FC St. Pauli gegen sexistische Werbung

Susi lässt die Puppen weiter tanzen

Der FC St. Pauli verbietet sexistische Werbung, hält aber an Tänzerinnen fest. Die Brauerei Astra will sich an die neuen Regeln im Stadion halten, aber ihre Kampagnen fortführen

Leuchtreklame von Susis Showbar an der Großen Freiheit in Hamburg.

Betreibt im Millerntor-Stadion ein Separee mit Table-Dancerinnen: Susis Showbar Foto: dpa

HAMBURG taz | Der Fußballverein FC St. Pauli verbannt sexistische Werbung aus dem Millerntorstadion. Die Nahaufnahme auf den leicht bekleideten Oberkörper einer Barfrau, die ein Bier auf Brusthöhe hält, mit dem Spruch „Danach leckst du dir die Finger“ will der Verein seinem langjährigen Sponsor, dem Bierhersteller Astra, nicht mehr durchgehen lassen. Gemeinsam mit der Organisation Pink Stinks hat St. Pauli „Regeln für Kommunikation ohne sexistische Kackscheiße“ aufgestellt. Werbung solle Menschen nicht als sexuelle Gebrauchsgegenstände darstellen, heißt es im zugehörigen Flyer. Leicht bekleidete Tänzerinnen dürfen im Stadion aber trotzdem weiter auftreten.

Konkret geht es dabei um ein sogenanntes Separee des Stadions. Verschiedene Firmen haben solche Logen gemietet, darunter die Sponsoren Astra und Under Armour – sowie Susis Showbar, ein Stripklub vom Hamburger Kiez. Dort wird laut St.-Pauli-Sprecher Christoph Pieper in der Halbzeit und nach den Heimspielen getanzt. „Bei den Tänzerinnen handelt es sich um selbstbestimmte Sexarbeiterinnen, die bekleidet in einem Raum entertainen und dafür bezahlt werden“, sagt Pieper. Öffentlich einsehbar sei das Separee nicht.

Carmen Zakrzewski vom Landesfrauenrat in Hamburg kritisiert die Tanzshows trotzdem als sexistisch. „Statt ihre Klientel mit leckeren Speisen oder Cocktails anzuziehen, locken sie sie mit den Frauen“, sagt Zakrzewski. St. Pauli sei Nutznießer dieser Vermietung. Wenn sich der Verein einerseits gegen sexistische Werbung stelle, andererseits aber die Halbzeittänze dulde, wirke ersteres wie ein Marketinggag. „Dann sollten sie auch konsequent sein.“

„Tabledance gehört nicht ins Stadion“

Tilman M. Braun vom Fanklubsprecherrat des Vereins ist froh darüber, „dass sich das neue Präsidium beim Marketing richtig reinkniet, um Dinge zu verändern“. Das Separee stört auch die organisierten Fans: „Wir finden das nach wie vor scheiße und hätten den Tanz am liebsten ganz raus aus dem Stadion“, sagt Braun.

Durch die Zusammenarbeit mit Pink Stinks könne man nun auch das Verhalten der Mieter in den Separees neu bewerten. „Im Stadion sollte man sich vor allem auf Fußball konzentrieren“, sagt Braun. „Events wie Tabledance gehören nicht ins Stadion – genau wie sexistische Werbung.“

Der FC St. Pauli und Pink Stinks haben die folgenden Werbegrundsätze für sexistisch erklärt:

Werbung, die Menschen als sexuelle Gebrauchsgegenstände darstellt.“ Das sei schlimmstenfalls eine Aufforderung zur sexuellen Nötigung.

„Werbung, die Menschen aufgrund ihres Geschlechts bestimmte Rollen zuordnet. Beispiel im Flyer: Eine Kräuterbrausewerbung mit dem Spruch: „Auch Männer haben Gefühle: Durst.“

Werbung, die ein generelles geschlechtsbezogenes Über-/Unterordnungsverhältnis darstellt.“ Kniende Frauen, die am nackten Sixpack eines Mannes lecken, um für Heizungspumpen zu werben.

Wenn Werbepartner gegen diese Grundsätze verstoßen, will St. Pauli im Stadion mithilfe des Hausrechts einschreiten.

Die Organisation Pink Stinks, die eine Meldestelle für sexistische Werbung betreibt, hält sich bei der Frage nach den Tänzerinnen zurück. „Sexismus und Sexarbeit sind nicht das gleiche“, sagt Mitarbeiter Nils Pickert. Auslöser für die Zusammenarbeit mit dem FC St. Pauli war im vergangenen Jahr die Werbung eines Autohauses mit der Aufschrift „Nix für Pussys“.

Daraufhin hat sich St. Pauli mit Pink Stinks zusammengesetzt und die Regeln für Werbung erarbeitet. „Es spricht nichts dagegen, in der Werbung mit Nacktheit zu spielen“, sagt Pickert. Es müsse aber einen Zusammenhang zum Produkt geben: Werbe eine Frau in Unterwäsche für einen BH, sei das okay. Werbe sie in Unterwäsche für einen Sessel, nicht.

Pink Stinks hat bei Sponsor Astra einige sexistische Plakate gefunden. Der Bierhersteller hat zugestimmt, dass diese in dem Flyer mit den neuen Regeln auftauchen – darunter die oben beschriebene Brust-Bier-Kombi oder ein Plakat, auf dem über einem Frauenpo der Spruch „Neu: Der Astra Tatsch-Screen“ steht. „Das geht klar in den übergriffigen Bereich“, sagt Pickert.

Astra will „Zeitgeist“ Rechnung tragen

Auch Astra gibt sich bei diesem Plakat geläutert. „Mit so einem Plakat würden wir heute nicht mehr an die Öffentlichkeit gehen“, sagt Astra-Sprecher Christoph Boneberg über die Werbung von 2008. Falsch findet er es trotzdem nicht. „Der Zeitgeist hat sich geändert. Damals hat das Wortspiel zur Kampagne gepasst.“

Die Bilder für den Flyer habe das Unternehmen freigegeben, um sich der Diskussion zu stellen. „Das heißt nicht, dass wir immer zustimmen.“ Ob etwas als sexistisch empfunden werde, sei sehr subjektiv. Astra selbst bewerte etwa das Plakat mit der Oberkörper-Nahaufnahme nicht als sexistisch. „Es ist nie unser Anliegen, sexistische Werbung zu machen, sondern Werbung mit einem Augenzwinkern“, sagt Boneberg.

Auch wenn man sich im Stadion an die Vorgaben von St. Pauli halte, die Art der Werbung werde sich nicht komplett verändern, sagt Boneberg. „Wir werden unsere Agentur in ihrer Kreativität nicht durch Vorgaben einschränken – die Filter in der Kreation werden erst am Schluss gesetzt.“

Pickert von Pink Stinks hofft, dass andere Fußballvereine nachziehen und sexistische Werbung ebenfalls aus ihren Stadien verbannen. „Wir hoffen, dass das Pilotcharakter hat.“

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