Einhundert Jahre Finnland

Hinter dem Rücken Gottes

Finnland wird dieses Jahr 100, das ist ja schön. Aber wer sind die Finnen eigentlich? Sie kamen aus dem Wald. Und jetzt gehen sie in den Wald zurück.

Viele Menschen laufen im Wald

Die Finnen – sie kommen aus dem Wald und gehen dorthin zurück Foto: dpa

KARELIEN/HELSINKI taz | An einem Seeufer im Wald von Nordkarelien stehen ein stellvertretender Grenztruppleiter und zwei Untergeordnete, einer dick, einer dünn. Der Chef, mitteldick, zeigt durch den Regen nach Osten, auf eine Insel, etwa fünfzig Meter entfernt. Der Dünne blickt seinem Zeigefinger hinterher. Der Dicke streichelt einen Schäferhund.

Auf dem Inselchen sieht man zwei Grenzpflöcke. Einen rotgrünen und einen weiß-blauen. Rot-grün ist Russland. Weiß-blau ist die Europäische Union, die in Gestalt der drei finnischen Grenzschützer und ihres Hundes hier ihren östlichsten Kontinentalpunkt bewacht. Gegen unbefugte Eindringlinge.

Der Andrang ist allerdings eher gering. Die Überwachungskameras laufen 24/7, aber die paar Lebewesen, die sie beim unberechtigten Grenzübertritt aufzeichnen, sind in der Regel Braunbären. Manchmal fressen sie finnische Hunde, sagen die Zöllner.

Im Verlauf seiner beruflichen Karriere hat der Dünne genau drei Menschen geschnappt, der Dicke sechs. Die meisten erwischt in Wahrheit sowieso der Schäferhund. Wenn er nicht vom Bär gefressen wird.

Es sind Pilzesammler oder andere stulle Leute, die da rumwandern und nicht mitgekriegt haben, dass hier eine Welt endet und eine andere beginnt.

Südeuropa ist so weit weg wie der Mond

Manchmal schicken die russischen Kollegen testweise jemanden inkognito los, um zu sehen, was die Europäer so draufhaben und was nicht.

Obwohl, Europäer? Klar, „offiziell“ verteidige er hier auch die 1.250 Kilometer lange EU-Grenze, sagt der Dünne. Aber was heißt schon EU?

Alle drei Männer sind um die 40 und kommen aus der Gegend um das Städtchen Ilomantsi. Sie waren auch nie woanders. Finnland ist in weiten Teilen ein Dorf, in dem man unter sich bleibt. Wenn mal EU-Kollegen vorbeischauen, dann allenfalls Balten. Griechen oder Italiener waren noch nie hier. Südeuropa ist so weit weg wie der Mond.

Nach Sankt Petersburg ist es von hier nur halb so weit wie in die finnische Hauptstadt Helsinki. Von Brüssel nicht zu reden. Was nicht heißt, dass man als finnischer Karelier nach Sankt Petersburg fährt. Nicht mal hinter die europäisch-russische Grenze. Wozu? Weiter nach Norden schon eher, aber hier ist nicht mehr viel dahinter, seit man den Boden im Zweiten Weltkrieg an Stalin verloren hat und seine Bewohner geflohen sind.

Vor dem Russen muss man jedenfalls auf der Hut sein. Wie der Russe drauf ist, was er planen könnte, ist ein großes Thema in Finnland und erst recht im Osten des Landes.

Wir sind besser als die Russen

Die Schweden, ihr westlicher Nachbar, hatten die Finnen im Mittelalter kolonisiert und christianisiert. „Von den Bäumen geschüttelt“, wie sie zu sagen pflegen. So richtige Skandinavier wurden sie aber trotzdem nie. Die Russen nahmen den Schweden das Land dann 1809 in den Napoleonischen Kriegen ab. Eine entschlossene Russifizierung gab es aber nie. Der Revolutionär Lenin entließ Finnland nach Gründung der Sowjetunion im Dezember 1917 in die Unabhängigkeit. Nicht weil er ein guter Mensch war, sondern weil er einfach sonst viel am Hacken hatte.

Dank Lenin feiert man im Moment das Hundertjährige, mit über 2.000 Veranstaltungen und das ganze Jahr hindurch.

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In den ersten Monaten der Republik kam es erst mal zum sozialistischen Umsturzversuch. Rot gegen Weiß, sozialistische Arbeiter gegen Bürger. Der Sozialismus verlor. Seine einzigen Kriege gegen andere Länder führte Finnland seither als deutscher Verbündeter gegen Russland aka Sowjetunion. Und ganz am Ende des Zweiten Weltkriegs dann noch ein bisschen gegen Deutschland. Aber das zählt nicht. Für die Finnen.

