Nato-Übung in Süddeutschland

15 Tage auf dem „Schlachtfeld“

In Bayern üben Nato-Soldaten den Krieg. Unsere Autorin war als eine von 250 StatistInnen dabei. Wer ist der Feind? Russland?

Soldaten stehen neben Panzern, das Panzerrohr ragt in die Kamera

Krieg wird schon lange gespielt in Hohenfels: etwa 2015 bei einer Nato-Übung Foto: imago/CTK Photo

HOHENFELS taz | Eine feindliche Armee ist in eine Stadt an der baye­risch-tschechischen Grenze eingefallen. Nato-Truppen sollen sie zurückdrängen. Meine Nachbarn und ich flüchten im Fahrzeugkonvoi. Straßensperren, verminte Wege – dabei meinte das Rote Kreuz doch, das sei eine sichere Route. In der nächsten Stadt sagt uns eine Frau vom UN-Flüchtlingshilfswerk, wir könnten dort nicht bleiben.

Wir fahren zurück in unsere Stadt. Dort hören wir: Vier Menschen wurden von Nato-Kräften erschossen, während sie angeblich auf einer nicht freigegebenen Straße fuhren. Außerdem gab es einen Anschlag auf eine Flüchtlingsunterkunft, 20 Tote. Steckt die rechtsradikale Vaterlandspartei dahinter? Wir versammeln uns zu einer Schweigeminute.

Eine Woche vorher: ein Sonntag, zehn Uhr abends am zentralen Omnibusbahnhof in Berlin. Zwei Busse der Firma Schmetterlingsreisen fahren vor, im Fenster ein handgemaltes Schild: „COB“ – Civilians on the Battlefield. Mit 100 Fremden steige ich ein, wir alle sind von da an COBs, Statisten in einem Kriegsszenario, das die US-Armee einüben will. 15 Tage auf dem Schlachtfeld liegen vor uns.

Ende März habe ich auf Face­book eine Stellenanzeige der Firma Optronic entdeckt: „Statisten gesucht für Rollenspiele bei Trainingseinsätzen der U.S. Army! Durch die Statisten wird die Zivilbevölkerung in Krisengebieten dargestellt. Dadurch wird ein realitätsnahes Übungsszenario für die Soldaten und somit eine optimale Vorbereitung für deren Auslands­mis­sio­nen erreicht.“ Das Ganze findet statt auf dem Truppenübungsplatz Hohenfels: ein 160 Quadratkilometer großes US-Militärgelände in der Oberpfalz, auf dem regelmäßig Nato-Truppen üben.

Für die Übung werden Leute gesucht, die neben Englisch auch Russisch, Polnisch oder Tschechisch sprechen. Erstaunlich, mit welcher Nonchalance Leute rekrutiert werden, um ein Szenario gegen Russland zu proben – davon stand da zwar nichts, aber in meinem Kopf setzte sich das sofort zusammen. Facebook-Freunde von mir kommentierten: „unglaublich!“ und „gruselig!“.

Der russische Politiker Franz Klinzewitsch, der dem Verteidigungsausschuss des Föderationsrats vorsitzt, sagte russischen Medien: „Diese Übungen sind von großer Sprengkraft. Sie drängen Russland geradezu zu spontanen, unüberlegten Handlungen. Aber unsere Nerven sind stark.“

Keine kurzen Röcke!

Ich fülle das elektronische Bewerberformular aus. Ein paar Wochen später ruft mich eine Frau mit russischem Akzent an und fragt, ob ich zu einer zweiwöchigen Übung kommen könne. Ich sage zu. Während der Übung möge ich keine kurzen Röcke tragen. „Die Soldaten sollen ja bei der Sache bleiben“, sagt sie lachend. „Natürlich“, antworte ich.

Der Lohn: 88,40 Euro brutto für zehn Stunden Arbeit am Tag. Wer gegen Regeln verstößt oder früher abbricht, zahlt 150 Euro Strafe. Früher gab es 120 Euro pro Tag, erzählen mir altgediente Statisten.

