Die sowjetische Landwirtschaft hatte nur vier, aber ewige Gegner: Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Das trifft inzwischen auch auf das deutsche Bahnwesen zu.von Rudolf Walther
Als Rot-Grün seinerzeit die Glanzidee hatte, den vom Flugwesen kommenden Hartmut Mehdorn an die Spitze der Deutschen Bahn zu berufen, gelangte ein fünfter Gegner an Bord: die Kundschaft. Die fliegende Kundschaft lässt sich mittlerweile alles bieten beim Transport, der längst nichts mehr mit Reisen, aber ziemlich viel mit Verpacken zu tun hat. Das Flugpublikum hat sich daran gewöhnt, für schlechtes Essen und lauwarme Getränke oder auch gar nichts alles zu ertragen: von den stumpfsinnigen Kontrollen vor dem Flug über das blöde Dauerlächeln des Begleitpersonals bis zur sardinenmäßigen Verstauung während des Flugs. Mehdorn hat alles getan, um dieses Niveau der Erniedrigung beim Fliegen auf den Bahnbetrieb zu übertragen. Er durfte viel zu lange damit experimentieren, aufrechte Bahnfahrer zu pflegeleichten Flugschafen umzuerziehen, bis er endlich abgelöst wurde.
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Aber die Ära Mehdorn ging nicht folgenlos am Bahnfahren vorbei. Ästhetische Kollateralschäden wie die stählernen Mehdorn-Rauchertischchen auf den Bahnsteigen werden noch lange herumstehen. Aber auch Spätfolgen beim mehdornistisch abgerichteten Personal werden das Bahnfahren weiterhin vergiften. Das beginnt bei den hessisch-bayerisch-thüringischen, eigentlich englisch gemeinten Durchsagen, die richtig wehtun, und reicht bis zum "Service-Point"-Personal.
Geplant war eine Reise von Frankfurt nach Amrum. Der Bahn-Computer empfahl als beste und schnellste Verbindung einen Zug, der Frankfurt um 10.58 Uhr verlassen und ein Schiff das Amrum nach 8 Stunden und 42 Minuten um 19.40 Uhr erreichen sollte. Ein gutes Angebot, wenn man das Staubürgerdasein im automobilen Blöd-Betrieb nicht mag.
Einer der vier Hauptfeinde der Bahn - der sommerliche - schlug schon in Frankfurt zu. Der ICE von 10.58 Uhr war mit 40 Minuten Verspätung angekündigt. Für die Beantwortung der Frage am "Service-Point", ob mit dieser Verspätung das letzte Schiff nach Amrum noch zu erreichen sei, benötigte der verspätungserprobte Mann nur Sekunden: "Chancenlos, aber ich kann Ihnen eine Übernachtung auf Kosten der Bahn in Hamburg anbieten." Das war sicher kundenfreundlich gemeint, aber ich gehe nur nach Hamburg, wenn ich nach Hamburg muss. Einfach so nach Hamburg - das ist wie die Zumutung, Labskaus zu essen. Das muss nicht sein.
Als zweiten Vorschlag offerierte der Service-Mann eine Verschiebung der Reise um einen Tag gegen die Erstattung von 50 Prozent des Fahrpreises. Akzeptabel. Aber dann beendete der nette Mann das Gespräch mit einem Satz, der das ganze Mehdorn-Schlamassel auf den Punkt brachte: "Ich sage meinen Kollegen immer, Kunden bei solchen Reisen einen früheren Zug zu empfehlen." Genau: Der Fahrplan ist nur zur Kundentäuschung da.
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Leserkommentare
25.06.2010 10:52 | Ricki
Den Sinn von Fahrplänen habe ich schon in den 70ern in Spanien erlebt. Interrailticket und spanisches Kursbuch schienen mic ...
24.06.2010 12:33 | tsaimath
Zum letzten Absatz: ...
23.06.2010 18:28 | Fridolin
Merke: Der Fahrplan ist ein Plan, wie gefahren werden soll. Manchmal klappt's, bei wirklich wichtigen Terminen und Verbindu ...