Mein Leben ist wie ein Traum

Herr Ashaq, ein Flüchtling aus Pakistan, erzählt

Herr Ashaq und Fatima in ihrem Einzimmer­appartement Foto: Gabriele Goettle

Von Gabriele Goettle

Nachdem der uns nachgewiesene Mietpreis von 330 Euro inklusive Heizung und Nebenkosten gegen die seit 01.08.2015 gültige Mietpreisbremse verstößt, wird dem Umzug in diese Wohnung nicht zugestimmt.“ (regensburg-digital) Bescheid des Job-Centers Regensburg an einen Hartz-IV-Empfänger, der ein Singleappartement, 22 Quadratmeter, für 330 Euro Warmmiete gefunden und die Kostenübernahme beantragt hatte.

Herr Ashaq wohnt in Berlin-Wilmersdorf, nahe dem Fehrbelliner Platz. Als wir vor dem weißen Neubau eintreffen, tritt eben seine Frau, Maria Vergi, aus der Eingangstür. Im Kinderwagen liegt ihr unlängst geborenes Mädchen namens Faika. Ihr anderes Töchterchen, die kleine Fatima, ist 2016 geboren und geht brav an ihrer Seite. Sie ist sichtlich erfreut über den unverhofften Ausflug. Frau Vergi sucht nach Worten und sagt dann: „Er warten oben, er so müde!“ Sie deutet auf die dunklen Ringe unter ihren Augen und erklärt: „Wir viel müde. Kinder weinen nachts, keine Schlafen.“ Wir halten ihr das Gartentor auf, winken dem kleinen Mädchen zu und steigen hinauf in den ersten Stock. Vorbei an einer Art schwarzem Brett, auf dem Anweisungen zu häuslichen Belangen, unter anderem zur Müllentsorgung, zu lesen sind. Auch wird streng darauf hingewiesen, dass die Bewohner die Schlüssel nicht von innen stecken lassen dürfen an ihren Wohnungstüren. Der autoritäre Verwaltungston lässt erkennen, dass der Hausmeister hier nicht normale Mieter eines Wohnhauses anspricht, sondern ihm untergeordnete Bewohner belehrt. Diese Bewohner sind Heimbewohner. Es handelt sich bei dem unscheinbaren Appartementhaus, einem dreistöckigen Flachbau, um ein Flüchtlingswohnheim. Auf Google Earth zeigt sich das Haus (zur Zeit des Film-Aufnahmedatums vom Juli 2008), noch mit der Aufschrift „Hotel Appartements“ an der Fassade.

Heute ist er bleich

Wir klopfen an einer weißlackierten Wohnungstür, Herr Ashaq öffnet und bittet uns sehr freundlich hinein. Wir kennen uns bereits durch ein Vorgespräch. Heute ist er bleich und hat Schnupfen. Obgleich er noch so jung ist, haben sich Übernächtigung und Erschöpfung in seinem Gesicht abgezeichnet. Wir werden ins einzig vorhandene Zimmer geführt und gebeten, auf einem der beiden Elternbetten Platz zu nehmen. Der Krach von der stark befahrenen Straße dringt durchs gekippte Fenster. In einem Spezialstuhl sitzt angeschnallt das älteste Kind, ein schwerbehinderter Junge namens Falak. Er ist drei Jahre alt, hat fast ununterbrochen spastische Bewegungsstörungen, kann seine Muskulatur nicht steuern. Sein Kopf und sein gesamter Leib werden gestützt und durch Gurte gehalten. Falak hat dichte, schwarze, glänzende Haare und sanfte dunkle Augen mit langen Wimpern. Er schaut in unsere Richtung, ich weiß aber nicht, ob er uns wahrnimmt, sein Blick lässt sich für uns nicht deuten. Herr Ashaq setzt sich neben seinen Sohn und streichelt ihm über den Kopf und spricht leise Griechisch mit ihm, was einen Ausdruck von Freude und Wohlgefühl nach sich zieht. Der Junge öffnet den Mund zu einem stummen Lachen und schaut unter krampfartigem Winden seines Körpers unverwandt den Vater an.