In Parsberg in der Oberpfalz sammeln sich sechs Busse, in denen Statisten aus ganz Deutschland sitzen. Von hier aus sind es nur noch 15 Kilometer bis zum Truppenübungsplatz Hohenfels. Auf dem Parkplatz tummeln sich Rentner mit Wanderschuhen, Junge mit Dreads, viele Westafrikaner, Ruhrpottler, viele Neue, Abenteurer. Russisch hört man aus jeder Richtung kommend. Bekannte umarmen sich. In Hohenfels sind schon viele Freundschaften entstanden.

Dieser Text stammt aus der taz.am wochenende. Immer ab Samstag am Kiosk, im eKiosk oder gleich im praktischen Wochenendabo. Und rund um die Uhr bei Facebook und Twitter.

Telefone und Computer sind auf dem Übungsgelände verboten. Die Neulinge finden das attraktiv. Mal keine Mails, keine Anrufe. Mein nigerianischer Sitznachbar, der schon um die 50 Manöver hinter sich hat, findet das nicht mehr so attraktiv und flüstert mir, wie man sein Handy reinschmuggelt. Als die Briefumschläge verteilt werden, in die alle ihre Handys stecken, behalte ich meins. Der Gedanke, ein Geheimnis zu teilen, gefällt mir.

Wir durchfahren Tore, Schranken, dann kommen wir am Stützpunkt Albertshof an, eine Stadt aus gelben Baracken und Parkplätzen, auf denen Armeefahrzeuge stehen. Ab jetzt herrscht militärische Ordnung, auch für uns Zivilisten. In Reihen stellen wir unser Gepäck auf, Spürhunde riechen dran, mit farbigen Armbändchen teilt man uns einem der fünf Orte zu, die wir besiedeln werden.

Hasla, das Fake-Dorf

US-Amerikaner ins­pi­zieren unsere Pässe, nehmen Abdrücke aller fünf Finger und fotografieren jeden Einzelnen der 250 Statisten. In welchen Ländern ich in den letzten sieben Jahren gewesen sei, fragen sie. Und ob ich wisse, dass ich keine Details über meine Arbeit erzählen dürfe. Die Verschwiegenheitsvereinbarung habe ich schon unterschrieben.

Bei all dem Aufwand frage ich mich: Warum war es so leicht, den Job zu kriegen? Sind die Übung und die Suche nach Statisten nur Säbelrasseln?

Das Fake-Dorf, in dem ich mit 37 anderen Statisten wohnen soll, heißt Hasla. Mit dem Bus fahren wir über Schotterpisten durch die Natur. Hügel, Wald und Wiesen, die an manchen Stellen aufgerissen sind, umgepflügt von Panzern. Hasla sieht für mich nach Balkan aus: Baracken mit kleinen Fenstern und Mauern drumherum, zweistöckige Blocks mit Kioskbuden, ein Minarett mit Halbmond. Hier werden regelmäßig Einsätze in Afghanistan, Irak oder Kosovo trainiert.

Für unser Szenario wird eine Bayernfahne vor dem Rathaus gehisst. Es gibt ein Hotel, einen Biomarkt, eine Rapsölverarbeitung, einen Container, auf dem „Düngelager“ steht. Die Bretterverschläge am Hang sind Bauernhöfe, davor stehen Holzschablonen von Schafen und Hühnern. Ein Haus mit Kreuz dient als Kirche, darin Bänke, ein Altar und ein Sarg für Beerdigungen. Wir leben in einer Art Lagerhalle, in der sich drei fensterlose Schlafsäle mit Stockbetten, ein Versammlungsraum und die Büros der Chefs befinden.

Ein Dorf mit Minarett

Im Fake-Dorf gibt es Baracken mit kleinen Fenstern und Mauern drumherum, zweistöckige Blocks mit Kioskbuden und ein Minarett mit Halbmond Foto: imago/CTK Photo

In Hasla leben laut dem Szenario 10.000 Einwohner, Abwanderung ließ die Stadt kleiner werden. Die meisten arbeiten in der Landwirtschaft und der Lebensmittelverarbeitung, Hasla ist ein Logistikdrehkreuz. Seit Beginn der Skolkan-Krise leidet die Wirtschaft unter Treibstoffmangel, viele Flüchtlinge aus Osteuropa kommen, die aus Nordafrika sind schon länger da, viele von ihnen leben auf der Straße.

