Im Dunkeln verloren

Bier zischt, Türen schlagen zu, Getöse: Der Weg nach „Solaris“ führt über das Ohr im Theater der Brotfabrik

Wenn Stanisław Lems legendärer Science-Fiction-Roman „Solaris“ in ein anderes Medium überführt wird, dann scheint das immer ein Experiment zur Folge zu haben. Andrei Tarkowski drehte eine Filmversion mit 32 Bildern pro Sekunde, Steven Soderberg versah die seine mit einer ausgeklügelten Farbdramaturgie. In der Bühnenfassung nun, die Regisseur Jonas Zipf jetzt in der Brotfabrik zeigt, wird es schwarz. Und die Fallhöhe zwischen der Vorlage und der Bearbeitung, die Inszenierungen nach den Stoffen von Lem schon fast traditionell zu Eigen haben und die zuletzt bei einem Festival im HAU zu sehen war, wird wieder einmal nicht eingeebnet.

Der Zuschauer wird von einer blinden Platzanweiserin im stockdunklen Theaterraum zu seinem Stuhl geführt. Orientierungslos starrt man dahin, wo das Stück nur für die Ohren spielt. Der Theaterabend wird zum Live-Hörspiel, das die „Solaris“-Geschichte ohne Abweichungen wiedererzählt: Da wird der Psychologe Kelvin auf eine Raumstation geschickt, die über dem titelgebenden Planeten schwebt. Von diesem scheint eine unheimliche Macht auszugehen, die die Fantasien der Besatzungsmitglieder Wirklichkeit werden lässt – Kelvin begegnet dementsprechend nicht nur zwei verwirrten Besatzungsmitgliedern, sondern auch seiner verstorbenen Frau.

Schön, wie einen trotz aller interstellaren Imaginationswelten die Geräusche von sehr alltäglichen Gerätschaften umfangen: Man hört einen Rasierapparat, das Öffnen von Bierdosen, zuschlagende Türen, Mikrowellenherde und ein Saxofon, dazu freundlicherweise auch ab und an futuristisches Getöse vom Band und die stimmig sphärische Musik von Paul Frick. Ein Soundwirrwarr, der dem Zuhörer neben der Entwicklung eigener Bildwelten im Kopf tatsächlich auch noch erlaubt, die Geschichte zu verstehen.

Leider bleibt die Idee, ein Theaterstück in völliger Dunkelheit stattfinden zu lassen, eindimensional: Die Regie beschränkt sich auf die Akustik und vergisst Haptik und Geruchssinn (wie wäre es mit Wassertröpfchen, Ventilatoren, Düften?). Lustig wäre vielleicht auch gewesen, auch die Figuren des Stücks in die Rabenschwärze des Raums zu werfen. Die aber agieren so, als könnten sie sich gut sehen – und machen „Solaris“ in der Brotfabrik zum reinen Hörspiel.

Man identifiziert die Charaktere, wenn sie sich im Staccato aus unterschiedlichsten Richtungen widersprechen, allein an der Betonung. Wenn die Schauspieler sich dabei auch mal auf ihre Stimmen verlassen und nicht versuchen, durch möglichst viel Lärm den eingepferchten Zuschauer am Einnicken zu hindern, entwickelt dieses Bühnenhörspiel durchaus starke Momente.

Lem beschreibt in seinem Roman den intelligenten Planeten, zu dem jede Kontaktaufnahme scheitert, in den schillerndsten Farben. Diesem Darstellungsproblem entzieht sich Regisseur Zipf beherzt, aber doch zu eindimensional durch vollkommene Lichtlosigkeit.