„Wir sind kein Aufräumtrupp“

ORDNUNG Ein Verein hilft Messies, ihre vermüllte Wohnung aufzuräumen und dabei ihr Leben in den Griff zu bekommen. Mit der Messie-Hilfe aus dem Fernsehen hat das nichts zu tun

INTERVIEW JULIANE WIEDEMEIER

taz: Herr Bernsen, Messies kennen viele nur aus dem Fernsehen. In Einrichtungssendungen werden sie dort in ihren vermüllten Wohnungen vorgeführt. Was halten Sie von diesen Formaten?

Jürgen Bernsen: Ich finde diese Sendungen aus zwei Gründen schrecklich: Zum einen werden Messies gern als einfach zu faul zum Aufräumen dargestellt. Dabei leiden sie unter einer ernst zu nehmenden psychischen Erkrankung. Die Unordnung, die sie in ihrer Wohnung halten, spiegelt eine Unordnung in ihrem Inneren wider. Ihr Messie-Verhalten ist also eine Art Pflaster für eine innere Verletzung, die etwa durch ein Trauma hervorgerufen wurde. Zum anderen suggerieren diese Formate, dass die Heilung im schnellen Aufräumen der Wohnung liegt. Dabei macht man es nur noch schlimmer, wenn man die Umgebung des Betroffenen erst innerhalb von ein paar Tagen komplett umkrempelt und ihn dann allein lässt. Wir helfen zwar auch beim Aufräumen – das kann aber je nach Schwere der Erkrankung bis zu eineinhalb Jahren dauern.

Wie genau muss man sich Ihre Arbeit vorstellen?

Derzeit betreue ich fünf Messies in ganz Berlin. Zweimal in der Woche gehe ich für zwei bis drei Stunden vorbei und helfe aufräumen – als praktische Ergänzung zur professionellen Arbeit eines Psychologen. Wenn ich neu bei jemandem bin, muss man sich natürlich erst mal kennenlernen. Ich schaue mir die Wohnung an, wir kommen ins Gespräch, und nach und nach baut sich ein Vertrauensverhältnis auf. Den Anfang für das Aufräumen lasse ich den Betroffenen finden. Er gibt auch den Takt für das weitere Vorgehen vor. Nur wenn ich einen Gefahrenherd sehe, etwa wenn Lebensmittel im Spiel sind, muss ich eingreifen. Wir sind kein Aufräumtrupp, sondern wir bieten Hilfe zur Selbsthilfe.

Worauf kommt es bei dieser Tätigkeit besonders an?

Wichtig ist, die Leute ernst zu nehmen. Was für uns nur ein herumliegendes Buch ist, das man mit einem Handgriff ins Regal stellen kann, ist für Betroffene eine Erinnerung. Das muss man respektieren. Man braucht viel Geduld.

Wie ist der Verein Freiraum Berlin Brandenburg entstanden?

Begonnen hat alles vor fünf Jahren als ein Projekt, das Arbeitslosen den Wiedereinstieg ins Berufsleben erleichtern sollte. Dadurch kam der Kontakt mit den Anonymen Messies als loser Selbsthilfestruktur zustande, und schnell wurde klar, dass dort Menschen waren, die Hilfe benötigen. Mit der fachlichen Unterstützung eines Vereins aus München, der sich schon seit 1990 um Messies kümmert, haben wir dann das Projekt aufgebaut. Seit 2008 gibt es den Verein Freiraum Berlin Brandenburg, der sich über Zahlungen vom Amt und der Betroffenen finanziert. Mit mir gibt es fünf Mitarbeiter, die alle Teilzeit arbeiten.

Wie sind Sie zu Freiraum gekommen?

Ich bin von Beginn an dabei. „Kannst du aufräumen?“, war meine Einstellungsfrage. Eigentlich komme ich aus der Pflege, später habe ich als Haushandwerker gearbeitet. Bevor ich bei Freiraum angefangen habe, hatte ich noch nie eine Messie-Wohnung gesehen. „Wohnen Sie hier?“, habe ich tatsächlich am Anfang einmal gefragt. Das war natürlich ein Fehler. Heute erkundige ich mich, ob ich die Schuhe ausziehen soll. Das ist eine Frage des Respekts. Deshalb versuche ich auch, keine Handschuhe oder einen Mundschutz zu tragen.

Gefällt Ihnen Ihr Job?

Er ist schon anstrengend. Man muss körperlich mit anpacken und gleichzeitig einen Blick auf den Menschen haben. Hinzu kommen oft erschwerende äußere Bedingungen: Es ist eng, es riecht. Andererseits ist es toll zu beobachten, wie sich mit der Zeit nicht nur die Wohnung verändert, sondern auch der Mensch, der sie bewohnt. Ich kann zusehen, wie Betroffene im Lauf der Zeit lebenslustiger werden, wie sie sich wieder trauen, Freunde einzuladen.

Gibt es neben den Hausbesuchen weitere Hilfen?

Wir vermitteln Kontakt zu anderen Hilfsangeboten – vom Anwalt, der sich im Sozialrecht auskennt, bis hin zum Psychotherapeuten. Darüber hinaus öffnen wir einmal in der Woche den sogenannten Ordnungsraum, den wir im Frei-Zeit-Haus des Bezirks in Weißensee einrichten durften. Dort finden Leute, die Probleme beim Ordnen haben, Platz und Atmosphäre, um sich ihres Papierkrams anzunehmen. Anders als bei ihnen zu Hause gibt es dort keine Unordnung, die sie ablenkt, sondern nur einen großen leeren Tisch und die nötige Infrastruktur wie Aktenvernichter oder Locher. Zudem treffen sie auf Leute mit denselben Problemen.

Wie kommen Sie überhaupt in Kontakt mit Betroffenen?

Einmal im Monat bieten wir eine offene Infoveranstaltung an. Allerdings ist der Leidensdruck meist schon sehr groß, wenn die Leute da hinkommen. Wer erkannt hat, dass er Hilfe braucht, ist innerlich schon einen weiten Weg gegangen.

Was passiert, wenn die Wohnung aufgeräumt ist und Ihre Besuche enden?

Wir versuchen, auch darüber hinaus den Kontakt zu halten. Alle drei Monate machen wir deshalb eine Kaffeerunde. Es geht schließlich nicht nur ums Aufräumen, sondern darum, die Ordnung auch zu halten – in der Wohnung wie im Inneren des Betroffenen.