Die samstäglichen Demos der deutschen Vaterlandspartei arten regelmäßig zu gewalttätigen Mobs aus. Die Polizei steht im Verdacht, nicht genügend gegen die rechten Brandstifter zu tun, ihr wird Racial Profiling vorgeworfen. Es gibt Nato-nahe und Skolkan-nahe Medien, Fake News und ein eigenes Twitter im Intranet.

Skolkan ist ein Bündnis aus den Ländern Bothnia, Lindsey, Otso und Arnland. Es fiel im vergangenen Herbst in Estland ein, also Nato-Gebiet, wodurch der Bündnisfall eintrat. Lettland, Litauen, Polen und Tschechien sind bereits in Feindeshand. Nun stehen die Skolkan-Truppen in Bayern, die Nato muss endlich was tun. Und zwar nach den Regeln der Genfer Konvention.

Auch wenn die Chefs es nicht aussprechen, Skolkan passt gut auf Russland. Einigen Statisten wird unwohl dabei. Eine Frau der Firma, die uns rekrutiert hat, beschwichtigt: „Nein, wir bereiten keinen Krieg mit Russland vor. Ihr seht ja, es ist alles ausgedacht.“

Lange Briefings: Wir sind pünktlich, wir sind aufmerksam. Wir reden nicht über Politik. Auch nicht über Persönliches. („Denn wir sind alle erwachsene Leute“, sagt der Supervisor.) Verdächtiges melden wir den Chefs. Wir verlassen das Dorf nicht, wir trinken genug Wasser. Wir verstopfen nicht das Klo. Wir gehen nicht ins hohe Gras, denn dort lauern Zecken. Wir stören die Nachtruhe nicht. Wir tragen immer das Miles, außer in der Schlafbaracke.

Wir sitzen fest

Das Miles ist wie ein Hundegeschirr in Tarnfarbe mit Infrarotsensoren und einem Mini­computer. Wird man angeschossen, piept es kurz. Wird man totgeschossen, hält das Piepen an. So lange, bis man mit einer Infrarotpistole wiederbelebt wird. „Resurrected!“, meldet dann eine Stimme aus dem Mini­computer. Gespielt wird normalerweise nach Vorgaben des Chefs, aber man darf sich auch einbringen.

Nach ein paar Tagen Vorbereitung beginnt das Szenario, neun Tage Krieg. Über uns kreisen pausenlos Drohnen, Militärfahrzeuge rollen vorbei, nicht alles Panzer. Ich lerne neue Wörter: Humvee, LAV, Blader, Flakabwehrschirm. Ein Aufklärungshubschrauber landet in der Nähe. Wahrscheinlich sind feindliche Truppen nicht weit. Hacker haben die Bankautomaten lahmgelegt. Wir sitzen fest.

Schon am ersten Tag werden zwei von uns stundenlang von albanischen Nato-Kräften festgehalten, als sie mit einem Pick-up Wasser holen. Die Soldaten vermuten in den Kanistern Chemie zum Bau einer Bombe. Die erste Sternstunde unseres Polizeichefs schlägt: Er verhandelt die Freilassung unserer Leute. Einer der Festgehaltenen ist außer sich: „Die haben mich sogar beim Pissen mit der Waffe bedroht!“ Er spielt nicht.

Eine Nachricht erreicht uns übers Telefon im Rathaus: Ein Vater und sein Sohn sind schwer verletzt, offenbar durch einen fehlgeschlagenen Drohnenabschuss der Nato. Unser Polizeichef will die Nato nun wegen versuchten Mordes anzeigen. Der Chef ist überrascht: „Okay, warum nicht?“

„Man wird quasi fürs Rumblödeln bezahlt“, sagt Anjo, Pferdeschwanzträger mit Platzhirschgebaren. 2003 beschloss er, für seinen Chef, „den Kapitalistenarsch“, nicht mehr zu arbeiten. So begann seine Karriere als COB. Noch drei Jahre bis zur Rente. „Wo treffe ich sonst so viele unterschiedliche Leute?“, sagt er.

