Ein Tanz aus Liebe

TANZTHEATER Durch Tanz aus den Problemen und dem Schmerz herauskommen und sie hinter sich lassen: In der Theaterwerkstatt Hannover zeigt Regisseur, Choreograf und Butoh-Tänzer Tadashi Endo in „Fukushima Mon Amour“ sein Mitgefühl für die Opfer der Reaktorkatastrophe in Japan tänzerisch

„Nach dem ersten Schock, als ich von der Reaktorkatastrophe in Fukushima erfuhr, war mir klar, dass ich mein Mitgefühl am besten mit Tanz zeigen kann.“ Tadashi Endo stand damals, im März 2011, kurz vor einem Auftritt in São Paolo – er entschied sich schließlich, doch zu tanzen. Vielleicht ist das ja bereits die Philosophie und der Butoh-Tanz, so wie der Ohno-Kazhuo-Schüler Endo ihn beschreibt: Durch Tanz aus den Problemen und dem Schmerz herauskommen, sie hinter sich lassen.

Nicht um die Leichtigkeit des klassischen Balletts geht es bei dem japanischen Ausdruckstanz mit den expressiven Handbewegungen, sondern darum, innere Bewegungen mit einer besonderen Bodenhaftung nach außen zu bringen, in ihrer Verschiedenheit, in ihrer Vielschichtigkeit.

Bei „Fukushima Mon Amour“, ist Endo zu Beginn mit einem Anzug bekleidet, als ob er aus dem Alltag heraus mit der Reaktorkatastrophe konfrontiert wird. „Ich kannte Fukushima aus meiner Kindheit. Meine Großmutter und Tante lebten dort. Ich war dort oft am Strand.“ Mit Meeresrauschen und Strand beginnt die Inszenierung in der Theaterwerkstatt Hannover. Dann verdunkelt sich alles. Das Ringen mit den inneren und äußeren Schatten beginnt. „Tanz ist ein Mittel, um Liebe zu zeigen. Für eine Situation, für die Menschen, die alles verloren haben. Für die Tiere, die sich selbst überlassen in Gruppen durch die Sperrzone irren.“ Hundegeheul. Bellen. Dann taucht langsam wieder das Leben aus dem 65-jährigen Tänzer und seinem trainierten Körper auf. Auch das am Boden liegende Mädchen, gespielt von Clara Aurora Speer, beginnt wieder zu leben. Dazwischen eine Welt, Welten von Gefühlen, die trotz der Bodenständigkeit traumhaft bleiben und lange nachwirken.

Die Regisseurin und Filmemacherin Doris Dörrie kam damals in einen von Endos Workshops. Er inspirierte sie zu „Kirschblüten Hanami“. Das nächste Projekt ist in Mexiko geplant. Da „Fukushima Mon Amour“ sich an den Filmtitel „Hiroshima, mon amour“ anlehnt und Hannover als Partnerstadt der japanischen Metropole firmiert, ist für Endo das Thema auch hier noch nicht erschöpft. BEATE BARREIN

■ Hannover: Sa, 27. 10., So, 28. 10., Fr, 2. 11. und So, 4. 11., je 19.30 Uhr, Theaterwerkstatt Hannover, Lister Meile 4