Der neue WWF-Chef kennt den Wert der Natur

Pavan Sukhdev, der Pionier der „grünen Buchhaltung“, möchte das Verhältnis der Menschheit zu ihrem Planeten neu definieren. Bahnbrechende Studien

Sigmar Gabriel brauchte jemanden, der etwas von Geld und Umweltschutz verstand. Bei einem Treffen der G8-Umweltminister im Jahr 2007 in Potsdam hatten diese festgestellt, dass der Wert der Artenvielfalt unbekannt war. Diese Lücke sollte geschlossen werden. Daher ließ Gabriel nach einem geeigneten Chefautor für eine mehrjährige Studie suchen. Fündig wurden seine Berater schließlich bei der Deutschen Bank. Dort arbeitete Pavan Sukhdev, der für einige indische Bundesstaaten eine „grüne Buchhaltung“ entwickelt hatte.

Sowohl in Indien als auch global ist das Grundproblem das gleiche: „Leider benutzen wir in allen Ländern ein System der nationalen Buchhaltung, das den Wert der Ökosystem-Dienstleistungen nicht widerspiegelt“, sagt Sukhdev. Denn die Natur stellt uns Leistungen wie saubere Luft, sauberes Wasser oder fruchtbare Böden „kostenlos“ zur Verfügung – mit fatalen Konsequenzen: „Die Buchhaltung berücksichtigt den Wertverlust nicht, wenn wir Wälder verlieren, wenn wir Feuchtgebiete verlieren und wenn wir die Vielfalt der Natur verlieren.“ Ein Baum im Wald ist wertlos und findet erst dann Eingang ins Bruttoinlandsprodukt (BIP), wenn er gefällt und verkauft wird. Sukhdev wird nun Chef der Umweltorganisation WWF.

Die Studie mit dem Namen „The Economics of Ecosystems and Biodiversity“ (etwa: „Die wirtschaftlichen Aspekte von Ökosystemen und Artenvielfalt“) kam denn auch zum erwarteten Resultat: Wirtschaftliche Entwicklung wird oft mit Raubbau am Naturkapital erkauft. Die Studie schätzt, dass allein durch Waldverlust jedes Jahr Naturkapital im Wert von 2.000 bis 4.500 Milliarden Dollar zerstört wird. Das sind aktuell zwischen 2,6 und 6 Prozent des globalen BIP.

„Artenvielfalt ist kein Luxus für die Reichen, sondern eine Lebensnotwendigkeit für die Armen“, erklärt Sukhdev. Seine gute Nachricht: Mit jährlichen Investitionen von 45 Milliarden in Schutzgebiete lassen sich Ökosystem-Dienstleistungen im Wert von 5.000 Milliarden Dollar erzielen. Naturschutz rechnet sich.

Diese Sprache verstehen auch Politiker. Das will sich nun die Umweltorganisation WWF zunutze machen. Der WWF hat diese Woche Sukhdev zum nächsten Präsidenten erkoren. „Sukhdevs Kenntnis der Interdependenz von wirtschaftlichen und ökologischen Systemen verbindet sich perfekt mit dem WWF-Anspruch auf Wirkung“, sagt WWF-Geschäftsführer Marco Lambertini. Sukh­dev denkt dabei nicht klein: Es gehe darum, „das Verhältnis der Menschheit zu ihrem Planeten neu zu definieren“. Ob Buchhaltung oder nicht. Der Natur ist es egal, warum die Menschheit beschließt, den Raubbau zu be­enden. Wichtig ist nur, dass sie es tut.