Herr Ashaq nimmt die Hand seines Sohnes zwischen seine beiden Hände und sagt: „Falak heißt er, Falak heißt ,der Himmel‘. Er kann hier nicht raus. Kein Aufzug. Nur samstags, wo wir alle zusammen einkaufen, dann trage ich ihn die Treppe runter.“ Er deutet in die Runde und erklärt: „Hier müssen wir wohnen, fünf Personen, das sind 38 Quadratmeter, alles zusammen, ein Zimmer, kleine Küche, Flur und Dusche. Unsere Miete ist sehr teuer, wie im Hotel, 25 Euro pro Person am Tag – auch für das Kleine, das Neugeborene! Das sind fast 4.000 Euro, jeden Monat! Das Jobcenter bezahlt das Geld direkt an den Besitzer vom Wohnheim. Das ist sehr viel Geld. Ich bezahle dem Besitzer auch einen Anteil Miete, je nach dem, was ich im Monat verdiene, mal 150 Euro, mal 300 Euro, mal 250 Euro. Hier sind Appartements, da wohnen 8 bis 9 Leute, und es ist immer laut!“

Voll und bedrückend eng

Die Möblierung ist spärlich. Der Raum bietet eigentlich nur Platz für die zwei großen Betten der Eltern und die zweieinhalb Gitterbettchen der Kinder, für ein schmales Tischchen, einen Stuhl, eine Ikea-Kommode ( auf dem das Fernsehgerät steht, das permanent läuft) und ein Wägelchen für irgendwelche therapeutischen Zwecke zur Pflege des Jungen. Dann ist er schon voll und bedrückend eng. Ein großer flauschiger roter Teppich bedeckt den Laminatboden. Alle gehen barfuß in der Wohnung. Unordnung erträgt so ein enger Raum nicht, die Plüschtiere, bunten Bälle und Spielzeuge der Kinder sind zur Seite geräumt. Ein winziger freier Platz bleibt übrig für die Bewohner, hier können sie sich aufhalten außerhalb ihrer Betten.

Ich bitte Herrn Ashaq, mir von sich und von den Problemen mit der Wohnung und seinem Leben zu erzählen. Er hat Englisch bereits in der Schule in Pakistan gelernt, somit auch das Lesen und Schreiben der lateinischen Schrift, was ein großer Vorteil für ihn ist. Das Gespräch führen wir auf Deutsch. Er versteht mich gut, obgleich er nie deutschen Sprachunterricht erhalten hat. Alles, was er kann, hat er sich selbst beigebracht. Er scheint sehr sprachbegabt. Griechisch lernte er von der Frau, sie sprechen miteinander fast nur Griechisch. Er sagt, er kann es sehr viel besser als Deutsch. Sie allerdings hat dadurch kaum Gelegenheit, ihre Deutschkenntnisse zu erweitern, auch nicht außerhalb des Hauses. Durch den pflegebedürftigen Jungen ist sie sozusagen an die Wohnung gekettet. Weder kann sie ihn allein lassen, noch kann sie ihn die Treppe hinuntertragen, um mit den Kindern Spaziergänge zu machen oder sich auch mal in ein Café setzen zu können. Sie ist 27 Jahre alt, von Beruf Friseuse. Frau Vergi ist auf tragische Weise isoliert. Ihren Vater in Athen erreicht sie nicht mehr unter seiner Handynummer, er ist verschollen. Sie fühlt sich sehr allein, sieht nur den Mann, spricht Griechisch mit den Kindern beziehungsweise mit Fatima, die gerade anfängt zu sprechen.

Herr Ashaq beginnt mit sanfter Stimme zu erzählen:

„Ich komme aus Pakistan. Bin dort am 16. Februar 1992 geboren. Die Stadt heißt Sialkot.“ Er streichelt selbstvergessen den Arm des Jungen, der plötzlich einen melodischen Ton hervorstößt, der wie ein Huuu klingt.

