Können Automaten lügen ?

ANTI-PINOCCHIO In „Robot & Frank“ erzählt Jake Schreier von einem demenzkranken Meisterdieb, der versucht, seinen Pflegeautomaten zum Komplizen zu machen

In seinem neuen Filmessay „Mensch 2.0 – Die Evolution in unserer Hand“ zeigt Alexander Kluge auch den aktuellen technischen Stand der Robotertechnologie. Die Maschinen können zwar gerade einen fallenden Gegenstand auffangen und gegeneinander Fußball spielen, doch es wird schon darüber spekuliert, ob und wann sie etwa Pflegedienste für kranke Menschen übernehmen können. Genau hier setzt der Spielfilm „Robot & Frank“ an. Er hat dafür seine Geschichte ein paar Jahre in die Zukunft verlagert und löst diese filmische Verortung (oder besser „Verzeitung“) sehr ökonomisch dadurch, dass er in einer der ersten Sequenzen ein extrem schlankes, elektronisch betriebenes Zukunftsauto über eine Straße fahren lässt. Ansonsten werden einige Beispiele einer weiterentwickelten Unterhaltungs- und Kommunikationstechnologie vorgeführt, aber ansonsten sieht 2022 kaum anders aus als 2012. Vor allem gibt es aber inzwischen Roboter, die scheinbar fehlerlos die Pflege von kranken und alten Menschen übernehmen können. Diese ähneln sehr den in Japan entworfenen Prototypen, die in Kluges Kurzreportagen zu sehen sind, und im Abspann zeigt Schreier auch tatsächlich Dokumentaraufnahmen aus eben diesen Labors und Werkstätten.

Frank Langella spielt einen introvertierten Tatmenschen, dem das Ausmaß seines geistigen Verfalls langsam bewusst wird

Solch ein Roboter hat entfernt humanoide Formen, aber zu viel Ähnlichkeit wird gar nicht angestrebt, weil sie die Menschen eher irritiert und verängstigt, wie der Genre-Kenner längst aus Filmen wie „Bladerunner“ und „A. I.“ weiß. Der Pflegeautomat ist also ein weißer Kasten mit Kopf, Armen und Beinen. Und er wäre die ideale Hilfe für Frank, der allein in seinem Haus im ländlichen Vermont lebt und zunehmend verwirrt ist. Für seinen Sohn werden die regelmäßigen Besuche zu aufwendig und so stellt er seinen Vater vor die Alternative: Heim oder Roboter. Frank ist ein grummeliger Eigenbrötler, der einst ein berühmter Einbrecher war und immer noch nicht von seinem Laster lassen kann. Schreier inszeniert eine schöne erste Szene, in der sowohl die Persönlichkeit wie auch der Verfall von Frank eindrucksvoll auf den Punkt gebracht werden: Er bricht in sein eigenes Haus ein, ohne es zu merken.

Zuerst lehnt Frank den Roboter genervt ab, obwohl dieser wunderbar das Haus aufräumen und kochen kann. Doch dann findet er heraus, dass die Maschine zum einen sehr geschickt ist und zum anderen einen sehr auf seinen Aufgaben bezogenen Begriff von richtigem und falschem Handeln hat. Der Roboter hat nichts dagegen, Frank ein seinem kriminellen Handeln zu unterstützten, ja er kann sogar lügen, wenn es dem Heilungsprozess seines Schützlings dient. Hier hat der Drehbuchschreiber Christopher D. Ford ein moralisches Schlupfloch in den „Drei Gesetzen der Robotik“ gefunden, die vom Science-Fiction-Autoren Isaac Asimov formuliert wurden und seitdem als die Gebote für künstliche Intelligenzen gelten. Denn es sind nun mal nur drei und nicht zehn, und diese Diskrepanz lotet der Film intelligent und mit schwarzem Humor aus.

Doch Schreier erzählt hier auch vom Altwerden. Frank Langella spielt Frank als einen intelligenten, introvertierten Tatmenschen, dem das Ausmaß seines geistigen Verfalls in einigen intensiv gespielten Schlüsselszenen klar wird. Neben seinen beiden (von James Marsden und der immer schöner werdenden Liv Tyler gespielten) Kindern hat er nur noch Kontakt zu der Bibliothekarin des kleines Nachbarortes. Sie wird von Susan Sarandon mit einer sehr bewegenden zärtlichen Geduld verkörpert, und wie seltsam ihr diffuses Verhältnis zueinander ist, löst sich in einer einfühlsam geschriebenen und inszenierten Sequenz auf. Schreier bleibt auch dabei in seiner melancholisch getragenen Grundstimmung. Er hat sicher nicht zufällig im Herbst in den Wäldern der Ostküste gedreht.

Wie der Titel schon deutlich macht, steht die Freundschaft von Frank zu einer Maschine im Mittelpunkt. Und auch hier wird ein wenig weiter gedacht als in den meisten Science-Fiction-Geschichten. Fast immer wird den Maschinen so etwas wie „Seelenneid“ angedichtet. Dieser Pinocchio-Komplex macht die eben nur menschenähnlichen Wesen immer ein wenig zu tragikomischen Figuren, ein gutes Beispiel dafür ist der Android Data in der Fernsehserie „Raumschiff Enterprise“. In „Robot & Frank“ wird dies als eine Projektion deutlich gemacht. Der Roboter bleibt etwas grundsätzlich anderes als der Mensch. Wenn man dann aber doch erschreckt, wenn er einfach abgeschaltet werden soll, ist dies einer von den subtilen kleinen Schlenkern, mit denen der Film gespickt ist.