Es ging immer um Karelien. Hattuvaara ist das östlichste Dorf Finnlands. Hier gibt es eine Blockhütte namens „Fighter’s House“, und dort kann man lesen, wie die Finnen bei den Schlachten von Ilomantsi und Hattuvaara bravourös ihr Land verteidigten. Was man zu erwähnen vergessen hat: Am Ende verlor Finnland den Krieg und ein Zehntel des Landes. Im karthografischen Umriss des Landes erkennen Finnen „Suomi-neito“, die finnische Jungfer. Eine tanzende Frau. Mit einem amputierten Fuß. Da fehlt der heute russische Teil von Karelien.

Die Ängste, die Unter- und Überlegenheitsprojektionen gelten den Russen: Wir sind besser als die Russen. Die Russen sind dümmer und dazu auch noch hochnäsig. Aber die Russen sind für Finnlands Ökonomie und damit für das Leben vieler Leute wichtig, weil man sie als Geschäftspartner braucht. Import, aber vor allem Export.

Wo ist die Zukunft?

Der Zusammenbruch der Sowjetunion bedeutete einen massiven Kollateralschaden für Finnland, dramatische Arbeitslosigkeit, manche, die damals in ihren 20ern waren, zahlen heute noch Kredite ab für Häuser, die sie seither nicht mehr besitzen. Ein paar Jahre später kam das Nokia-Wunder. Nokia wurde das mit Abstand größte Unternehmen in Finnland.

Über ein Jahrzehnt Weltmarktführer für Mobilkommunikation, weil billig und einfach. Finnland galt als bescheidener Superchecker für Wirtschaftserfolg. Dann kam die Weltfinanzkrise und der Nokia-Absturz. Man hatte das Smartphone unterschätzt, und damit war es vorbei.

Im Vergleich mit den meisten Ländern ist Finnland ein Wohlfahrtsstaat. Aber jetzt kämpft man mit einer Arbeitslosenquote von 15 Prozent, dem Versuch, sich neu zu erfinden, und der Erkenntnis, dass Finnland unter den herrschenden politischen Rahmenbedingungen zu denen gehört, die ganz und gar nicht vom Euro profitieren.

Gleichzeitig hat man sich der EU sicherheitspolitisch angenähert und sogar der Nato (deren Mitglied man nicht ist). Weil die Angst wächst, die auch die Balten und die Polen haben: dass es ihnen wie der Ukraine gehen könnte. Und der Russe einmarschiert.

Die Frage lautet: Wie verortet Finnland sich selbst in der EU und der Welt – und wo ist die Zukunft?

„Es gibt drei Philosophien in Finnland“, sagt Esko Aho. „Wir, Russland und die anderen. Wir und die anderen. Wir, andere und Russland.“

„Wir, andere und Russland“

Aho, 63, ist ein selbstgewisser Mann. Anzug, Seitenscheitel, gutes Englisch, American big smile. Mit 37 war er finnischer Ministerpräsident und führte das Land dann 1995 in die EU. Der deutsche Bundeskanzler Helmut Kohl kam damals nach Lappland, um ihn zu umwerben.

Bevor er 50 war, zog er sich aus der Politik zurück. Er hatte eine Wahl zu viel verloren. Ging dann nach Harvard, später zu Nokia. Heute macht er mit den Russen Geschäfte.

Seine Antwort auf die von ihm gestellte Frage lautet: Wir, andere und Russland.

Also weder Russland zuerst noch weg von Russland. Wenn man ihn richtig interpretiert, muss Finnland zwischen EU und Russland so lavieren, dass man von beiden friedlich profitiert. „Wenn wir es mit Russland hinkriegen, dann schafft das Werte“, sagt er. Europa will er konzentrieren auf das, wo Europa aus seiner Sicht gebraucht wird: Umwelt und Sicherheit.

Was sich in Deutschland tendenziell auch entwickelt, haben die Finnen schon lange. Eine gesellschaftliche und politische Struktur, in der keine Partei mehr als 20 Prozent hat, in der mindestens Dreierbündnisse zum Regieren nötig sind und in der eine rechtsnationale Partei mitmischt: Die „Wahren Finnen“ sprangen 2011 auf knapp 20 Prozent und waren ab 2015 Teil einer Regierungskoalition, die Mitte des Jahres auseinandergegangen ist, hauptsächlich wegen der EU-feindlichen Haltung der Wahren Finnen, die derzeit nur noch bei 10 Prozent stehen.

