Frauenfeindliche Polemik bei Google

Der Sexismus im Silicon Valley lebt

Ein Google-Mitarbeiter schreibt eine Polemik, die Frauen als schlechte Programmiererinnen beschreibt. Viele aus dem Konzern stimmen dem zu.

Ein dunkles Gebäude mit hell leuchtendem Google-Schriftzug

Wohl eher kein Lichtblick in der US-amerikanischen Tech-Branche: Google Foto: reuters

BERLIN taz | Zehn Seiten. So lang ist das Dokument, in dem sich ein Google-Entwickler über die biologischen Unterschiede zwischen Männern und Frauen auslässt, um zu begründen, warum Frauen vermeintlich schlechter programmieren. Das Dokument wurde zunächst innerhalb des Konzerns verbreitet. Seit dem Sonntagabend ist es auch online veröffentlicht.

Frauen seien offener gegenüber Gefühlen und Ästhetischem als gegenüber Ideen, schreibt der bisher unbekannte Autor. Deswegen seien sie häufiger in sozialen oder künstlerischen Berufen tätig. Laut dem Autor sind die Unterschiede nicht einfach nur gesellschaftlich konstruiert, sondern existieren universell in allen Kulturen und haben klare biologische Ursachen.

„Google’s Ideological Echo Chamber“ lautet der Titel der Polemik. Der Autor wirft Google vor, innerhalb des Konzerns herrsche eine „linke Verzerrung“, die eine „politisch korrekte Monokultur“ hervorrufe. Wer anders denkt, traue sich nicht, dies zu äußern.

Dabei zeigt das Dokument deutlich, welche Meinungen es nach wie vor über Frauen in der Branche gibt. In den letzten Monaten waren immer wieder Sexismus-Vorwürfe im Silicon Valley laut geworden. Laut Vice, das zuerst über die Schrift berichtete, gibt es bei Google selbst einige Stimmen, die die Äußerungen des Autors befürworten.

„Ehrlich gesagt haben mehr Leute dem zugestimmt, als ich es gerne hätte“, sagte ein*e anonyme*r Miterarbeiter*in zu Vice. Dort heißt es weiter weiter, im Konzern gebe es eine Mischung aus Frauen, die sagen „Das ist schrecklich, das lenkt mich von meiner Arbeit ab und es sollte nicht erlaubt sein“, Frauen und Männern, die sagen „Das ist schrecklich, aber wir müssen ihm seine Stimme lassen“ und Männern, die sagen „Das ist so mutig, ich stimme zu“.

Ziemlich extreme Diskriminierung

Das Dokument spiegelt die Silicon-Valley-Mentalität in vielerlei Hinsicht wider, sagt auch Vivek Wadhwa, Forscher an der Carnegie Mellon University, der häufig den Mangel an Vielfalt in der Tech-Branche kritisiert. Dem britischen Guardian sagte Wadhwa: „Man könnte das vielen Leuten zeigen und sie würden sagen: ‚Ja, dem stimmen wir zu‘.“ Früher hätten Menschen viel häufiger und ohne Angst solche Äußerungen getätigt.

Das Dokument hat dennoch eine Diskussion innerhalb des Silicon Valleys ausgelöst. Yonatan Zunger, der offenbar bis vor kurzem für Google arbeitete, lässt sich öffentlich über die Polemik aus. Der Autor des Papiers verstehe nicht, dass technische Berufe Kooperation, Zusammenarbeit und Empathie benötigten. Die Schrift sei außerdem sehr schädlich für das Arbeitsklima.

Schon im April erklärte das US-amerikanische Arbeitsministerium, dass es bei Google systematische Probleme mit gleichberechtigter Bezahlung gibt. Das Ministerium bezeichnete die Diskriminierung bei Google als „ziemlich extrem“. Ein Anwalt des Arbeitsministeriums sagte im April laut Guardian, dass es starke Anhaltspunkte für eine „sehr entscheidende Diskriminierung gegen Frauen“ in der Hauptgeschäftsstelle von Google gebe.

Ex-Google-Mitarbeiter Zunger

„In technischen Berufen geht es um Kooperation, Zusammenarbeit und Empathie sowohl mit Kollegen als auch mit Kunden“

Googles neue Vizepräsidentin für Diversität, Integrität und Kontrolle, Danielle Brown, antwortete mit einem Statement auf das zehnseitige Dokument. Die Polemik sei „kein Standpunkt, den ich oder der Konzern unterstützen, fördern oder ermutigen“, so Brown. Teil eines offenen Umfelds sei aber auch, dass andere Standpunkte vertreten werden dürfen. Laut Brown setzt Google ein starkes Zeichen gegen Diskriminierung, indem es demografische Daten veröffentlicht und Maßnahmen für Vielfalt und Inklusion durchführt.

Die im Juni veröffentlichten Zahlen zeigen allerdings, dass sich der Anteil an Frauen und schwarzen Mitarbeiter*innen 2016 im Vergleich zu 2015 nicht verändert hat, schreibt der Guardian. Es habe einen schwachen Anstieg an Frauen in technischen und Führungspositionen gegeben, der Anteil liege bei Google aber immer noch bei nur 20 Prozent. Der landesweite Durchschnitt liegt in den USA bei 26 Prozent.

Es reicht womöglich doch nicht aus, neue Posten mit schick klingenden Titeln zu schaffen, um mit tiefsitzenden Vorurteilen und patriarchalen Strukturen aufzuräumen. Stattdessen sollte der Konzern lieber junge Frauen fördern, die in technischen Berufen arbeiten wollen. Als Branchenführer kann Google so anderen Unternehmen die Zukunft zeigen. Je mehr Frauen in der Branche arbeiten, desto normaler wird das Bild der Programmiererin. Dann fühlen sich auch weniger Männer in der Auffassung bestätigt, sie seien schlichtweg besser im Programmieren.

 

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