In unserer Gruppe: ein Windows-Systemmanager, ein deutscher Afghanistanveteran, Doktoranden, Selbstständige, Lkw-Fahrer, ein bayerisches Pärchen, das Urlaub macht, ein kenianischer Journalist, eine polnische Weltenbummlerin, die für die nächste Reise spart, Rentner, Russlanddeutsche und in Deutschland lebende Russen.

Die Amis brauchen ein Feindbild

Der einsame Gerhard aus Bayern, der in einer Lebenskrise steckt, gesteht mir: „Ich fühle mich hier mehr zu Hause als daheim.“ Der überarbeitete Ken hat sich frei genommen, um bei der Armee Verzicht und Durchhaltevermögen zu stärken. ­Georg, ein in Ostpolen lebender Energieberater aus Hamburg, will sich, angesichts der politischen Entwicklungen, mit dem Ernstfall vertraut machen.

Ken, Gerhard, Anjo und ich pauken unsere Rollen. Anjo: „Als wir Irak- und Afghanistanübungen hatten, war das real. Aber mit dem hier kann ich mich nicht identifizieren!“ Dann flüstert er: „Ist ja kein Geheimnis – der Feind, dieser Skolkan, kommt aus Richtung Russland. Die Amis brauchen halt ein Feindbild.“

„In Litauen oder Polen fühlen sich viele bedroht von Russland“, sage ich. „Und die Ukrainer erst.“

„Bist du eigentlich Litauerin oder Polin?“, fragt Gerhard.

Im Kriegsszenario spiele ich eine osteuropäische Immigrantin. Arbeitslos und frustriert. Ich bin schon vor der Skolkan-Krise gekommen und ärgere mich, dass die vielen Flüchtlinge die Preise in der Stadt verderben. Die Rechten machen mir Angst.

Wie die meisten Statisten werde ich keine Gelegenheit haben, meine elaborierte Rolle zu spielen. Nur die Schlüsselrollen – Bürgermeister, Arzt, Polizei, Migrationsbeauftragter und die vier Twitterer – sind spielintensiver.

Drei Soldaten schleichen an einer Mauer entlang

Und überall im Dorf die Soldaten. Unserer Retter sind die aus der Ukraine. Foto: imago/CTK Photo

Instinktiv besetzt der Chef die Rollen: Polizeichef wird ein ehemaliger, korpulent gewordener Polizist aus Bayern, der schon weiß, in welches Bergdorf er sich mit seiner Familie zurückzieht, wenn wirklich mal ein Krieg ausbricht. Der zweite Polizist hat im richtigen Leben eine Security-Firma. Anführer der rechten Partei wird Igor, er hat eine große, schlagfertige Klappe.

Im Frauenschlafsaal: Alena und Galina, Langzeit-COBs. Beide aus Moskau, beide Englischlehrerinnen, leben seit mehr als 20 Jahren in Deutschland. Sie sprechen exzellent Deutsch und verschlingen während der Übung englische Krimis und Thriller.

Alena hat ein Referendariat in Deutschland absolviert, bekam danach aber keine Stelle, hier bessert sie ihre Witwenrente auf. Wenn sie ihre alten Freundinnen in Moskau besuche, fühle sie manchmal Entfremdung, erzählt sie. Sie habe kein russisches Fernsehen zu Hause, deswegen, sagt sie.

Tiefpunkt ist das Mittagessen am ersten Tag. Ich bin hundemüde und hungrig. Im Café bekomme ich eine braune Tüte in die Hand gedrückt, auf der steht: „MRE“ – Meal Ready to Eat, Warfighter Recommended. Als ich die Tüte endlich geöffnet habe, schütte ich ratlos den Inhalt aus: 10 weitere zugeschweißte Tüten mit viel Text auf Englisch. In einer finde ich schwammgleiches süßes Brot, von dem ich nur einen Bissen runterkriege.