Bäume pflanzen, fällen, verarbeiten

Es handelt sich um eine Anti­globalisierungspartei, die Rassismus mit nationaler Wirtschafts- und Gerechtigkeitspolitik paart. Finnland hat seine Stärke indes in allen Lagern stets über Homogenität definiert. Es gibt in Finnland keine Einwanderung, nur ein paar Russen und Balten, 98 Prozent sind Finnen.

Esko Aho war der Spitzenmann der konservativen Bauernpartei, aber er hat überhaupt nichts von einem Landbevölkerungspolitiker an sich. An diesem Tag ist er als Lobbyist der Bioökonomie bei einem Kongress im Hotel Scandic Marina in Helsinki. Bioökonomie ist der Terminus für eine Wirtschaft, die auf nachwachsenden statt fossilen Rohstoffen basiert. Holz statt Öl. Es ist ein Bereich, mit dem Finnland sich neu erfinden und damit Zukunft gewinnen will. Indem es das tut, was es immer tat. Nur anders. Bäume pflanzen, Bäume wachsen lassen, Bäume fällen, Bäume verarbeiten.

Der Wald ist nicht nur ein Mythos in Finnland oder ein Sehnsuchtsort für gestresste Städter. Vor einem Jahrhundert lautete die Frage ernsthaft, ob Finnen überhaupt in Städten leben könnten.

Weil: Finnland hat vielleicht nicht auf, aber unter und zwischen Bäumen gelebt. Und tut es heute noch zu großen Teilen. Mit dem „Urbanen“ hat man es nicht so. Selbst wenn man die einzige Großstadt, Helsinki, anfliegt, sieht man hauptsächlich Wasser und Bäume. 70 Prozent des Landes sind Wald. Und zwei Drittel davon sind in Privatbesitz. Waldbesitzer, wen man auch trifft: Die eine ist Spitzenbeamtin und hat 100 Hektar, der andere ist Bauer und hat sich einen Wald gekauft, um im Alter davon leben zu können.

Eine Weihnachtstanne braucht mehr als ein Jahrzehnt

Aho besitzt 2,5 Hektar. Von seinen Eltern geerbt. Als Kind rannte er in den Wald, wenn er traurig war. Heute geht er auch noch gern hin. Der Wald ist der Ort, an dem Finnen sich geborgen fühlen, sagt er. Auch oder gerade weil sie allein sind. „Im Wald verstehen wir die Welt“, sagt er. „Wir verstehen, dass man Bäume schlagen kann, weil andere nachwachsen.“

Jetzt spricht er als Lobbyist, der mithelfen soll, dass der finnische Wald zu „grünem Gold“ wird, eine Post-Öl-Zukunftsindustrie, eine Verknüpfung von erneuerbarer, regionaler Identität und Global Business.

Aber so einfach ist das nicht. Man sieht es auf den ersten Blick nicht, aber auch ein nachhaltiger Wald ist keine „Natur“, er ist Industrie. Verdichtet, gedüngt, aufgeforstet. Der Wald wächst nach, aber längst nicht schnell genug für die menschlichen Bedürfnisse der spät­kapitalistischen Gegenwart. Es kann schon mal 100 Jahre dauern, bis so ein Baum ausgewachsen ist.

Eine Weihnachtstanne braucht auch mehr als ein Jahrzehnt. Schon jetzt importieren die Finnen zwanzig Prozent der Bäume aus Russland. Und weit mehr als die Hälfte ihres Bedarfs an Kohle, Öl und Gas. Wenn die sozialökologische Transformation tatsächlich vorankommt und es in der Folge für die Russen abwärtsgeht wegen sinkender Öl- und Gaspreise, dann geht es auch für Finnen abwärts. Das ist die Sorge. Und die Hoffnung ist, das mit Bioökonomie durchbrechen zu können.

Sprechen schafft Probleme

Wer Finnen nur aus Kaurismäki-Filmen kennt, hat erst einmal Klischees im Kopf: Ewiger Winter. Saufen, sich umbringen, schweigen. Sauna. Jedes Hotel hat eine Sauna. Ein Konferenzraum sollte eine Sauna haben. Auch eine Dreizimmerwohnung in der Stadt. Wenn man in Helsinki in eine trendy Bar direkt am Meer geht, läuft man Halbnackten über den Weg. Die kommen aus der Barsauna. Das ist also schon mal kein Klischee.

