Hotel Orania und die Aufwertung

„Ich liebe den Widerspruch“

Gegen das Hotel Orania in Kreuzberg gibt es Proteste. Ein Gespräch mit dem Betreiber Dietmar Mueller-Elmau über Gentrifizierung – und die Freiheit der anderen.

Mueller-Elmau schaut aus dem Fenster seines Hotels.

„Mehr Kreuzberg geht gar nicht“: Dietmar Mueller-Elmau am Eckfenster des Hotel Orania Foto: Sebastian Wells

taz: Herr Mueller-Elmau, Sie haben im August das Hotel Orania Berlin am Oranienplatz eröffnet. Sie sagen, Sie passen bestens nach Kreuzberg.

Dietmar Mueller-Elmau: Mehr Kreuzberg geht gar nicht!

Das müssen Sie erklären.

Ich liebe den Widerspruch. Wenn ich irgendwo hinkomme, wo es keinen Widerspruch gibt, fühle ich mich nicht wohl. Wenn alle nur toll finden, was ich mache, ist mir das unheimlich.

Also haben Sie sich über die Proteste zur Eröffnung des Hotels gefreut?

Ich finde Widerspruch total gut, weil er eine Auseinandersetzung bringt. Aber es muss immer friedlich bleiben. Niemand darf bedroht werden in seiner Existenz. Die Freiheit des anderen ist die Grenze der eigenen Freiheit. Das ist die Grundlage unserer zivilisierten Gesellschaft. Wer das nicht akzeptiert, hat in dieser Gesellschaft keinen Platz.

Protestierende sagen, das Hotel führe zu Gentrifizierung und zerstöre Kreuzberg. Es gab eine Kundgebung, Plakate und Farbanschläge auf das Hotel, Scheiben wurden beschädigt.

Alles, was nicht Gewalt ausübt, finde ich okay. Die Frage, ob etwas am richtigen Ort ist, soll man debattieren bis zum geht nicht mehr. Wenn Leute aber uns, unsere Arbeit und unser Eigentum physisch bedrohen, wenn sie uns nicht das Recht zugestehen, anders zu sein als sie selbst, dann finde ich das nicht in Ordnung.

Wurden Sie persönlich bedroht?

Ja, es gab Plakate mit meinem Bild, auch mit einem Bild von meiner Frau. Dazu der Spruch: „Was nicht passt, wird passend gemacht.“ Das geht zu weit. Die, die das sagen, sind doch eigentlich auch gegen so eine aggressive Gleichmacherei. Indem sie uns die Existenzberechtigung absprechen, werden sie selbst zu Faschisten, das merken sie aber vielleicht gar nicht.

Die Plakate, die kaputten Scheiben, macht das etwas mit Ihnen?

Das ist ungewohnt, so etwas kannte ich bisher nicht.

Ihr Großvater hat das Hotel Schloss Elmau am Rand der bayrischen Alpen gebaut, als Rückzugsort der Bildungselite. Sie übernahmen es, 2015 fand dort der G7-Gipfel statt. Was haben Schloss Elmau und das Hotel am Oranienplatz gemeinsam?

Das kulturelle Engagement. In Elmau gibt es fast täglich Konzerte, Lesungen oder politische Debatten. Viele der Künstler, die dort auftreten, leben in Kreuzberg. Mit dem Hotel Orania Berlin bieten wir ihnen ein öffentliches Wohnzimmer, wo sie sich an den Flügel setzen und einfach spielen können, vor kleinem Publikum. Viele verschiedene Menschen treffen sich hier. Ich liebe die Vielfalt, die kosmopolitische Vielfalt. Alles ist immer Differenz. Das sehen Sie auch an der Einrichtung dieses Raumes: Wir haben sehr viele naturbelassene Materialien, viele verschiedene Sorten Holz aus aller Welt verwendet. Oder die Möbel: Der moderne italienische Designerstuhl passt eigentlich gar nicht zum indonesischen Sessel. Aber hier geht es. Vielfalt und Unangepasstheit ist unsere Trademark.

Der Stilbruch ist Ihr Stil?

Ja. Brüche schaffen Freiheit. Jeder soll so sein können, wie er ist, soll sich nicht anpassen müssen.

Dietmar Mueller-Elmau wuchs auf Schloss Elmau in den bayrischen Voralpen auf. Sein Großvater hatte das Hotel 1916 erbaut. Mit 18 Jahren verließ Mueller-Elmau das Schloss, ging nach Indien, Israel, in die USA. In München gründete er das Softwareunternehmen Fidelo, das Verwaltungsprogramme entwickelte für Hotels. In den 90er Jahren verkaufte er die Firma und investierte sein Geld in Elmau. 2005 baute er das Schloss nach einem Brand wieder auf und ist seitdem auch der Geschäftsführer. Mueller-Elmau hat sechs Kinder und ist 62 Jahre alt. (all)

Warum ist Ihnen das so wichtig?