„Ich habe nichts gemacht. Aber ich habe Angst gehabt, dass sie mich abholen, deshalb habe ich mein Land verlassen und bin nach Deutschland gekommen“

(Sialkot liegt im Nordosten Pakistans, in der Provinz Punjab, der bevölkerungsreichsten Provinz Pakistans, die auch ökonomisch stark ist. Sialkot ist eine alte Industriestadt mit etwa einer halben Million Einwohner. Bekannt ist sie durch die Massenproduktion von Fußbällen. Besonders aber durch die Herstellung von medizintechnischen Geräten, insbesondere durch die Erzeugung chirurgischer Instrumente von hervorragender Qualität – sie werden weltweit vertrieben. Auf dem Flohmarkt in Berlin-Mariendorf (Metrogelände) kann man sonntags bei einem Pakistaner aus Sialkot wunderbar präzise gearbeitete Scheren, Nagelscheren, Fußnagelzangen und Pinzetten aus mattiertem ­Chirurgenstahl zu äußerst erschwinglichen Preisen erwerben. Anm. G. G.)

„Meine ganze Familie ist in Sialkot, wir sind eine große Familie. Wir wohnen alle zusammen in unserem Haus. Vater, Mutter, Kinder, Schwestern, die Großeltern mit meinem Onkel. Die Frauen machen die Arbeit gemeinsam, Kochen und so was. Meine Mutter ist bald 50. Wie meine Mutter jung war, hat sie keine Freiheit gehabt, heute gehen die Mädchen in die Schule, in die Universität, sie machen eine Arbeit, auch im Büro. Aber meine Mutter ist zu Hause, sie hatte ja fünf Kinder. Mein Vater arbeitet im Büro, in der Verwaltung vom Elektrizitätswerk. Nein, ökonomische Probleme haben meine Eltern keine.

Hier ist vieles schwer

Und da war ich in der Schule und wie ich fertig war, wollte ich studieren, Engineer, aber ich konnte nicht. Die Eltern waren streng, denn politische Situation war in der Zeit ein bisschen … schwer, ein bisschen gefährlich. Die Politik ist … das ist sehr, sehr schwer. Wir hatten Angst gehabt, wegen meinem Bruder. Er ist Kommunist, war auch verhaftet und ist gefoltert worden. Deshalb hat er Pakistan verlassen müssen. Er hat in Österreich Asyl bekommen und ruft immer an. Mich haben sie auch gefragt, was weißt du, was hast du gemacht? Bist du auch dabei?! Nein, habe ich gesagt. Ich habe nichts gemacht. Aber ich habe Angst gehabt, dass sie mich abholen, deshalb habe ich mein Land verlassen und bin nach Deutschland gekommen. Es war wegen politischer Verfolgung, sie haben meinen Bruder verfolgt. Und mich auch.

Hier ist vieles schwer, auch das Wohnen. Vieles ist anders, wie die Schrift, wir schreiben Arabisch, von rechts nach links. Meine Frau ist Griechin, Griechisch ist wieder ganz anders, so wie bei den Russen. Aber meine Frau kann die deutschen Buchstaben nicht so lesen. Bei uns in Pakistan ist das Essen ohne Schwein und wir dürfen keinen Alkohol trinken. Es gibt keinen Alkohol zum Kaufen, so wie hier in Deutschland. Ich habe niemals Alkohol getrunken, rauche keine Zigaretten, gar nichts! Ich war 21 Jahre, wie ich weg bin von zu Hause. Bin 2013 hergekommen und habe Asylantrag gestellt. Ja, ich bin allein gekommen, nach München. Allein, ohne die Familie. Zuerst habe ich in einem Wohnheim gewohnt, in verschiedenen Wohnheimen, Flüchtlingswohnheimen, von 2013 bis 2015. 2013 habe ich meine Frau kennen gelernt, Ende 2013. Ja, in Deutschland. Sie ist EU-Bürgerin aus Griechenland. Sie ist christlich-orthodox. Wir sind nicht verheiratet. Drei Kinder haben wir, das kleinste ist zweieinhalb Monate. Meine Mutter sagt immer, sie will meine Kleinen sehen, aber sie kann nicht. Sie muss erst ein Visum haben, das dauert sehr lange und ist teuer.“

