt beschaffte Eminger eine Krankenkassenkarte und eine Bahncard. Zudem mietete er für das Trio Wohnmobile an. Damit überfielen Böhnhardt und Mundlos 2000 und 2003 Banken in Chemnitz, einmal machten sie 38.900 DM Beute, einmal nur 435 DM. 2000 fuhren sie nach Köln und brachten eine Christstollendose mit Sprengstoff in einen Lebensmittelladen, der von Deutschiranern betrieben wurde. Die Dose explodierte später und fügte der 19-jährigen Tochter des Ladenbetreibers schwere Verbrennungen und Schnittverletzungen zu.

Am 4. November 2011 wird André Eminger zum letzten Helfer des NSU. In Eisenach erschießen sich Mundlos und Böhnhardt nach einem gescheiterten Banküberfall. In Zwickau zündet Beate Zschäpe den letzten NSU-Unterschlupf in der Frühlingsstraße an. Dann greift sie zum Handy und ruft Eminger an. Beide brauchen nicht viele Worte, nur eine Minute und 27 Sekunden dauert das Telefonat.

Eminger schickt sofort eine SMS an seine Frau, die beide später wieder löschen. Dann sammelt er mit seinem VW Golf Zschäpe ein, sie stinkt nach Benzin. Sie fahren zu Emingers nach Hause, knapp acht Kilometer entfernt. Eminger gibt ihr neue Kleidung von seiner Frau Susann. Dann setzt er Zschäpe am Bahnhof im benachbarten Chemnitz ab. Ob sie sich nun auch umbringen wolle, soll Eminger laut Zschäpe am Ende gefragt haben. Sie habe nicht geantwortet. Zschäpe steigt in den Zug und flieht – bevor sie sich vier Tage später entkräftet der Polizei stellt.

Auf dem Bauch steht „Die Jew Die“

Am 24. November 2011 wird Eminger auf dem brandenburgischen Gehöft seines Zwillingsbruders Maik von einer Spezial­einheit der Polizei festgenommen. Ein halbes Jahr lang sitzt Eminger in U-Haft, dann kommt er frei. Jetzt ist er einer der prominentesten Angeklagten der Szene. Von den NSU-Morden hat sich André Eminger bis heute nicht distanziert. Und er könnte mit seiner Haltung glimpflich davonkommen.

Der Zwickauer steht auch für die ungebrochene Solidarität weiter Teile der rechtsextremen Szene mit dem Rechtsterror des NSU. Ein „Schauprozess“ sei der NSU-Prozess, heißt es dort. Die Angeklagten seien „Bauernopfer“. In Themar duldete die Szene nicht nur den NSU-Angeklagten André Eminger. Sie zeigte auch offen ihre Solidarität mit Ralf Wohlleben, der neben Zschäpe bis heute in U-Haft sitzt – mit „Freiheit für Wolle“-Shirts.

André Eminger ist aufgewachsen im sächsischen Johanngeorgenstadt. Ein kleines Städtchen im Erzgebirge, gleich hinter der tschechischen Grenze, Weihnachtsdekora­tions­gegend, „Stadt des Schwibbogens“. Eminger hat zwei ältere Geschwister und einen Zwillingsbruder, Maik. Sein Vater ist Skispringer der B-Nationalmannschaft der DDR. Mit der Wende gerät die Stadt ins Taumeln, die Handschuhfabrik schließt, das Werkzeugmaschinenwerk, die Be­kleidungsfabrik. Emingers Vater arbeitet jetzt auf dem Bauhof der Stadt, die Mutter geht putzen.

André Eminger ist damals elf Jahre alt, wird vom Gymnasium auf die Mittelschule versetzt und sucht Orientierung. Mit seinem Bruder Maik trifft er sich nachmittags mit einer Clique rechter Skinheads. Eminger lässt sich erste Tattoos stechen. „Blut und Ehre“ lautet eines, der Kampfruf der Hitlerjugend. Später kommen mehr dazu, auf seinem Bauch: „Die Jew Die“, da­rüber das Symbol der SS-Totenkopfverbände. Auf seiner Brust: Horst Wessel, der SA-Sturmführer.