Was das Schweigen angeht, so sagt der Berliner Philosoph Wolfram Eilenberger, dass die Finnen es nicht mit Habermas hielten, sondern mit Luhmann. Sie glauben nicht, dass Sprechen Probleme löst, sondern dass alles dadurch nur noch komplizierter wird. Das ist die These seines Klassikers „Finnen von Sinnen“. Soll heißen: Solange nicht gesprochen wird, gibt es auch kein Problem. Wenn jemand spricht, dann ist das Pro­blem da. Eilenberger ist mit einer Finnin verheiratet und kennt sich aus.

Was Alkohol betrifft, so gibt es Leute, die im Hafen von Helsinki die weiß-blaue Silja-Linie nach Tallin nehmen, um Schnaps zu kaufen. Aber rumtorkeln sieht man niemand. Anders als in Berlin-Kreuzberg. Und die Freitodquote ist anderswo höher als in Finnland, in Belgien etwa.

„Schalt die Saune ein!“

Was aber definitiv zur gelebten Kultur einer Mehrheit gehört: das Mökki. Fast jeder Finne hat ein Mökki, das ist ein Holzhaus im Wald. Manche wie Esko Aho am See. Andere ohne See. Aber immer mit Sauna. Sommerurlaub im Mökki ist Pflicht. Die Mökki-Existenz im Wald markiert auch für Städter einen kulturellen Anschluss an die Lebensweise der Väter und Großmütter. Das Fällen von Bäumen gehört bei den meisten zum Lifestyle.

Die Idee ist immer noch, dass man sich im Wald selbst versorgen kann. Falls alles zusammenbricht. Wenn man mit Finnen in der Stadt zu Abend isst, kann es passieren, dass sie vor dem Espresso bei ihrer Frau im Mökki anrufen und sagen: „Schalt die Sauna ein, in einer halben Stunde bin ich da.“

Vom Gipfel des karelischen Koli-Gebirges im gleichnamigen Nationalpark geht der Blick Richtung Osten. Aus der Sauna eines ziemlich einzigartig gelegenen Hotels sieht man runter auf den Pielinen-See und auf einen endlosen Horizont. Und das im Sommer auch noch um Mitternacht. Auch hier nur Wasser und Wald. Luftlinie 80 Kilometer sind es bis zur russischen Grenze.

Es wird schon über deutsche Waldkäufer gestöhnt

Der Karelier blickt immer Richtung Osten. Der Westfinne blickt Richtung Schweden. Zum nördlichen Grenzland Norwegen blickt niemand, nicht mal der Lappe. Und der Großstädter aus Helsinki blickt auf seinen Bauchnabel. Argwöhnen jedenfalls die anderen.

In der Sauna kann man zuhören, wie deutsche Investoren hier Wald kaufen wollen. In großem Stil, so wie sie reden. Schwer zu sagen, ob finnischer Wald tatsächlich das heiße Ding für Anlagefonds und so was ist, das wäre jedenfalls ein Indiz. Eine zweite Beobachtung: Im Volk wird auch schon über deutsche Waldkäufer gestöhnt.

Im Restaurant des Gipfel­hotels tritt die Waitress so lässig auf und spricht Englisch auch so, als sei sie aus einer kalifornischen Collegetown. Sie war in der Welt, ja, kommt aber aus ­Joenssu, das ist die Hauptstadt Nordkareliens und auch eine Collegetown. 10.000 Studierende, Kneipen, Kinos und Kaffeehäuser. Die Einwohnerzahl steigt tendenziell. Wie überall auf der Welt drängen auch die Nordkarelier in die Metropole – und ihre ist Joensuu. 70.000 Leute leben und arbeiten hier. Auf der Grundlage der industriellen ­Revolution, aber im Grunde auch zwischen den Bäumen.

Mikko Turunen ist Topmanager in Waldlage. Ein Mittdreißiger mit kurzen, dichten Haaren und sehr gutem Englisch. Er baut am Stadtrand von Joensuu bei John Deere fahrende Hightechmaschinen zum Baumfällen. Sie heißen Harvester und werden nach Kundenbedarf einzeln angefertigt und bis nach Österreich geliefert. Nach Russland eher selten, denn die sägen noch mit der Hand. So ein Teil kostet schnell mehr als eine halbe Million Euro. Die Geschosse sägen den ganzen Baum um und schneiden ihn millimetergenau zu den Stücken, die der Kunde bestellt hat. Dauert eine knappe Minute, dann ist so ein Jahrhundertbaum erledigt.