Auf meine Frage, weshalb er sich eigentlich mit der Frau nicht verheiratet, wird seine sanfte leise Stimme etwas härter: „Ich will nicht!“ Und nach einer kleinen Pause fügt er hinzu: „Ich muss immer arbeiten, habe keine Zeit für Heiraten, kein Geld für Heiraten. Das kostet viel Geld. In Pakistan, wir machen Hochzeit nicht einfach so. Wir können nicht sagen, wir kommen vom Amt und sind verheiratet. Wir laden die ganze Familie ein, die Freunde der Familie, wir machen ein großes Fest. Nein! Wir wollen nicht! Wenn ich meine Frau heirate, bekommen wir dann eine richtige Wohnung für fünf Personen, mit einem Zimmer, wo ich schlafen kann nachts? Nein! Ich bekomme keine Wohnung für meine Familie.

Und dann habe ich die Aufenthaltsgestattung bekommen. Dann Asylstatus und Arbeitserlaubnis 2016. Ist normal. Ich bin anerkannt. Ich würde gerne studieren, Engineering, aber wie soll ich das machen? Woher das Geld? Ich habe viel gearbeitet. Reinigung, als Zimmermädchen ein Jahr und dann war ich Supervisor, habe die Zimmer gecheckt. Damals habe ich am besten gelernt, weil immer haben wir Deutsch gesprochen mit den Kollegen, da ist es dann besser geworden. Manchmal kann ich etwas nicht sagen, aber ich verstehe schon gut. Heute habe ich eine Arbeit im anderen Hotel, Housekeeping, mache alles. Da haben wir auch eine Sprachschule. Die Chefin hat gefragt, wer will in die Schule gehen? Ich sage, ich will, aber sie sagt: Du musst nicht, du kannst doch Deutsch reden. Und ich habe gesagt: Aber ich will mehr wissen. Will mehr lesen, mehr reden, das und das herausfinden. Ich will wissen, welches Wort muss wo sein. Nicht einfach so …

Ich werde in die Schule gehen, im nächsten Monat. Die Arbeit in diesem Hotel ist gut. Ich habe direkt mit dem Hotel einen Vertrag gemacht, und da habe ich gekündigt bei der alten Arbeit. Ja, genau, das war schlecht bezahlte Arbeit und immer viele Überstunden, kein Feiertagszuschlag, kein Weihnachtsgeld. Wir mussten immer arbeiten, egal, von 5 Uhr früh bis 22 Uhr, bis 23 Uhr. Wir haben sogar am 25. Dezember gearbeitet bis 24 Uhr. Die haben wohl gedacht, ich bin Moslem, da können sie mich Weihnachten einsetzen. Die Arbeit war für Minilohn. Da gibt es viel Arbeit im Hotel, alles reinigen, Zimmer putzen, Fenster putzen machen wir auch, Wäsche, Flur saubermachen. So was, alles, was es so gibt im Haus. Meine Frau wollte auch arbeiten, als Friseuse oder Reinigung, sie kann alles machen, Essen, Küche, alles, sie will nach draußen gehen, aber es gibt keine Kita-Plätze. Sie muss im Haus bleiben.

Manchmal nur 900 Euro Lohn

Das Wohnheim in Wilmersdorf, in dem Herr Ashaq mit seiner Familie lebt Foto: Gabriele Goettle

Meine Frau hat erst in Lichtenrade gewohnt, in einem Wohnheim. Ein Mutter-Kind-Heim. Da hat sie gewohnt, schon wo sie schwanger war. Das Kind hat sie im Krankenhaus bekommen. Ja, ich bin der Vater. Sie war auf dem Jobcenter gemeldet. Und dann sind wir zusammengezogen in eine richtige Wohnung in Schöneweide, Bezirk Treptow-Köpenick. Eineinhalb Jahre sind wir da geblieben. Diese Wohnung war eine normale Wohnung, besser als hier und viel billiger! Nur 609 Euro. Zwei Zimmer, Küche, Badezimmer, 59 oder 60 Quadratmeter. Bis Mai 2016 sind wir geblieben, dann mussten wir raus wegen Mietschulden. Wir hatten sie selber gefunden, die Wohnung, gleich diese Unterlagen, Mietvertrag und alles ins Jobcenter gegeben. Und sie sagten, ja, wir können diese Wohnung nehmen und da bleiben. Sie haben uns einen Bescheid gegeben, den haben wir dem Vermieter geschickt. Aber wir wussten nicht, dass gar keine Miete bezahlt worden ist. Der Vermieter hat erst gewartet. Nach vier Monaten hat er mich angerufen und hat gesagt: Du hast keine Miete bezahlt! Und ich habe ihm gesagt, er soll dem Jobcenter Bescheid sagen. Aber er hat gesagt, das ist mir ganz egal, Du und deine Frau, ihr beide wohnt ja hier in meiner Wohnung und ihr müsst raus, wenn keine Miete kommt.

