Zeit für den Brunch

von MARTIN REICHERT

Die ganze Küche ist mittlerweile mit Hochzeitsanzeigen, Babyfotos und Einladungen zu Verlobungsfeiern voll gepinnt und geklebt. Jeden Tag trudeln neue Ausweise zwischenmenschlicher Bindungsbereitschaft ein und harren eines begeisterten Echos. Allein die Beschreibung dieser Anhäufung ist jedoch bereits eine Beleidigung jeder einzelnen Braut, ein Fausthieb ins Gesicht des Verlobten, ein nicht autorisierter Klaps auf den Po der neu geborenen Marie-Justine Ingeborg, denn sie konterkariert die gefühlte Einzigartigkeit des Ereignisses. Anders ausgedrückt: Allein die Erwähnung dessen, dass es noch andere Schwangere und Heiratswillige gibt, gilt als Affront.

Empfänger solcher Nachrichten sind, was den Ausdruck eigener Gefühlslagen angeht, unglaublichen Restriktionen ausgesetzt. Ein „Schon wieder“ oder „Noch einer“ oder „Scheiße“ ist weder erwünscht noch erlaubt. Erwartet werden warmherzige Begeisterungsstürme, wohlwollendes Schulterklopfen, interessierte Nachfragen. Die Frage jedoch, die einem am meisten auf der Seele brennt, darf auf keinen Fall gestellt werden: Und was wird aus mir?

Es ist ja nicht so, dass man konkret verabschiedet würde – tschüss, war schön – nein, das Ganze läuft viel subtiler ab. Während man früher zusammen auf geschützten Grünanlagen Bier getrunken hatte, nachts über die Dächer von Prenzlauer Berg gerannt war, sitzt man nun im Wohnzimmer auf einer richtigen Sitzgruppe, während ein Robbie-Williams-Konzert auf die Leinwand gebeamt wird: Der Kamerakran schwenkt über eine fröhliche Menge jungen Volkes, das wild entschlossen ist, sich zu amüsieren. Es ist ein lauer Sommerabend, ein Open-Air-Konzert auf einer südenglischen Wiese, die Sonne geht unter und die Leinwand ist so wohnzimmerfüllend, dass man alles riechen kann: die leicht feuchte Wiese, das abgeerntete Korn, Bier, Zigarettenrauch, Parfüm und Schweiß. Diese Leichtigkeit. Und dann geht man raus auf den Balkon, um eine zu rauchen. Die Gastgeberin, mit der man früher besoffen durch irgendwelche Clubs gerollt war, ist schwanger und drinnen rauchen ist nicht.

Manche Begriffe erklären sich eben erst nach Beendigung eines Lebensabschnitts, so der Ausdruck „Studienfreundin“. Er bezeichnet jemanden aus der Vergangenheit, aus einem anderen Leben, das nun einfach vorbei ist. Schulfreunde, das waren jene Kumpane gewesen, mit denen man zusammen den Lehrern und den Widrigkeiten des Elternhauses getrotzt hatte. Man hatte sie verlassen, als es nichts mehr gab, gegen das man hätte zusammenhalten müssen. Dann kamen die „Studienfreunde“, aber natürlich hätte man sie niemals als solche bezeichnet. Sie waren mehr. Jetzt, wo man der eigenen Familie entflohen war, bildeten sie die Ersatzfamilie. Ein großes Rudel, mit dem zusammen es die Welt zu erkunden galt und in dessen körpertemperaturwarmer Mitte es sich aushalten ließ. Niemals alleine sein und doch frei sein – ganz anders, als es uns die Eltern vorgelebt hatten: „And we were never being boring, we had too much time to find ourselves.“

Wer dann nach Beendigung des Studiums Studienfreunde sein Eigen nennt, braucht keine Feinde mehr. Sie lassen einen sitzen, drängen einen aus ihrem Leben, verlassen einen, weil sie andere Pläne haben: „Wir müssen uns mal wieder treffen.“ Und dann? Über die guten alten Zeiten reden? Weil es keine gemeinsamen Erlebnisse mehr gibt, die es zu besprechen gälte? Die Geburtstagspartys fühlen sich plötzlich an, als ob man alleine im abgedunkelten Zimmer sitzt und alte, bierverkrustete „Blur“- und „Smashing Pumpkins“-CDs anhört, und das, obwohl genau diese Alben gerade abgespielt werden. Mit gemäßigter Lautstärke. Aller Wahrscheinlichkeit nach handelt es sich bei dieser Festivität zudem um einen exzessfreien Sonntagsvormittags-Brunch, ein absolutes Highlight der neobürgerlichen Festkultur. Ein Schlückchen Prosecco pro Person.