Babybel-Verpackungen aus Bäumen

John Deere ist eines der wenigen größeren Unternehmen in Karelien. Ein zweites ist Stora Enso, eine schwedisch-finnische Zellstofffabrik. Hier werden die gefällten Bäume verarbeitet. Früher zu Zeitungspapier. Heute machen sie aus den unteren Teilen des Baums Holzprodukte, aus den oberen Zellulosefasern und aus den Ästen Energie durch Verbrennung. 70 Prozent der Energieerzeugung kommen aus karelischem Holz.

Die Idee ist, dass man „alles“ aus Bäumen machen kann. „What a tree can do“, lautet der Slogan. Klingt fast wie ein Sinatra-Song. Babybel-Käse-Verpackungen. Teile von Ketchup, Eiscreme, Zahnpasta. Terpentin, Treibstoff, Hochhäuser, Autos. Und Kleidung. Holzklamotten – das hört sich seltsam an, aber 65 Prozent der Kleidungsstücke sind aus Öl. Das wird nicht so bleiben. Insofern sieht man eindeutig Bedarf für die „nordkarelische Holzfaser“. Das soll die glänzende Zukunft bringen, von der Esko Aho in Helsinki gesprochen hat.

Es ist übrigens ein sehr seltsames Gefühl, wenn man so einem Harvester zusieht, wie er in sehr kurzer Zeit aus einem finnischen Wald eine Lichtung macht. Der Baumbestsellerautor Peter Wohlleben („Das geheime Leben der Bäume“) würde vermutlich weinen, wenn er dabeistünde. Auch wenn Mikka Turunen ziemlich stolz auf seine Eight-Wheel-Drive-Geschosse ist: In seinen eigenen Wald kommt ihm kein Harvester. Den hat er von seinem Vater geerbt. Den hält er jetzt in Ordnung. Und wenn man ihn richtig versteht, damit auf eine Art auch sein Leben.

In der Wartehalle des Flughäfchens von Joensuu sitzt Paavo Lipponen, 76, noch ein Ministerpräsident. Diesmal ein So­zialdemokrat. Er war der Nachfolger Ahos. Im Gegensatz zu dem ein Schweiger. Ministerpräsident des Booms.

Lipponen ist groß und massig und hat eine Plastiktüte in der Hand, da hat er karelische Piroggen drin, das sind gefüllte Teigtaschen, gerade frisch gekauft.

Moskau oder Brüssel? „Keine Frage“, sagt er, „keine Frage.“

Finnisches Tempo – immer schön in Ruhe

Er holt historisch aus, um zu dem Ergebnis zu kommen, dass Finnland immer europäisch gewesen sei. Dann schaut er weise und sagt, dass Finnlands Ökonomie allerdings immer „auf Russland reagieren“ müsse.

„Aber Finnland kam nicht aus der Kälte“, sagt er lächelnd. Das ist der Satz von ihm, der in die Geschichte eingegangen ist. Soll heißen: Finnland hielt sich aus dem Kalten Krieg zwischen Ost und West immer raus.

Lipponens früherer Chef war der Präsident Mauno Koivisto. Und der sagte immer zu ihm: „Russland will eine Großmacht sein. Finnland will überleben.“

Alle hielten sich stets an die Neutralitätspolitik, die Koivistos Vorgänger Urho Kekkonen vorgegeben hatte, der wichtigste finnische Politiker des 20. Jahrhunderts. Alle wussten sie: Keiner hätte ihnen geholfen, wenn sie sich mit der ­Sowjetunion angelegt hätten. Deshalb den Ball immer schön flach halten. Damit man weiter seine Geschäfte machen kann. Und seinen ­Stiefel.

Die Finnen können nämlich nur ein Tempo. Finnisches Tempo. Immer schön in Ruhe. Denken die Russen. Die Russen dagegen sind wie die Ita­lie­ner. Sie sagen, dass sie etwas machen. Und dann machen sie es nicht. Denken die Finnen. Wenn die Russen aber dann tatsächlich mal was machen, dann kommen die Finnen nicht mehr mit. Das kann keiner wollen.

Die Finnen leben jumalan selän takana, hinter dem Rücken Gottes. Das ist kein Hadern, sondern ein Programm. Manchmal haben sie schon Sehnsucht, sich in etwas Größeres einzuschmiegen, etwa entschlossener in die EU. Aber dann fällt ihnen wieder ein: Je weniger sich die großen Mächte für sie interessieren, desto besser.

Je mehr Wald, desto weniger sieht man sie.

Die Reise wurde vom finnischen Außenministerium bezahlt.

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