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Zwei Leben mit wenig Außenwelt

Andreas und Martin, beide Anfang vierzig, sind ein ganz gewöhnliches Paar, von Andreas’ fast erwachsenem Sohn Max aus einer früheren Beziehung zur Kleinfamilie ergänzt. Sie leben in einer ostdeutschen Kleinstadt mit Kirchturm und Fachwerk und Sträßchen, sie macht einen ziemlich idyllischen Eindruck. Andreas ist Tischler, Martin ist im Auftrag einer Floristin viel unterwegs. Die beiden sind lange zusammen, man merkt es an den vertraulichen Gesten; und sie lieben einander noch sehr, man merkt es daran, wie Andreas Martin bei dessen längeren Abwesenheiten vermisst.

Man sieht Andreas in seiner Werkstatt, die Kamera zeigt ihn mit Geduld und handwerklicher Präzision. Martin sieht man zunächst nur per Skype. Es liegt eine schöne Selbstverständlichkeit darin, wie Regisseur Chris Miera ohne großes Erklären, im Vertrauen auf seine beiden großartigen Darsteller Mike Hoffmann und Mathis Reinhardt, diese Beziehung in wenigen Bildern und Szenen etabliert. Manches begreift man nicht gleich, nach und nach nur wird die finanzielle Bedrängnis sichtbar, in der sich die beiden immer wieder befinden.

„Ein Weg“ setzt ein, als Sohn Max die Familie verlässt. Damit sind die eingelebten Routinen gestört. Der eine würde gern mehr unternehmen, der andere bleibt lieber zu Hause. Die Störungen sind eher atmosphärischer Art, kein Drama, das ganz normale Auseinandergeraten zweier Leben, von deren Zusammengeraten der Film dann in einer langen Rückblende an den Anfang erzählt. Erst gegen Ende kehrt er zurück in die Gegenwart, man kann die beiden nun besser verstehen, was aber auch nur heißt, dass man besser begreift, wie wenig Andreas und Martin selbst sagen können, warum nun nicht mehr funktioniert, was davor lief, ohne dass man viel darüber reden oder nachdenken musste.

Auch in seinen Rückblenden – es folgt ein weiterer Sprung – sieht Miera genau hin, verzichtet auf große Bögen und kapitale Dramen. Und je genauer man hinsieht, desto genauer blickt der Film zurück. Er hat kein Problem damit, Lücken zu lassen. Die Kamera und der Film bleiben, wenn sie da sind, freilich immer nah bei den beiden, erst nach und nach fällt einem auf, wie wenig Außenwelt in diesem Film und auch in dieser Beziehung existiert. Sie sind einander ziemlich genug. Der Sohn kommt immer wieder ins Bild, aber sehr viel erfährt man nicht über ihn. Die Betreiberin des Blumen­ladens lernt man kurz kennen. Eine junge Frau, der einzige Lehrling, den Andreas je hat, berichtet in einem knappen Gespräch von einer Partynacht und lässt durchblicken, dass man in der ostdeutschen Kleinstadt schlechte Berufsaussichten hat.

Das alles ist eng, die Beziehung wie der Film, der sich ganz auf sie einlässt. Es wird aber nie klaustrophobisch, weil Freiräume bleiben. Schon die Kamera lässt immer, kaum merklich, ein bisschen Spiel, hat alle Ruhe der Welt, aber hält selten ganz still. Und auch Andreas und Martin bewegen sich hinaus, ins Freie, an die Ostsee, da sieht man die beiden am weiten Strand, sonst nur Wasser und Horizont. Es ist schön, wie der Film mit den beiden ein- und ausatmen kann, er schmiegt sich dieser intimen Beziehung beobachtend und mitfühlend an. Und besonders schön und erstaunlich ist, dass „Ein Weg“ der Abschlussfilm von Chris Mie­ra an der Filmuniversität Konrad Wolf ist. Man darf auf alles, was folgt, mehr als gespannt sein. Ekkehard Knörer