Ich war schon als Kind ein Widerspruchsgeist. Schloss Elmau, das war eine Gemeinschaft von Gleichgesinnten. Sie verherrlichten die Natur und die Kultur, vor allem die Kammermusik. Das höchste Ideal war der Urlaub vom Ich. Man kam nach Elmau und erholte sich von der Welt und von sich selbst, man kam zur Stille. Stille ist ein schönes Ziel. Nur habe ich keine Lust, dass sie mir vorgeschrieben wird. Diese Zwanghaftigkeit, die störte mich. Für mich war Elmau ein Gefängnis, Feindesland. Ich habe Elmau als Kind sabotiert.

Wie denn?

Ich habe zum Beispiel bei einem Konzert des Amadeus-Quartetts, des berühmtesten Streichquartetts des letzten Jahrhunderts, den Strom abgestellt. Das war während der Kammermusikwoche, also das Sanctum Sanctorum in Elmau. Plötzlich wurde es dunkel im Saal. Ich hab die Sicherung mitgenommen und bin verschwunden. Das gab einen Aufruhr!

Wie haben Ihre Eltern reagiert?

Ich bekam Schlossverbot. Trotzdem habe ich es im Jahr drauf wieder gemacht. Damals war ich zwischen acht und zehn Jahren alt. Es gab immer Auseinandersetzungen. Das hatte auch mit meiner Mutter zu tun. Sie kam aus Curaçao und war ein Fremdkörper in dieser sehr deutschen Umgebung. Sie war eigensinnig, was die Leute denken, war ihr egal. Ich habe mich mit meiner Mutter solidarisiert und deswegen gegen alle anderen rebelliert.

Sobald Sie konnten, haben Sie Bayern verlassen?

Nach der Schulzeit habe ich ein Jahr in Indien gelebt, dort ist auch mein ältester Sohn geboren. Indien ist mein Zuhause. Es gibt drei Länder, denen ich mich sehr verbunden fühle, die sehr vielfältig sind. Neben Indien gehört Israel dazu und Amerika. Ich habe in München studiert, Betriebswirtschaft, Theologie, Philosophie, später dann Informatik in den USA.

Warum sind Sie nach Elmau zurückgekehrt?

Ich habe 1987 in München ein Softwareunternehmen gegründet, wir haben Verwaltungsprogramme für Hotels entwickelt. Nach dem Verkauf meiner Softwarefirma wollte ich eigentlich mit meiner Familie nach Amerika auswandern. Meinen Eltern zuliebe habe ich dann aber Elmau gepachtet und renoviert, ich wollte es als ihr Zuhause erhalten. Nach der Sanierung ist das Schloss 2005 abgebrannt, zum Glück passierte niemandem etwas. Als Kind hatte ich mir immer gewünscht, Elmau abzureißen. Nun musste ich es wieder aufbauen und habe die Mehrheit der Anteile übernommen. Ich wollte etwas schaffen, das einen anderen Genius Loci hat: Mein politisches Ideal ist nicht die Freiheit vom Ich, sondern die Freiheit des Ich.

Die Freiheit des anderen ist die Grenze der eigenen Freiheit. Das ist die Grundlage unserer zivilisierten Gesellschaft.Wer das nicht akzeptiert, hat in dieser Gesellschaft keinen Platz

Schloss Elmau ist ein Luxushotel. Wie frei ist man da? Gibt es keinen Dresscode?

Wenn, dann ist der Dresscode Chaos. Beim Konzert, beim Essen, es gibt keine Homogenität. Wenn die Leute etwas gemeinsam haben, dann vielleicht einen Sinn für Ästhetik. Sie kommen aus der ganzen Welt. Das Publikum in Elmau ist sogar heterogener als hier in Kreuzberg. Ein Drittel unserer Gäste sind Kinder. Die durchbrechen jede Art von Hierarchie, jede Art von Gruppe. Das liebe ich, so ein Hotel wollte ich immer.

Eine gewisse soziale Homogenität muss es schon geben. Laut Homepage kostet eine Übernachtung für zwei Personen 600 bis 1.000 Euro.

Das günstigste Zimmer kostet 200 Euro, mit Essen, Konzerten, Spa und allem drum und dran.

Viele können auch so einen Preis nicht bezahlen.

Ja. Ich beschäftige aber auch 350 Leute und muss jeden Monat eine Million Euro für die Gehälter bezahlen. Die Frage setzt falsch an. Es kann sich auch nicht jeder die Zugfahrt nach Berlin leisten. Daran trägt Berlin aber keine Schuld.