Eminger leistet seinen Wehrdienst in Gotha ab, er wird vom Militärischen Abschirmdienst befragt. Eminger verstellt sich nicht. „Ich denke nationalsozialistisch“, sagt der 20-Jährige dem Befrager. Er sei „gegen kriminelle Ausländer“ und bewundere „die militärische Leistung der SS“. „Darin sehe ich nichts Ungesetzliches.“ Eminger darf bei der Bundeswehr bleiben.

Immer extremer

Im Anschluss arbeitet er als Maurer, später lässt er sich zum Fachinformatiker umschulen, dann zum Lkw-Fahrer. Immer wieder verliert er seine Jobs, am Ende arbeitet er auf Montage. Eminger heiratet: Susann, eine Zwickauerin, ein rechtes Skingirl, auch sie reichlich tätowiert. Sie bekommen drei Kinder.

Über André Emingers Gesinnung sagte seine Exfreundin Anja S. im Prozess aus. Immer radikaler sei er über die Zeit geworden. Alles sei irgendwann rechtsextrem gewesen. Die Kleidung, die Musik, der Lebensstil. „Alles, was nicht deutsch war, war nicht akzeptabel.“ Den Ermittlern hatte ein früherer Arbeitskollege berichtet, wie Eminger erzählte, Hitlers „Mein Kampf“ gelesen zu haben. Als „unbelehrbaren Neonazi“ bezeichnet Nebenklageanwalt Yavuz Narin den Zwickauer. Narin vertritt die Familie des in München vom NSU erschossenen Theodoros Boulgarides. Für das Terrortrio sei Emingers Rolle existenziell gewesen. „Dass er diese bereut, davon ist überhaupt nichts zu sehen, ganz im Gegenteil.“

Im Jahr 2000 gründet Eminger mit seinem Bruder Maik die „Weiße Bruderschaft Erzgebirge“ und lässt sich ihren Namen auf den Arm tätowieren. In der Kameradschaft versammeln sich knapp zwanzig Neonazis. Die Zwillinge geben den Ton an. „Der Dumme und der Schlaue“ habe man sie genannt, sagt ein früherer Szenefreund. Maik Eminger war der Schlaue.

Das Schweigen hat Methode

Die Gruppe gibt auch eine eigene Zeitschrift heraus, die Eminger-Brüder seien dafür verantwortlich gewesen, sagt der frühere Freund. Die Zeitschrift nennt sich „Aryan Law and Order“: Man sei für ein „weißes Europa“, heißt es dort. Die US-Rechtsterroristen „The Order“ werden für ihre Strategie gelobt. Diese wollen Sprengstoffanschläge auf Synagogen begehen, Banken überfallen, „politische Gegner“ ermorden. Es ist ein Untergrundkonzept wie das, mit dem der NSU just in dieser Zeit seine Mordserie beginnt. Grüße gehen auch an die Netzwerke von Blood&Honour und den Hammerskins – aus beiden kommen weitere NSU-Helfer und Kontaktleute. Und André Eminger war offenbar mittendrin.

In einem Beitrag, der mit „A.“ unterzeichnet ist, steht: „Ich habe glücklicherweise Kameraden kennengelernt, die mich unterstützt und mir gezeigt haben, das nicht alles aus saufen und randalieren besteht.“ Ist das mordende Terrortrio gemeint?

16. Oktober 2014, Prozesstag 151: Der Thüringer Neonazi Thomas G. soll aussagen. Eminger sitzt wie immer auf der Anklagebank, er trägt ein Hemd: „Brüder schweigen – bis in den Tod“. Thomas G. lässt sich an diesem Tag wenige Worte entlocken. Das hat Methode. „Schweigen ist Gold“, rät die rechtsextreme „Gefangenenhilfe“ Szeneangehörigen – die Gruppe, deren Shirt Eminger in Themar trug.