Wir waren dann im Jobcenter und ich habe gesagt, wir haben doch alle Unterlagen gegeben, auch den Mietvertrag. Und meine Frau hat doch diesen Bescheid bekommen, den Kostenübernahmebescheid, dass sie die Miete zahlen. Ich war in der Zeit beim Sozialamt, weil ich hatte Asylgestattung, Aufenthaltsgestattung, das war, wo noch das Asylverfahren lief. Und die haben mich bezahlt. Aber nur für mich. Für meine Frau und meinen Sohn nicht – da hatten wir erst das eine Kind. Meine Frau und mein Sohn, weil sie ist in der EU, haben vom Jobcenter das Geld bekommen nach der Geburt, auch die Kostenübernahme für die Miete. Die hatten ja gesagt. Ich konnte keinen Antrag beim Jobcenter stellen, weil ich war ein Asylbewerber. Deswegen.

Bis dahin war ich ohne Arbeit. Und danach habe ich Arbeit gefunden, und habe meine Miete selber gezahlt. Aber die vier Monate waren nicht bezahlt. Ich habe meinem Vermieter gesagt, wir wollen in der Wohnung bleiben, ich habe Arbeit, ich kann Raten zahlen, aber ich kann nicht viermal 609 Euro Miete auf einmal bezahlen und auch noch 40 Euro für Elektrizität, wir sind drei Personen und ich habe so 1.000 Euro, höchstens 1.200 Euro Lohn, manchmal auch nur 900 Euro. Es reicht nicht. Meine Frau hatte keine Leistungen mehr vom Jobcenter bekommen. Nix, keinen Euro. Die haben gesagt, sie hat keinen Anspruch, weil am Anfang, als sie hergekommen ist aus Griechenland, hat sie nur sechs Monate gearbeitet und danach ist sie schwanger gewesen. Für Falak bekommen wir Kindergeld und auch Pflegegeld, aber für die beiden anderen Kinder nichts. Kein Kindergeld! Mit den Anträgen ist was nicht richtig. Ich weiß es nicht.“

Herr Ashaq wendet sich dem Jungen zu und kitzelt ihn ein wenig am Bauch. Der wirkt begeistert, strahlt, stößt ein Juchzen aus, streckt sich und windet sich. Herr Ashaq lächelt und berichtet weiter: „Und wie er dann da war – er ist Juni 2014 geboren –, hat meine Frau auch nicht arbeiten können. Und jetzt kann sie auch immer noch nicht arbeiten. Meine Frau muss bei ihm sein, waschen, füttern, Windel wechseln, ihn anziehen und ausziehen, ihn tragen. Alles! Jetzt wird er schwerer. Tag und Nacht muss sie aufpassen auf ihn. Genau, mein Sohn kann nicht in den Kindergarten. Es ist gar kein Kita-Platz für ihn da. Meine Frau hier hat keine Hilfe, sie ist allein. Nur zweimal in der Woche kommt die Physiotherapeutin, auf diese Tage freut sie sich immer.

