„Der
Pater familias hat ausgedient“

Die Kulturwissenschaftlerin Christina von Braun über blaues Blut, Gewinner-Gene und Vaterschaft als Fiktion

InterviewNina Apin

taz am wochenende: Frau von Braun, Ihre Studie „Blutsbande“ ist ein Grundlagenwerk über Verwandtschaftsbeziehungen. Was hat Sie daran gereizt, das Thema so umfassend zu bearbeiten?

Christina von Braun: In vorherigen Büchern habe ich mich mit Frauenrechten, Theologie und Geldwirtschaft beschäftigt. Das Thema Verwandtschaft führt diese Stränge zusammen: Die Entwicklung des Geldes und des Kapitalismus hängt sehr eng mit der Idee von Blutsverwandtschaft zusammen. Dieses Konzept gilt aber nur für westliche Gesellschaften. Eine Mehrheit der Menschen auf der Welt definiert Verwandtschaft nicht dadurch, dass dasselbe Blut in den Adern fließt. Sondern durch das Zusammenleben im gleichen Haus oder durch das Essen vom selben Herd.

„Blut ist dicker als Wasser“ ist eine Erfindung des Westens?

Ja, diese Entwicklung wurde durch die großen Schriftreligionen, Christentum und Judentum, forciert. Die Verwandtschaft regelt ja nicht nur Sozialbeziehungen, sondern auch Macht -und Eigentumsfragen. Da die Vaterschaft aber, rein biologisch gesehen, immer unsicher ist, wird Verwandtschaft schriftlich hergestellt: durch Geburtsurkunden, Abstammungsnachweise und anderes. Der Ethnologe Claude Lévi-Strauss hat Verwandtschaft mit der Sprache verglichen, die sich bis in den Körper jedes Mitglieds einer Gemeinschaft einschreibt. Im Fall der westlichen, christlich geprägten Gesellschaft ist eher die geschriebene Sprache ausschlaggebend. Was ich beschreiben will, ist, wie sich die Idee der Blutsverwandtschaft entwickelt hat.

Im Judentum wird die Abstammung von der Mutter her gedacht, im Christentum vom Vater her, ist das nicht ein fundamentaler Unterschied?

Das Christentum und das rabbinische Judentum entstanden beide im 1. Jahrhundert. Um dem Verlust des Heimatbodens zu kompensieren, erklärten die Rabbiner den mütterlichen Körper zur Heimat der jüdischen Gemeinde. Seitdem wird als Jude definiert, wer eine jüdische Mutter hat. Das Christentum übernahm aus den griechisch-römischen Traditionen die Patrilinearität, also die Abstammung über die väterliche Linie. Allerdings dachten sich die Griechen und Römer das Vater-Sohn-Verhältnis als eine geistige Abstammung. Bei den Römern galt ein adoptierter Sohn sogar mehr als die leiblichen Kinder. Das Christentum entwickelte eine eigene Blutslogik aus der Theologie: Es gab das sakrale Blut der Passionsgeschichte, das Unsterblichkeit symbolisiert, und das weltliche Blut aller Sterblichen. Aus der Vorstellung, dass Christus eine göttliche und eine menschliche Natur habe, wurde das Königtum abgeleitet. Daraus entwickelt sich weiter das Konzept des Adels als mit einem besonderen Blut ausgestattete Kaste.

… das berühmte blaue Blut!

… ein Blut, das dem Adel Privilegien sicherte. Diese Vorstellung endet mit der Französischen Revolution – doch die Idee der Blutsverwandtschaft geht weiter. Das Bürgertum fängt an, Stammbäume anzulegen, und führt die Idee fort. Auf der anderen Seite verstärkt sich auch die Vorstellung einer kollektiven, nationalen Blutsverwandtschaft, die im Rassismus ihren deutlichsten Ausdruck findet.

Sie zeigen in Ihrem Buch, dass, was wir als Natur anzusehen gewohnt sind, in Wirklichkeit Kultur ist. So musste das Blut dafür herhalten, Frauen klein zu halten, andere Völker zu dominieren – oder die Reinhaltung eines „Volkskörpers“ zu begründen …

Den sicheren Vaterschaftsnachweis gibt es erst seit 1984, mit dem genetischen Fingerabdruck. Bis dahin beruhte Vaterschaft auf einer Vermutung. Diese Fiktion wurde durch schriftliche Dokumente wie Eigentumsrechte oder Gesetze in der sozialen Realität verankert. Ich nenne deshalb die väterliche Blutslinie, die ausschließlich auf der Schrift beruht, „Rote Tinte“.