Vor wenigen Monaten sitzt Thomas G. erneut im Prozess, diesmal auf der Zuhörerempore, mit mehreren Gesinnungs­ka­meraden. Die Neonazis platzieren sich provokativ zwischen die Journalisten, aus dem Saal grinst ihnen Eminger entgegen. Als der Prozesstag vorbei ist, gesellt er sich vor dem Gerichtsgebäude direkt zu der Gruppe. Gemeinsam laufen sie zu einem roten Van. Sie warten die Polizeieskorte ab, die Beate Zschäpe und Ralf Wohlleben zurück in die JVA fährt – und hupen zum Gruß.

Weiterhin Kontakt zur Szene

Emingers Nähe zur Szene ist ungebrochen. Trotz des laufenden NSU-Prozesses will ein Zeuge ihn Ende 2014 auf einem Anti-Asyl-Aufzug im sächsischen Schneeberg gesehen haben. Wenig später, nach dem 173. Verhandlungstag, steht Eminger am Abend in München auf der Straße. Fotos zeigen ihn in schwarzer Lederweste und schwarzer Mütze, zusammen mit rund 1.500 Menschen auf dem Weg zum Karlsplatz. Es sind Anhänger des Münchner Pegida-Ablegers, auch stramme Neonazis sind gekommen. Auf ihren Plakaten wettern sie gegen die „Politikerkaste“ oder eine „Gesinnungsdiktatur“. Rechte Parolen werden in den dunklen Abend gerufen. Hier gibt es kein Schweigen mehr. Und André Eminger ist wieder mitten dabei.

Im Mai steht Eminger sogar noch einmal vor Gericht, diesmal in Zwickau, Amtsgericht. Ein Jahr zuvor soll Eminger in seiner Heimatstadt einen 18-Jährigen verprügelt haben, der zuvor mit seinem 14-jährigen Sohn in Streit geriet. Immer wieder habe Eminger auf den Jugendlichen eingeprügelt, sagt der Staatsanwalt. Zehn Mal gegen den Kopf, fünf Mal gegen die Rippen. „Die Art und Weise, wie er meinte, das Opfer disziplinieren zu müssen, ist eine szenetypische Verhaltensweise.“

Eminger verfolgt auch diese Worte schweigend. Er starrt vor sich auf den Tisch, zwischendrin schmunzelt er leicht. „Das letzte Wort haben Sie“, sagt der Richter. „Wollen Sie etwas sagen?“ Eminger schüttelt den Kopf. Der Richter verurteilt ihn zu einer Geldstrafe von 676 Euro. Wortlos eilt der 37-Jährige aus dem Gericht.

Auch in München hat Eminger inzwischen seine Vertrauten. So kam Eminger zwischenzeitlich im „Braunen Haus“ unter, eine Wohngemeinschaft von Rechtsextremen am Stadtrand, und ließ sich dort bei einem Sommerfest sehen. Auch besuchte der Münchner Karl-Heinz Statzberger wiederholt den NSU-Prozess. Gleich zur Prozesseröffnung erschien der Glatzkopf in Begleitung: mit Maik Eminger. Statzberger ist einer der Tonangebenden der rechtsextremen Partei „III. Weg“ – und ein verurteilter Rechts­terrorist. Vier Jahre saß er in Haft, weil er einen Anschlagsversuch auf die Münchner Synagoge 2003 mitplante.

Der „III. Weg“ zählt heute zu den aggressivsten Neonaziparteien, viele Mitglieder sind frühere Kameradschaftler. Unverhohlen werden NS-Referenzen bedient, besonders gegen Flüchtlinge wird gehetzt, die Rhetorik ist martialisch. „Kampf ist der Vater des Überlebens des eigenen Volkes“, heißt es in den Leitlinien der Partei. Dafür ist offenbar auch die Mitwirkung früherer Terrorplaner recht.