Offenbar ist die grüne Tüte das Hauptmenü. Man steckt sie in eine zweite grüne Tüte, die ein chemiegetränktes Papier enthält, das heiß wird, wenn man es anfeuchtet. Aber das begreife ich erst am nächsten Tag. Kalt schaufle ich mir den Inhalt der grünen Tüte rein, erkenne Makkaroni und Soße, aspikähnlich in der Form, nach Hundefutter riechend. Zum Nachtisch esse ich salzig-süße Cracker. Danach ist der Tisch bedeckt von einem Haufen Plastikmüll. Ein MRE gibt es jeden Tag zu Mittag.

Fake-Mahnwache der Friedensbewegung

Das Szenario stiftet zu Gesprächen an, die ich sonst so nicht führen würde. Wir fragen uns, wer in Deutschland überhaupt bereit wäre, zur Waffe zu greifen. Und welche europäischen Länder sich ganz pragmatisch den Russen unterwerfen würden. „Ich bin kein Kämpfer, aber im zivilen Widerstand würde ich mich schon betätigen“, sagt Georg, der Arzt in unserem Spiel. Auf Nato-Seite. „Das sind halt unsere Arschlöcher.“

Was ist mit mir? Russen oder Amis – wie käme ich aus dieser Nummer raus? Pazifismus? Dabei mache man sich leicht zum nützlichen Idioten, sagt der weise Georg.

In unserer Spielwelt hält die Friedensbewegung in der Universitätsstadt Raversdorf Mahnwachen ab, klagt unter #notmyarmy das Vorgehen der Nato-Truppen an und wird dabei von den Skolkan-nahen Medien vereinnahmt. Die echte Friedensbewegung ist eine gute Vorlage.

Walter, der Älteste der Gruppe, war Sportfunktionär der DDR und hat sechs Jahre in der Na­tio­nalen Volksarmee gedient. Die sowjetischen Soldaten habe er immer als sehr kameradschaftlich empfunden. Und jetzt ein Szenario gegen Russland? „Na ja, die Weltgeschichte hat sich nun mal gedreht“, sagt er. Es sei wichtig, dass Soldaten etwas über die Kultur der Menschen vor Ort lernen. Damit Krieg gesitteter ablaufe. Dafür wolle er als COB seinen Beitrag leisten.

Abends frage ich Alena, was ihre Moskauer Freundinnen von ihrer Arbeit halten. „Ganz normal. Soll ich mich schlecht fühlen, weil ich für die Nato arbeite?“, sagt sie.

„Nein. Aber wir machen diese Übung ja nicht ohne Grund.“

„Meinst du, die Nato überfällt Russland wegen Rohstoffen?“

„Nein. Eher, dass Russland angreifen könnte. In der Ukrai­ne sind sie ja schon und auf der Krim.“

Ich brauche Fronturlaub

Die Ukraine sei ein spezieller Fall, sagt Alena. Die Krim war das Schönste, was die Sowjetunion gehabt habe. Die Ukrainer im Westen wollten in die EU, aber auf die im Osten seien Phosphorbomben geworfen worden.

„Phosphorbomben?“, hallt es in meinem Kopf nach.

„Putin musste es tun. Er musste die Krim und unsere Leute retten.“

Alena spricht immer aufgeregter, ich werde auch kurzatmig. Ich müsse zum Tischtennis, entschuldige ich mich. Und habe das Gefühl, ich brauche Fronturlaub. An der Tischtennisplatte wissen sie schon von unserer Diskussion.