Ich mache Ihnen keinen Vorwurf. Ich will nur das Bild der Vielfalt, das Sie zeichnen, relativieren.

Ja, es gibt eine beschränkte Vielfalt, wie an jedem anderen Platz auf der Welt. Wir sind keine Sozialeinrichtung, wo jeder umsonst hinkann. Trotzdem ist die Vielfalt in Elmau größer als in Kreuzberg.

Inwiefern?

In Kreuzberg gibt es einen Druck zur Konformität. Ein grüner Politiker darf nicht in unser Restaurant kommen, wenn er sich das nicht vorher hat genehmigen lassen von bestimmten Leuten. Auch von Geschäften in der Ora­nien­straße höre ich, dass ihnen gedroht wurde, wenn sie etwas mit uns zusammen machen wollen. Diesen Druck zur Gleichmacherei, den haben wir in Elmau nicht.

Im August eröffnete Mueller-Elmau am Kreuzberger Oranienplatz das Hotel Orania Berlin. Das denkmalgeschützte Gebäude beherbergte früher ein Café, später C&A und stand zuletzt lange leer. Es gehört dem Anwalt Dietrich von Boetticher, Mueller-Elmau entwarf die Pläne und betreibt das Hotel. Es hat 41 Zimmer und einige Suiten. Eine Übernachtung kostet ab 130 Euro aufwärts, in den größeren Suiten ab 600 Euro. In einem der oberen Stockwerke hat Mueller-Elmau einen Literatursalon eingerichtet. Im Erdgeschoss gibt es ein Restaurant und eine Bar. Vor dem Eckfenster zum Oranienplatz befindet sich die Konzertbühne mit dem Steinway-Flügel. Ein Drittel der Belegschaft des Hotels wohnt selbst in Kreuzberg, ebenso wie der Geschäftsführer vor Ort und Chefkoch, Philipp Vogel. (all)

Macht es Sie bitter, dass Sie in Berlin nicht mit offenen Armen empfangen wurden?

Das stimmt ja nicht, wir haben eine überwältigende Zustimmung erfahren! Die meisten Leute sagen uns, dass es toll ist, was wir hier machen. Das Restaurant ist fast jeden Abend ausgebucht. Aber es gibt eine kleine Gruppe, die sehr militant ist und nicht davor zurückschreckt, zu Gewalt aufzurufen. Das ist Terror. Sie versuchen einzuschüchtern. Ich will da nicht kuschen.

Es gab nicht nur die militanten Proteste. Auch der grüne Baustadtrat von Friedrichshain-Kreuzberg, Florian Schmidt, hat kritisiert, das Hotel sei ein „Baustein der Gentrifizierungsdynamik“.

Ich finde unglaublich, wie Florian Schmidt sich verhält. Dieses ganze Projekt ist nur auf Drängen seines Vorgängers, ebenfalls ein Grüner, entstanden. Nun kommt Florian Schmidt kurz vor der Eröffnung rein und erklärt mir, wie toll er das Hotel findet, dass er es auch genehmigt hätte. Dann geht er zur Tür raus und sagt den Leuten das, was Sie gerade zitiert haben. Das finde ich unaufrichtig.

Mal abgesehen vom Stil: Verstehen Sie sein Argument?

Uns in einen Topf mit Immobilieninvestoren zu werfen, finde ich nicht fair. Wir haben niemanden vertrieben, das Gebäude stand leer. Wir haben nur das wieder aufgemacht, was hier vor hundert Jahren schon war: ein Café und eine Konzertbühne. Was wäre denn die Alternative gewesen, Leerstand wie in den letzten zehn Jahren? Will Schmidt lieber Büros? Ein Kaufhaus? Oder ein Billighotel? Das gibt es schon ein Stück weiter, die haben 200 Zimmer und 20 Angestellte. Wir haben 40 Zimmer und 60 Angestellte. Wir zahlen hohe Gehälter. Das Geld dafür müssen wir verdienen. Also müssen wir eine bestimmte Qualität bieten und einen angemessenen Preis verlangen.

Es gibt Leute, die sagen, sie hätten statt eines Hotels lieber etwas Gemeinnütziges gehabt.

Jetzt ist es ein sozialer Treffpunkt für Künstler geworden. Kommen Sie abends her und schauen, was hier los ist! Unser kulturelles Engagement ist gemeinnützig. Auf der Bühne, wo der Flügel steht, hätten wir Tische aufbauen können, um den Umsatz des Restaurants zu steigern. Wir betreiben das Hotel wegen der Kultur. Wir betreiben nicht die Kultur, um das Hotel zu füllen. Wir nehmen auch keine hohen Preise. Sie können hier superpreiswert gut essen.

