„Das ist in jeder Diktatur so“

PARZELLEN Ein Vortrag über Vergangenheit, Zukunft und die politische Bedeutung von Kleingärten

taz: Was soll „Urbanes Ackern“ oder „Urban Gardening“ sein, Frau Meyer-Renschhausen?

Elisabeth Meyer-Renschhausen: Eine neue Bewegung für städtische Landwirtschaft, die es seit etwa zehn Jahren gibt.

Früher nannte man das einfach Schrebergärtnern, oder?

Es wäre schön, wenn wir noch Parzellen in den Städten hätten!

In Bremen gibt es da aber noch relativ viele ...

Ja, Nordwestdeutschland ist da in einer Gunstlage, aber auch die muss man verteidigen. Bremen hat zum Teil sehr gute Politik zugunsten der Schrebergärten gemacht. Aber in diesem entsetzlichen Globalisierungs- und Privatisierungswahn, den die Politik zur Zeit verfolgt, wird ein Ausverkauf der städtischen Grundstücke betrieben. In Berlin wurden fast alle innerstädtischen Gartenkolonien einer unverantwortlichen Liegenschaftspolitik geopfert, die alles verscherbelt. Zudem galten die Kleingärten den Linken nach 1968 als piefig und doof. Jetzt wird das durch die neue Gemeinschaftsgarten-Bewegung wieder etwas aufgewertet, man bemüht sich auch innerhalb der „Gartenfreunde“ gezielter um die Integration von Migranten oder soziale Projekte. Die Kleingartenvereine wissen, dass sie sich öffnen müssen, um sich gegen die unsägliche Ausverkaufspolitik wehren zu können.

■ ist Publizistin, Gartenaktivistin und Privatdozentin am Institut für Soziologie der FU Berlin.

Gibt es nicht vermehrt Familien, die Parzellen haben?

Ja, klar, weil wir alle hinter dem Computer festkleben und sinnliche Eindrücke fehlen. Zudem ist das eine Reaktion auf die wachsende Arbeitslosigkeit und Prekarität sowie ein Zeichen politischer Resignation. Die Leute ziehen sich ins Private zurück – das ist in jeder Diktatur so, ich erinnere an die DDR. Aber dieser weltweite Aufbruch, der darin steckt, ist sicher ein positives Signal.

Spielt in Zeiten von Niedriglöhnen, Altersarmut und Lebensmittel-Skandalen nicht auch die Frage von Selbstversorgung eine zunehmende Rolle?

Natürlich. Wer eine Rente von 600 Euro hat, kann davon sonst nicht leben. Und je eher man anfängt und übt, je eher bekommt man das auch hin. Das ist ja gar nicht so leicht.

Früher waren die Kleingarten-Kolonien oft auch eine Hochburg der Kommunisten.

Vor dem ersten Weltkrieg gab es schon einmal eine parteiübergreifende politische Bewegung für Bodenreformen und „Zurück zur Natur“. Heute entsteht offenbar wieder eine soziale Bewegung für Landreformen.

Gerade in Bremen waren Parzellen Orte, an denen man in der Stadt im Grünen wohnen konnte. Kommt das wieder?

Das darf ja heute offiziell nicht sein und ist vor allem ein Krisenphänomen. Aber das kommt ganz bestimmt zurück, davon bin ich überzeugt. Da werden wieder Kleinhaus- und Selbstversorger-Siedlungen entstehen, so wie jetzt schon in Griechenland. Interview: JAN ZIER

Vortrag, Bilder, Diskussion: 20 Uhr, Gästehaus der Uni Bremen, Teerhof