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„Französische Version hat klarere Logik“

Foto: Tom Strohschneider

Thomas Kuczynski, 73, letzter Direktor des Instituts für Wirtschaftsgeschichte der Akademie der Wissenschaften der DDR, seit 1992 freischaffend tätig, u. a. als ­Autor für das Marx-Engels-Jahrbuch.

Interview Adèle Cailleteau

taz: Herr Kuczynski, was gibt es in der französischen Ausgabe des „Kapitals“, Band 1, das es in der deutschen nicht gibt?

Thomas Kuczynski: Marx hat insbesondere im Teil über Akkumulation faktisch vieles neu geschrieben. In der französischen Ausgabe wird die Unterscheidung zwischen Konzentration und Zentralisation des Kapitals eingeführt. Das hat dann Engels in der vierten deutschen Ausgabe von 1890 übernommen, vieles aber nicht. Zum Beispiel taucht der Begriff „outillage“ (Ausrüstung) nur in der französischen Ausgabe auf. Dies bezeichnet all das fixe Kapital ohne die Baulichkeit. In der französischen Ausgabe hat Marx auch die Logik und die Folgerichtigkeit stark verbessert.

Warum denn in der französischen Version?

Ich nehme an, dass es daran lag, dass er eine Übersetzung bekam, die sehr genau war. Marx hatte dann einen vollkommen fremden Text vor sich und konnte ihn genauer und kritischer betrachten. Wenn man seinen eigenen Text vor sich hat, überliest man vieles.

Warum hat dann Marx nicht selbst eine neue deutsche Version verfasst?

Er hatte schon viel mit dem zweiten und dritten Band zu tun, mit dem er auch nicht fertig geworden ist. 1881 schrieb er seinem Freund Danielson, dass er vorhatte, danach an dem vorliegenden Band zu arbeiten. Nach dem Tod seiner Frau 1881, hat er fast nichts mehr getan.

Wie haben Sie praktisch an dieser neuen Ausgabe gearbeitet?

Ich habe mit der vierten deutschen Ausgabe von Engels angefangen. Dann bin ich zur dritten, zweiten und ersten Ausgabe zurückgegangen. Ich habe sie genau verglichen und die Unterschiede notiert. Dann habe ich mir die französische Ausgabe angesehen und aus den verschiedenen Versionen habe ich eine eigene komponiert. Weil ich den Leser nicht noch einen dritten Stil zumuten wollte, habe ich Engels in die Fußnoten verbannt.

Woher kam die Idee, den Vergleich mit der französischen Version zu machen?

Die Idee ist im Marx-Engels-Institut in Moskau 1930–31 entwickelt worden. Zwei deutsche Mitarbeiter haben die Frage aufgeworfen, ob man nicht eine „Volksausgabe“ auf der Basis eines Vergleichs der deutschen und französischen Ausgabe erstellen sollte. Diese Fragestellung ist in den Archiven dokumentiert und wurde 1997 publiziert. Das war im Grunde der Ausgangspunkt. Ich hatte die Illusion, dass doch vieles im Deutschen vorliege, aber ich stellte fest, dass dem nicht so war.

Buchvorstellung und Diskussion über die neue Ausgabe von Marx’ „Kapital“, Band I: 19 Uhr, Museum der Arbeit, Wiesendamm 3