Warten auf einen Luftangriff. Kostja, ein Russlanddeutscher um die 50, den einige „Putin“ nennen, seiner Glatze und Drahtigkeit wegen, fragt: „Was bringt die EU? Warum wollen die kleinen osteuropäischen Länder unbedingt dazugehören?“

Ich zähle ein paar Dinge auf – europaweite Arbeits- und Studienmöglichkeiten, günstige Pflegekräfte für die Deutschen – und wundere mich, dass er das selbst nicht sieht. „Und warum wollen Länder, die an Russland grenzen, unbedingt in die Nato?“

„Die bringen sich doch zwischen die Fronten der Großmächte!“, klinkt sich Shukrat ein, ein kirgisischer Moskauer, der in Deutschland in Soziologie promoviert. „Es war dumm von der Nato, Russland nicht aufzunehmen.“

Ich bleibe ruhig, obwohl Kostjas Sicht mindestens so weit entfernt von meiner ist wie Alenas. „Russland wird keins der baltischen Länder angreifen. Denn wozu?“, sagt Kostja.

„Um wieder groß zu sein. Schau in die Ukraine“, singe ich mein Lied.

Kein Luftangriff

Es endet immer so: Da die strategischen Argumente – Armeestärken, Ostseezugang – und bei mir die juristischen – Souveränität, Völkerrecht.

Kostja hat Kleintransporter mit Versorgung zu den Separatisten in den Donbass geschickt. Sollte es nötig werden, werde er hinfahren, um mit der Waffe gegen faschistische Freiwilligenbataillone zu kämpfen. Er hat in der Roten ­Armee gedient und hält sich für einen guten Krieger. Er sagt das ohne Eifer. Ich bin fassungslos, es fühlt sich an, als wären wir von verschiedenen Stämmen.

Der Luftangriff bleibt aus.

„Tagesschau“ am Abend, echte Nachrichten: Terroranschlag in London. „Viehzeug!“, schimpft Anjo über die Attentäter. „Alle raus!“, raunt Ingo, als die Grafik über potenzielle Gefährder eingeblendet wird. Danach: Monopoly, Schach, Kartenspiele.

Seit dem Streit mit Alena sind zwei Tage vergangen. Vorsichtig spreche ich sie an. „Nein, ich war nicht beleidigt. Aber schon verstimmt“, sagt sie.

Ein Konvoi aus Militärfahrzeugen zieht eine Staubspur hinter sich her

Es werden auch mal Verfolgungsjagden geübt. Foto: imago/CTK Photo

„Ich auch“, sage ich.

Ein Gerücht rollt unser Thema beim Abendessen noch mal auf. Angeblich sind ukrainische Nato-Soldaten zu Skolkan übergelaufen. Alenas Kommentar: „Fürs Seitenwechseln sind die Ukrainer bekannt.“ Beata, eine Polin, entgegnet ihr: „Du fühlst eben wie eine Russin.“

Alena versucht es mit einem Beispiel: Ein deutscher Polizist habe mal einem Kindesentführer Folter angedroht, um das Kind zu retten. Er verlor seinen Job und stand vor Gericht, weil Folterandrohung verboten ist. Alena hat das geschockt. „Recht steht gegen Gerechtigkeit, so ist das auch bei der Krim.“

Alena und ich streiten wieder. „Selbst wenn viele Krimbewohner zu Russland gehören wollten – von Moskau aus Fakten schaffen geht nicht“, sage ich. Wie die Krim auf korrekte Weise ihre Staatszugehörigkeit hätte wechseln können, fragt mich Alena zum Glück nicht.

Warten auf die Besatzer

„Bitte sprich mich nie mehr auf das Thema an“, sagt sie stattdessen und will einen Handschlag darauf.

Später sagt die besonnene Bea­ta: „Die Erde gehört niemandem.“

„Was hat Russland zu bieten?“, frage ich Kostja.

„Wertschätzung für seine Armee“, sagt er.

Das scheint mir wenig gegen die Chancen, die viele europäische Länder bieten. Aber mir leuchtet ein, dass patriotischen Kriegern etwas fehlt, zumindest in Deutschland. Soldaten schlägt oft Verachtung entgegen.

Wir warten auf die Besatzer, jeder wird der Spionage verdächtigt: der rote Jeep, der durch die Stadt fuhr? Das Mädchen, das etwas zeichnete? Habe er verwarnt, sagt der Polizeichef. Manche rollen die Augen, wenn er spricht: Nimmt sich viel zu wichtig. Auch der rechte Parteiführer klebt an seiner Rolle. Abends, wenn wir „Werwolf“ spielen, wird er dauernd verdächtigt, der Mörder zu sein.