Mit dem einzigen Anzug muss man nun von Hochzeit zu Hochzeit, die nie so lustig sind wie in dem Film „Four Weddings and a Funeral“, nie. Sie sind auch nicht so, wie sie fantasiert wurden zu Zeiten, in denen noch gar nicht an sie zu denken war. Nämlich ganz anders, auf keinen Fall spießig. Im Gegenteil. Die Braut ist weiß gekleidet, der Bräutigam trägt Frack und Zylinder. Es gibt eine Limousine und Brautjungfern und Torte und Karaoke. Das mit Abstand Wildeste bislang: „Three Lions“ aus dem Cassetten-Recorder während der standesamtlichen Trauung. Echt crazy. Wobei das Essen meistens fantastisch ist und die alkoholischen Getränke kostenlos. Man braucht sie auch.

Als Nächstes kommt die Angst vor den Windel-Gesprächen – jawohl, als Nächstes, denn die umgekehrte Reihenfolge ist ausgesprochen selten, geheiratet wird vorher. Vor dem Besuch im trauten Heim der Eltern wird gegooglet, was das Zeug hält, damit man auch etwas beizutragen hat. Die neuesten Entwicklungen in der Babybrei-Technologie, Wissenswertes über geländegängige, dreirädrige Kinderwagen, Hochbegabten-Frühförderung (hochbegabt sind sie ja alle).

Schlimm dran, wer mit gebärenden Akademikerinnen zu tun hat, denn sie sind sich der volkswirtschaftlichen Bedeutsamkeit ihres Tuns – Stichwort Elitenselbstreproduktion – durchaus bewusst und machen ein dementsprechendes Buhei darum. Quälende Identitätsfindungsprobleme zwischen verhinderten Karriereansprüchen und der Angst, auf ein Dasein als Muttertier reduziert zu werden. So viele Optionen gilt es zu durchdenken: Rabenmutter, Turbomutter. Mutter. Doris Schröder-Köpf oder Ursula von der Leyen? Kaiserschnitt oder Hausgeburt? Hinzu kommt noch der theoretische Ballast aus dem Gender-Seminar, der wie Rohkost im Magen liegt und geistige Blähungen verursacht – eine Akademikerschwangerschaft ist der Selbstverständlichkeit komplett entkleidet.

Na gut: Die kleinen Händchen sind dann schon niedlich, interessant auch die an die Mondoberfläche erinnernden Ultraschallaufnahmen. Abendfüllend ist das alles dennoch nicht. Worüber also sprechen? Die eigenen Belange und Probleme zu thematisieren erscheint angesichts der welterschütternden, wirklich und einzig wichtigen Fortpflanzungsergebnisse völlig unpassend. Man wirkt schnell wie ein hedonistischer und ergo verantwortungsloser Karrierist, der mit seinem Leben nichts anzufangen weiß und nächtelang verzweifelt in Bars herumhängt. Verzweifelt? Natürlich verzweifelt, denn ein glücklich gelebtes Leben jenseits von verantwortungsvoller Partner- und Elternschaft erscheint den Glücklichen geradezu unvorstellbar. Weshalb sie auch einen geradezu missionarischen Eifer entwickeln, um eventuell verbliebene Singles in ihrer Umgebung an den Mann oder die Frau zu bringen.