Auch Emingers Zwillingsbruder Maik, heute als Tätowierer tätig, gehörte zu den Führungskräften des III. Wegs. In Potsdam war er Stützpunktleiter der Partei, vielfach trat er als Redner auf. „Es ist an der Zeit, endlich Widerstand zu leisten, denn es wird ernst“, rief er einmal in einer Rede. „Kompromisslos“ werde man gegen die Asylpolitik des „herrschenden Systems“ kämpfen. Inzwischen, so heißt es in Sicherheitskreisen, habe sich Maik Eminger aus der Szene zurückgezogen.

Unbeantwortete Anfragen

Der kompromisslose Kampf gegen das System – auch der NSU hatte sich dieser Parole verschrieben. Seine zehn Morde und zwei Anschläge haben die Szene nicht aufgeschreckt. Die Neonazis setzen die Widerstandsaufrufe vielmehr fort. Längst halten auch die Sicherheitsbehörden das Aufkommen neuer rechtsterroristischen Gruppen wieder für möglich. Von einer „virulenten Gefahr“ spricht der Verfassungsschutz.

Fragt man André Eminger direkt, wie er heute zum NSU und den Anklagepunkten steht, grinst er nur. Dann dreht er sich weg, zündet sich eine Zigarette an und läuft davon. Auch seine beiden Anwälte lassen Anfragen unbeantwortet. In der Vergangenheit bezeichneten sie die Anklagen als „Vermutungen“.

Als Ermittler nach dem Auffliegen des NSU 2011 Emingers Wohnung durchsuchten, wurden sie fündig. Auf seinem Computer entdeckten sie neben ­Weihnachtsgrußkarten mit Hakenkreuz die „Turner Tage­bücher“, einen Roman, der den rechtsextremen Untergrundkampf beschreibt. Auf einer Bilddatei mit Totenköpfen prangte der Spruch: „Es ist nicht alle Tage, wir kommen wieder, keine Frage.“ Dieser Satz ertönt fast genauso am Ende es NSU-Bekennervideos.

Im Dezember 2015 bricht Beate Zschäpe im Prozess ihr Schweigen. Sie beschreibt André Eminger und seine Frau Susann als enge Freunde. Wöchentlich habe man sich getroffen, mit dem Fahrrad sei sie oft zum Haus der Emingers gefahren. André half bei Großeinkäufen. Mit Susann ging Zschä­pe ins Kino oder zu der Komikerin Cindy aus Marzahn, meistens einfach auf den Spielplatz. Fast immer waren die Kinder dabei. Auch deshalb, schilderte Zschä­pe, habe sie zu Hause stets darauf geachtet, die Waffen wegzuräumen. „Diese Treffen mit den Kindern taten mir gut“, lässt Zschäpe im Prozess ihren Anwalt verlesen. „Weil ich selbst keine eigenen Kinder bekommen kann.“

Eminger rettet das Trio

Für das Trio war der Alltag mit den Emingers eine willkommene Tarnung. Mehrmals gab sich Zschäpe auch direkt als Susann Eminger aus, verwendete deren Dokumente. Und das Trio revanchierte sich für die Treue: Einmal schenkten sie den Emingers eine Musikanlage für 285 Euro, einmal eine Reise ins Disneyland Paris für 916 Euro. Als „einzigen sozialen Fixpunkt“ für die Untergetauchten bezeichnet die Bundesanwaltschaft die Emingers. Gegen Susann Eminger ermittelt sie bis heute wegen möglicher Terrorunterstützung.

André Eminger leistete seine wohl wichtigste Hilfe im Januar 2007: Er rettet das Trio vorm Auffliegen. Ein Polizist steht bei der damaligen Wohnung von Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt in Zwickau vor der Tür. Es geht um den Verdacht eines Diebstahls im Haus, Zschäpe öffnet und stellt sich als „Susann Eminger“ vor. Zur Anhörung später auf dem Polizeirevier begleitet sie André Eminger. Beide gaben sich als Ehepaar aus, im Haus seien sie nur zu Besuch gewesen. Der Beamte schöpft keinen Verdacht. Und das Trio kann fünf weitere Jahre im Untergrund leben. Näher wird die Polizei den Terro­risten nicht mehr kommen.