Am sechsten Tag stürmen die Skolkan-Soldaten die Stadt mit vier Panzern und bringen sich auf den Dächern in Stellung. Eine Stunde und die Stadt ist besetzt. Die Spielanweisung: Wir verstecken uns zuerst in den Häusern, beim Überqueren der Straße müssen wir rennen. Wir dürfen nur Deutsch sprechen.

Der Chef der Vaterlandspartei verhandelt mit den Skolkan-Soldaten über eine Lösung für das „Flüchtlingsproblem“, so hat er es als @lebensraum auf Twitter angekündigt. Auch im Haslaer Rathaus überlegt man, die Feinde um Hilfe zu bitten, denn es fehlt an allem. Georg, der Arzt, ist enttäuscht, dass das Rote Kreuz keine Absprachen einhält. Linus, der Migrationsbeauftragte, frustriert: „Wir twittern und leiten Anrufe weiter wegen der drohenden humanitären Katastrophe. Aber eigentlich hängen wir fett und zufrieden rum!“

Die rettenden Soldaten

Der Polizeichef der Nachbarstadt wird auf offener Straße von Skolkan-Soldaten exekutiert, weil er Hilfseinheiten der Nato nicht ausgeliefert hat. Die übrigen Polizisten haben die Uniform gewechselt.

Am achten Tag zeigen sich endlich Nato-Soldaten am Waldrand. Sie zielen auf die Stellungen der Feinde. Wir verfolgen alles gespannt am Fenster. Maschinengewehrsalven, abgeschossene Panzer blinken.

Irgendwann laufen die Soldaten den Hang runter, auf die Hauptstraße. Ich sehe niemanden piepend am Boden liegen. Das Stürmen der Gebäude ist unangenehm, die Soldaten sind grob, ihre Gewehre machen mir Angst, obwohl sie die Befreier sind.

„Yes, okay, civilians!“, rufen die Soldaten. „Nato? Nato?“, rufen wir mit erhobenen Händen. Sie verstehen nicht gleich. Es sind ukrainische Soldaten, die uns retten. Genügt das als Gewissheit, dass sie zu den Guten gehören? Wir zögern, dann rufen wir drehbuchgemäß: „Danke, Nato!“

Die Ukrainer rufen: „Slava Ukrainu!“, „Ehre der Ukraine!“ Kostja neben mir ruft leise: „Salo Ukrainu!“, eine Verballhornung des Schlachtrufs. „Salo“ bedeutet Speck.

Die Soldaten schicken uns raus auf die Straße. Dort unterhalten sich der Bürgermeister, die Polizisten und der ukrainische Kommandant, ein Soldat übersetzt. Dann überreichen die Ukrainer uns zwei Kartons MREs, was unser Versorgungsproblem symbolisch löst.

„Sind sie Nazis?“

Kostja spielt den Neutralen und redet mit den Befreiern, die im echten Leben seine Feinde sind, weil sie mit alten Kalaschnikows gegen die Separatisten in der Ostukraine kämpfen. Später frage ich ihn: „Und, sind sie Nazis?“

Er: „Na ja. Nationalisten würde ich sagen. Sie mögen keine Russen.“

Ich: „Und die Russen, die die Ukrainer nicht mögen, sind das Nationalisten?“

Er überlegt: „Wahrscheinlich.“

Abends spielen wir mit den Ukrainern „Durak“, ein russisches Kartenspiel. Das Kriegsspiel ist endlich vorbei.

Zu Hause angekommen recherchiere ich: Unser Szenario wurde schon 2012, also vor dem Ukrainekrieg, erdacht. „Wozu die Sprachkenntnisse?“, habe ich eine Frau der Rekrutierungsfirma noch in Hasla gefragt. „Vielleicht brauchen wir diese Leute im nächsten Jahr“, sagt sie. Sie suchen schon mal.

Unsere Autorin schreibt unter Pseudonym. Informationen, die auf sie schließen lassen, wurden verändert – ebenso wie alle Namen im Text.

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