Integrationskurs für Sehbehinderte

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Bremen startet einen Integrationskurs für Blinde und Menschen mit Sehbehinderung. Wie viele Menschen darauf angewiesen sind, wird nicht ermittelt.

Lehrerin mit blindem Flüchtlingsjungen

Besonderer Aufwand: Schreibenlernen für Blinde Foto: Caroline Seidel

BREMEN taz | Nach einem Jahr in Bremen immer noch ohne Blindenstock: Diese Situation einer blinden geflüchteten Frau aus Bremen, von der ein Mitarbeiter des Landesbehindertenbeauftragten berichtet, steht exemplarisch für die Kritik des Instituts für Menschenrechte, der zufolge es ein Versorgungsdefizit für geflüchtete Menschen mit Behinderungen gibt. Ein Schritt nach vorne ist der diese Woche im Paritätischen Bildungswerk (PBW) Bremen anlaufende Integrationskurs für Blinde und Menschen mit Sehbehinderungen.

Die Kosten für den Kurs übernimmt das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf). Bärbel Schmidt vom PBW erklärt, dass sich die „horrenden Summen“ für den Kurs nicht nur mit dem speziellen Lehrmaterial erklärten, sondern auch mit den Fahrtkosten: ein Großteil der Teilnehmer*innen müsse mit dem Taxi kommen.

Zu den speziellen Unterrichtsmaterialien gehört unter anderem die Braille-Zeile. Das ist ein Gerät, das mit dem Computer geschriebene Schrift in Punktschrift überträgt und so für Blinde lesbar macht. So etwas koste rund 5.000 Euro, sagt Julia Baaske von der Bundesakademie für Integration und Teilhabe in Hannover, die ab März ebenfalls einen solchen Kurs anbietet. Diese Geräte sind unverzichtbar, wenn es um Kurse geht, die auch auf das Berufsleben vorbereiten sollen.

Nach Aussage des Bamf gab es 2016 und 2017 Kurse für Blinde und Sehbehinderte in vier anderen Bundesländern. Die Teilnehmerzahl habe sich in letzter Zeit deutlich erhöht. In Hamburg seien mehrere parallel laufende Kurse geplant. Dem Bamf zufolge gibt es keine Anhaltspunkte dafür, dass der Bedarf das Angebot übersteigt.

Nicht systematisch erfasst

Aus Sicht von Bernd Schneider, dem Sprecher der Bremer Sozialsenatorin Anja Stahmann (Grüne) zeigt der nun startende Kurs, dass es im Bereich der Integrationskurse viele Verbesserungen gegeben hat. „Für bestimmte Zielgruppen gibt es aber noch einen großen Nachholbedarf“, räumt er ein.

Neben Gehörlosen und Menschen mit Sehbehinderungen gehörten dazu Menschen mit Lernbehinderungen, denn auch für diese gebe es in den normalen Kursen keine akzeptablen Lernbedingungen.

Das Deutsche Institut für Menschenrechte kritisierte erst in diesem Monat die Situation von Geflüchteten mit Behinderungen. In Deutschland gebe es nach wie vor kein einheitliches Verfahren zur Identifikation besonders schutzbedürftiger Personen, zu denen Menschen mit Behinderung zählten.

15 Prozent der Geflüchteten behindert

„Es ist wichtig, körperliche und Sinnesbehinderungen systematisch zu erfassen“, sagt auch Joachim Steinbrück, der Landesbehindertenbeauftragte Bremens. Obwohl man mittlerweile über 30.000 Info-Flyern für geflüchtete Menschen mit Behinderung verteilt habe, seien Beratungsangebote für sie immer noch zu wenig bekannt, kritisiert er.

Es gebe weitaus mehr als nur eine Handvoll geflüchteter Menschen mit Behinderungen, sagt Steinbrück. Viele hätten entgegen anders lautenden Vermutungen die Flucht auch mit körperlichen oder geistigen Einschränkungen geschafft.

Eine Vorbemerkung der Grünen in einer Anfrage an die Bundesregierung vom März 2017 bestätigt das: Demnach leben schätzungsweise 15 Prozent der Geflüchteten in Deutschland mit Behinderungen. Diejenigen, die fluchtbedingt an psychischen Erkrankungen litten, seien da nicht einmal eingerechnet.

Kursbeginn mit zweijähriger Verspätung

Aufgrund vieler bürokratischer Hürden startet der Kurs in Bremen nun mit zwei Jahren Verspätung. Mittlerweile sind jedoch alle Unterrichtsmaterialien angeschafft worden. Der Kurs, der diese Woche beginnt, soll ab März fest im Programm des PBW verankert werden.

„Wir haben jetzt eine gute Ausstattung, die wir hoffentlich lange nutzen können“, sagt Bärbel Schmidt. Abgesehen von den speziellen Anforderungen bei der Durchführung handele es sich um einen ganz normalen Integrationskurs, der nach 900 Stunden Unterricht mit dem Deutschtest für Zuwanderer (DTZ) abschließe.

Die Leitung übernehmen zwei Deutschlehrkräfte, der Kurs findet jedoch nicht im Bildungswerk, sondern im Verein für Blinde und Sehbehinderte in Bremen statt. „In der Vorbereitung steckt unendlich viel Arbeit“, sagt Schmidt und betont, dass der Kurs ein Pilotprojekt sei und das PBW bisher noch keine Erfahrungen in diesem Bereich habe. Deswegen sei es durchaus möglich, dass in einem halben Jahr manche Dinge verändert werden müssten.

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