Die Hauptgerichte kosten laut Speisekarte zwischen 20 und 30 Euro, das ist für Berlin nicht gerade günstig . . .

Sie können hier schon für 7 Euro essen. Wir müssen ja auch schauen, dass wir die Gehälter bezahlen können. Auf lange Sicht wird sich das Hotel für den Gebäudebesitzer hoffentlich rentieren. Aber wir gehen nicht davon aus, dass wir hier in den ersten Jahren Gewinne erwirtschaften, wir haben schließlich nicht shabby-chic gebaut. Das Hotel ist dafür auch viel zu klein. Achtsamkeit ist der einzige Luxus, den wir unseren Gästen bieten.

Wollen Sie sagen, Sie machen das Ganze nur aus Spaß an der Freude?

Nein. Wir wollen überleben und unsere Schulden zurückzahlen. Vor allem geht es mir persönlich dabei aber um die Kultur. In Elmau habe ich seit 1998 jedes Jahr vier oder fünf akademische Symposien organisiert, 1998 war ein Thema „Globalisierung ohne Migration?“, 1999 „Wagner im Dritten Reich“. Elmau war meine Privatuni. Kultur ist für mich intellektueller Gewinn.

Aber Sie und Ihre Familie leben auch gut von den Hotels.

Wir sind nicht abgesichert. Wenn Elmau nicht überleben sollte, verlieren wir alles. Wir können davon leben, aber wir leben bescheiden.

Kissen mit Elefantenmuster

Einfluss aus Indien, auch bei der Einrichtung. Foto: Sebastian Wells

Was heißt bescheiden für Sie?

Ich bin kein Materialist. Luxus ist für mich nicht, auf einem Segelboot im Mittelmeer herumzuschippern, sondern ein Leben zu führen mit guter Musik, mit guter Literatur, mit politischem Engagement.

Sie schätzen ja gerade die Vielfalt in der Kultur. Warum sagen Sie dann, dass im Hotel nur Berliner Künstler auftreten?

Stimmt, das passt eigentlich nicht. Der Grund ist: Wir wollten uns unterscheiden. In Berlin gibt es mehr Kultur als in jeder anderen Stadt, aber keine Bühne, wo nur Berliner Künstler auftreten. Wir wollen machen, was es so bisher nirgendwo gab, auch aus einer Wertschätzung heraus für die Künstler, die hier wohnen.

Sie wollen sich damit auch ein bisschen beliebt machen bei den Berlinern?

Nein. Als wir das entschieden haben, wusste ich gar nicht, was hier los ist. Ich lebe in der Welt dieser Musiker und bin mit vielen befreundet.

War Ihnen nicht bewusst, wie politisch aufgeladen der Oranienplatz ist? Bis 2014 wurde er noch von Flüchtlingen besetzt.

Das war, als die Bauarbeiten für das Hotel starteten. Ich war damals dafür, dass die Leute aus dem Flüchtlingscamp sofort eine Arbeitsgenehmigung bekommen. Wir beschäftigen auch Flüchtlinge im Zimmerservice. Das ist nicht einfach, schon wegen der Sprache. Aber wir wollen das. Ich fand auch absolut richtig, wie sich Merkel im Sommer 2015 verhalten hat, dass sie den Menschen in der Not geholfen hat. Das hat das Image von Deutschland weltweit dramatisch verbessert. Erst jetzt sind wir attraktiv geworden auch für die besten Fachkräfte. Aber zurück zum Oranienplatz: Kreuzberg war für mich immer vor allem ein kreatives Zentrum. Kreuzberg ist widersprüchlich, komplex, offen, kosmopolitisch, tolerant.

Freiheit bedeutet Ihnen viel. Darum geht es auch den Kreuzbergern, die gegen Gentrifizierung protestieren. Sie werden eingeschränkt in ihrer Freiheit, wenn sie nicht mehr selbst entscheiden können, ob sie hier weiter wohnen.

Das verstehe ich schon. Andererseits ist es ein komisches Argument. Ich kann ja auch nicht fordern: Ich will jetzt in Mitte leben, obwohl ich mir das nicht leisten kann. Wenn ich nicht Eigentümer bin, habe ich nicht das Anrecht zu sagen, ich will an diesem einen Platz für immer leben. Der Besitzer muss auch die Freiheit haben, sein Eigentum zu verwerten. Gewerbliche Mieter sind übrigens viel weniger geschützt als die Mieter einer Wohnung, da sollte etwas getan werden. Zwischen diesen beiden Freiheiten, der Freiheit des Mieters und der des Eigentümers, muss die Politik einen Kompromiss finden.

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