Seit 2016 sind wir hier in diesem Wohnheim.“ Auf die Frage, woher er denn die Adresse oder Einweisung bekam, sagt er: „Das war eine Frau, nicht so wie eine Familienhelferin, aber sie hat uns viel geholfen. Sie ist eine deutsche Frau und arbeitet in der… wie heißt das … Integration. In Schöneweide hatten wir eine Familienhelferin bekommen. Und die war … ich habe keine Ahnung … zuerst war sie nett, hat uns viel geholfen. Danach hat sie vielleicht keinen Bock mehr gehabt zu helfen. Sie hat gar nichts gesagt. Und sie hat eine andere Frau bestellt, die sollte uns helfen, und diese neue Familienhelferin hat uns geholfen. Aber später habe ich dann wieder gar keine Familienhelferin gehabt. Wir waren ohne.

Ich hatte dann einen deutschen Mann kennen gelernt. Weil ich hatte meine Aufenthaltsbescheinigung verloren auf der S-Bahn und er hat sie gefunden. Hatte meine Adresse da drauf gesehen und ist einfach zu mir gekommen, hat geklopft und gesagt: Sind Sie der und der? Ich habe hier so einen Ausweis gefunden. Und ich habe gesagt, danke, das ist ja nett von Ihnen. Wir haben uns draußen getroffen, Kaffee getrunken, einfach gefragt, ja woher kommst du denn, mein Name ist … So haben wir uns kennen gelernt. Ich habe ihm alle Probleme erzählt. Wir haben Englisch gesprochen am Anfang. Das war ein sehr guter Mann, ungefähr 35 Jahre alt. Und ich habe gesagt, er soll zu uns nach Hause kommen, und er ist gekommen. Ich habe ihm alles gezeigt. Und danach hat er geholfen, viel, viel! Der hat diesen Brief geschickt ans Amt wegen Mietschulden. Und der hat mit dem Vermieter damals gesprochen wegen Ratenzahlung. Ich habe gesagt, wenn ich Geld bekomme jeden Monat, dann zahle ich selber die Miete. 609 Euro und 50 Euro Rate für die Mietschulden, jeden Monat 659 Euro bezahle ich ihm. Und der Vermieter hat gesagt ja, das kannst du zahlen. Aber nach zehn, fünfzehn Tagen hat er angerufen und gesagt, nein, es geht nicht, du musst die ganze Summe auf einmal zahlen! Aber ich konnte das nicht! Ich habe mit meinem Freund gesprochen, und der hat gesagt, der ist bescheuert! Das war doch alles besprochen?!

Weil ich in der Zeit noch nicht gut Deutsch reden konnte, hat mein Freund wieder für mich gesprochen mit dem Vermieter, aber der hat gesagt: nein! Die müssen hier raus, die haben kein Geld. Und er hat alle Unterlagen dem Gericht gegeben. Wir sollten ausgewiesen werden aus unserer Wohnung, weil keine Miete gezahlt war vom Jobcenter. Ich habe gesagt: Wo sollen wir denn hin? Wir haben ein kleines Kind, wir haben keinen anderen Platz. In der Zwischenzeit hat er uns einen Brief geschickt vom Rechtsanwalt. Mein Freund hat vorgelesen: Wir müssen raus aus unserer Wohnung und die Mietschulden von fast 3.000 Euro, die müssen wir zahlen. Und dann mussten wir raus aus der Wohnung. Und Schulden zahle ich noch immer. Wir sind dann hier in das Wohnheim gekommen.

„Wir möchten hier nicht bleiben. Für fünf Leute ist das zu klein, kein Platz. Nachts kein Schlaf, wenn ein Kind weint, weinen alle. Ich bin immer müde und muss doch arbeiten gehen“

Wir möchten hier nicht bleiben. Für fünf Leute ist das zu klein, kein Platz. Nachts kein Schlaf, wenn ein Kind weint, weinen alle. Ich bin immer müde und muss doch arbeiten gehen. Und in der Wohnung ist Schimmel.“ Er steht auf und zeigt auf die Zimmer­ecke neben dem Fenster. Durch den Anstrich hindurch arbeitet sich schwarzer Schimmel wieder an die Oberfläche. „Da ist der Schimmel an der Wand, genauso auch in der Küche über dem Fenster. Es kam einer her und sagte, dass ich schuld bin. Du lüftest nicht richtig, sagte er, du musst die Fenster aufmachen, du musst immer lüften. Ich habe gesagt. Wenn du kleine Kinder hast, das kleinste zwei Monate alt, machst du dann das Fenster auf, wenn es kalt ist? Sollen die Kinder frieren und krank werden? Und für ein ganz kleines Kind ist der Schimmel vielleicht gefährlich? Ein Mann ist gekommen und hat einfach weiße Farbe drübergemacht über den Schimmel. Aber das Schwarze ist schon wieder zu sehen. Und in unseren Keller ist Wasser gelaufen, da waren unsere eigenen Sachen abgestellt, jetzt sind sie kaputt.“