Es war nach dieser Episode, als Zschäpe André Eminger über die Raubüberfälle des Trios eingeweiht haben will. „Von den Tötungsdelikten und Bombenanschlägen erfuhr er jedoch nichts“, teilte sie im Prozess mit. Es ist diese Frage, die das Gericht nun zu klären hat. Kann das stimmen, dass André Eminger fast 13 Jahre das Trio im Untergrund begleitete, aber von dessen Morden und Anschlägen keine Ahnung hatte?

An der Wand ein Bild der Uwes

Die Bundesanwaltschaft mel­dete früh Zweifel an. Eminger habe von der Jenaer Bombenwerkstatt des Trios und dessen „immenser“ Gewaltbe­reitschaft gewusst, heißt es in ihrer Anklage. Auch kannte er die rassistische Einstellung der drei. Insofern müsse ihm klar ge­wesen sein, dass diese ihre Ideologie „auch mit Todes­opfern“ ­durchsetzen könnten. Mehr noch befürworte er auch selbst die Tötung von Menschen, wie sein „Die Jew Die“-Tattoo zeige.

Beweise aber, dass Eminger tatsächlich von den NSU-Mordtaten wusste, ergaben sich in den viereinhalb Jahren Prozess nicht. Auch den anfänglichen Vorwurf, Eminger habe am NSU-Bekennervideo mitgewirkt, konnten die Ermittler nicht untermauern. Die Anmietungen der Wohnungen für das Terrortrio sind verjährt. Zudem ist Eminger nicht vorbestraft.

Zwar gibt es das Urteil wegen der Prügelattacke in Zwickau. Eminger aber ging in Berufung, die Verurteilung ist nicht rechts­kräftig.Wenn im Münchner NSU-Prozess also das Urteil fällt, könnte Eminger, auch dank seiner Schweigestrategie, mit einer überschaubaren Strafe davonkommen. Prozessbeteiligte halten sechs bis sieben Jahre Haft für möglich.

Die unbekannten Helfer

Die Opferfamilien sind besorgt. „Sollte Eminger ein mildes Urteil erhalten, wäre das bitter“, sagt Nebenklageanwalt Yavuz Narin. „Die Helferszene des NSU dürfte sich dann noch bestärkt fühlen.“

Schon jetzt ist klar: Viele Fragen zum NSU-Terror werden auch nach dem Urteil offenbleiben. Wie wählten die Terroristen ihre Opfer aus? Woher bekam das Trio all seine Waffen und den Sprengstoff? Einige Helfer, die den Untergetauchten dabei über Jahre helfend zur Seite standen, dürften bis heute herumlaufen. Auch weil Begleiter wie André Eminger schweigen. „Wenn jemand noch mehr über den NSU-Terror weiß, vielleicht alles, dann ist es das Ehepaar Eminger“, sagt der CDU-­Obmann im NSU-Untersuchungsausschuss, Armin Schuster. Dass es bislang nicht bekannte NSU-Helfer gibt, davon ist der Ausschuss überzeugt.

Dass André Eminger dabei hilft, sie zu finden, ist nicht zu erwarten.

Im April 2013 durchsuchten Polizeibeamte Emingers Wohnung in Zwickau. Im Wohnzimmer, über dem ­Fernseher, entdeckten sie eine Kohlezeichnung, dunkel gerahmt: die Gesichter von Mundlos und Böhnhardt, dazu eine Rune und ein Schriftzug in Sütterlin. „Unvergessen.“ Als die Beamten das Bild mitnehmen wollen, weigert sich André Eminger. An einen „heftigen Ausbruch“ erinnerte sich eine Polizistin, die in Zwickau dabei war. Das Bild blieb an der Wand hängen.

 

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