Homosexuelle beste Freunde, in alten Zeiten als Lifestyle-Gewinn und Party-Booster hochwillkommen, sitzen nun einsam auf ihrem toten Ast der Evolution – bald schon werden sie am Lido in einem Klappstuhl sitzen, schwarz wird die Farbe aus ihrem Haar die Wangen herabrinnen. Ja, Venedig muss desinfiziert werden, die Kleinfamilien toben derweil am Strand der Adria herum. Einziger Trost und Beistand: die verhärmten Single-Frauen, die keinen abbekommen oder den Baby-Boom-Trend schlicht verpennt haben.

Verrat! Man ist verraten und verkauft, denn das Versprechen war ein ganz anderes gewesen! Es hatte geheißen: Wir machen das doch ganz anders. Freunde sind genauso wichtig wie der Partner. Wir werden gemeinsam alt und wohnen später zusammen in einer Wohngemeinschaft. Wir kaufen uns zusammen ein Mietshaus. Auch, wenn man einen festen Freund hat, kann man doch gemeinsam in Urlaub fahren – Geschwätz von gestern. Verdammt.

Und wenn dann schließlich alle inneren Freiräume durch den Unterdruck diverser Verlustängste mit Selbstmitleid und Selbstgerechtigkeit bis an den Rand voll gesogen sind, kommt ein Anruf: Das Neugeborene der sogenannten Studienfreundin liegt auf der Intensivstation, es hat irgendwas und niemand weiß, was. Und wie es weitergeht und ob die Antibiotika anschlagen. Und wenn nicht?

Welchen Trost hätte man denn anzubieten: Lass uns mal ein Bier trinken gehen? Das wird schon wieder? Party machen und Schwamm darüber? Wie gerne würde man sich plötzlich über Windeln unterhalten, sich ein Bäuerchen aufs Hemd rülpsen lassen, wenn nur alles wieder gut würde. Gut heißt: seinen normalen Gang ginge. Was ist denn eigentlich so schlimm daran, wenn sich (immerhin!) erwachsene Menschen dazu entschließen, Kinder in die Welt zu setzen, statt sich selbst zu suchen? Zumal, wenn sie sich längst gefunden haben.

Zeit also, sich mit dem Lebensabschnitt „Onkel“ auseinander zu setzen, im Supermarkt die „Grabbeltische“ mit dem Kinderspielzeug unter die Lupe zu nehmen, für die Konfirmationsgeschenke zu sparen. Der Lebensabschnitt „Onkel“ oder „Tante“ ist das Komplementärangebot für evolutionäre Rohrkrepierer, die sich mit dem Ausschlusscharakter der Kleinfamilie nicht abfinden möchten, die ihre Freunde nicht den Babybrei-verschmierten Klauen gleichgesinnter Eltern und ihren Brunchorgien überlassen möchten – man braucht nur guten Willen und gute Nerven: Winken im Falle der Fortpflanzung des eigenen Bruders oder der eigenen Schwester längerfristig die Früchte des Nepotismus, nämlich die Tradierung des familiären und damit auch des eigenen Gen-Pools, beruht das Engagement für den Nachwuchs des Freundeskreises auf Freiwilligkeit. Man kann schließlich auch einfach gehen und sich neue Freunde suchen. Homosexuelle, Singles, homosexuelle Singles, Mittzwanziger – doch auch hier gibt es keine Garantie auf einen dauerhaften Platz im Lebensabschnitt. Es ist ein Kreuz.

Wenn dann nach banger Wartezeit der Entwarnungsanruf kommt und die Studienfreundin berichtet, dass der Kleine gerade an ihrer Brust saugt und wieder gesundet, dann ist sie keine Studienfreundin mehr, sondern eine Freundin, die einen an ihrem Leben teilhaben lässt, wenn man nur will.

Und irgendwann, so in zwanzig bis dreißig Jahren, leben wir, die wir der Schotter für die jetzt geborene Generation sein werden, fort in deren Kindheitserinnerungen. Als seltsam gekleidete Menschen der Jahrtausendwende, die auf Brunchveranstaltungen in sanierten Ikea-Altbauwohnungen Prosecco trinken und sich Gedanken über das Glücklichsein machen.

Martin Reichert, 32, ist kinderloser Autor für taz zwei und taz.mag in Berlin