Seine Frau kehrt zurück mit den beiden Kindern. Sie legt die kleine Faika ins Gitterbett und zieht Fatima die Jacke aus. Das Mädchen ist sehr interessiert an meinem Equipment und ich muss schnell die Kamera in Sicherheit bringen. Sie umfasst mein Knie und stellt sich mit ihren kleinen bloßen Füßen auf meine. Nun ist sie größer und genießt es. Frau Vergi bringt aus der Küche einen Teller mit Brei und beginnt geduldig ihren Sohn Falak zu füttern. Er mag nicht so recht, weicht anfangs dem Löffel aus, doch dann isst er. Herr Ashaq erklärt: „Er hat es schwer… muss oft brechen, kann nicht richtig schlucken. Man muss alles pürieren.“

Jobcenter verschwendet Geld

Herr Ashaq spricht kurz Griechisch mit seiner Frau und sagt dann: „Meine Frau sagt, ich soll noch das mit der Staatsbürgerschaft erzählen. Was wir nicht verstehen, unsere Kinder sind nicht deutsche Kinder. Ich war beim Bürgeramt mit den Geburtsurkunden, hab gesagt: Das sind meine Kinder, die Mutter ist EU-Bürgerin, wir wollen einen deutschen Pass haben für die Kinder. Der Mann sagt nein! Wieso nein, frage ich, alle sind hier geboren, haben deutsche Geburtsurkunden. Er sagt, erst nach acht Jahren können die Kinder einen deutschen Pass bekommen.“ Fatima steigt von meinen Füßen herunter und klettert auf die Knie des Vaters, der sie liebevoll in seine Arme schließt.

(In Deutschland galt bis zum Jahr 2000 im Staatsbürgerrecht das „Blutrecht“, dann wurde das „ius soli“, das Geburtsortprinzip, eingeführt. Es gilt aber nur eingeschränkt. Ein ausländisches Kind erhält die deutsche Staatsbürgerschaft erst dann, wenn ein Elternteil zum Zeitpunkt der Geburt mindestens seit 8 Jahren in Deutschland ist, ein ­erfolgreiches Einbürgerungsverfahren absolviert hat und ein unbefristetes Aufenthaltsrecht besitzt. StAG § 10, Anm. G. G.)

Die Physiotherapeutin des behinderten Falak hat mich auf die Familie, ihre Wohnsituation und das Schicksal der Kinder aufmerksam gemacht. Sie sagte empört: „Man muss sich das mal vorstellen, da ist eine Familie, rausgefallen aus der Zeit – und aus der Unterstützung. Sie leben auf kleinstem Raum, was der Entwicklung der Kinder schadet, besonders schlimm ist das für die Kleine, die Fatima, die sehr hell ist, sehr neugierig und lebhaft. Aber auch Falak hat ein Potenzial, das man fördern müsste in einer speziellen Einrichtung. Nur, es gibt keine Kita, keinen Platz zum Spielen für Fatima, keine Kontakte, nichts! Ich habe kein Verständnis dafür, dass man über 3.000 Euro für eine Familie bezahlt, ohne dass was Nennenswertes passiert. Das ist ein wahnsinniges Geld für ein 38-Quadratmeter-Appartement, dafür kann man ja eine ganze Villa mieten. Das Jobcenter schmeißt öffentliches Geld zum Fenster raus. Ich finde das alles so anstandslos, die Gier des Betreibers und die Geldverschwendung durch die Behörde. Diese Familie ist motiviert, sie will sich entwickeln, will, dass ihre Kinder sich entwickeln, aber sie bleibt auf der Strecke!“