Mit der Fiktion ist es jetzt vorbei. Oder?

Nicht ganz: Der alte Blutsmythos wird auf die Genetik übertragen. Wenn Donald Trump davon spricht, was er seinen „winning genes“ und seinem „good German blood“ verdankt, sagt er, dass sein sozialer Status in seinem Körper angelegt ist. Zur Zeit entsteht ein neuer, ein kapitalgebundener Feudalismus: Eliten berufen sich gern auf die Genetik. Die Vorstellung, dass ihnen etwas zusteht, weil es von der Natur mitgegeben ist und nicht aufgrund von Leistungen, ist der Versuch, soziale Unterschiede aufrechtzuerhalten.

Die Geschichte zeigt, dass Machtstrukturen überwindbar sind. Im Fall der Gleichberechtigung von Frauen sehen Sie die Biologie als Faktor des Wandels. Inwiefern?

Die Biologie entdeckt ab dem späten 18. Jahrhundert den Eisprung, das Verschmelzen von Samen und Ei. Immer klarer wird, dass nicht der Vater seinen „geistig-göttlichen“ Samen in das „Gefäß“ der Mutter gießt – sondern dass beide sich zu gleichen Teilen in ihrem Nachwuchs fortsetzen. Das Entdecken der biologischen Erblichkeit geht also Hand in Hand mit der allmählichen ökonomischen Gleichberechtigung der Frau. Dahinter steht auch der Aufstieg des Kapitalismus. Deutlich wird das am Vokabular des 19. Jahrhunderts: Erbe, Anlage, die menschliche Fortpflanzung wird beschrieben wie Kapital, das weitergegeben wird. Parallel dazu wandert die Fortpflanzung ab ins Labor. Es entsteht erst die Eugenik, später die Genetik und schließlich die Reproduktionsmedizin. Parallel dazu entsteht die Sexualwissenschaft, die einen eigenen, vom Fortpflanzungstrieb unabhängigen Sexualtrieb postuliert. Das ist der Moment, in dem die sexuelle Identität beginnt, fließend zu werden. Ein Prozess, der in der „Ehe für alle“ kulminiert.

Was wir für supermodern halten, hat also einen langen Vorlauf?

Ja, viele der kulturellen Praktiken, die heute als neu angesehen werden, begannen schon im 19. Jahrhundert. Das Zusammenleben in Patchworkfamilien ist als soziale Normalität lange eingeübt. Deshalb wurde die De-facto-Gleichstellung des Patchwork-Familienmodells, ebenso wie jetzt die Etablierung der Homo-Ehe, bereitwillig aufgenommen.

Es gibt aber auch erbitterten Widerstand von extremen Traditionalisten. Sind das bloß noch Rückzugsgefechte?

Die Anhänger der patrilinearen Fraktion stehen auf dem Boden von Ideologien. Aber sie haben weder die Reproduktionsmedizin noch die Genetik hinter sich. Schließlich ist die heutige Vielfalt der Geschlechterrollen ein Produkt der Reproduktionsmedizin. Wollte man das rückgängig machen, müsste man das Rad der Wissenschaft zurückdrehen.

Sie beschreiben viele neue Verwandtschaftsbeziehungen, die sich aus dem technischen Fortschritt ergeben: Leih- und Tragemütter, Eizellenspende, Zeugung über die Genera­tions­grenzen hinweg. Birgt das nicht auch Gefahren?

Ich stelle nur dar, was möglich ist. Persönlich habe ich schon Probleme mit einigen Entwicklungen. Etwa der, dass nur, wer es sich leisten kann, ein Kind bekommt. Dass eine neue Dienstbotenklasse entsteht, die die Kinder der ökonomischen Gewinnerklasse austrägt. Interessant ist aber, dass ausgerechnet die, die ihren Status von den Genen ableiten, oft auch neue Familienmodelle ablehnen. Dahinter steckt Angst: OECD-Studien zeigen, dass sowohl in den USA als auch in Europa die soziale Mobilität stagniert. Deshalb werden soziale Gruppen wie Schwule, die jetzt Familien gründen können, oder Transpersonen, aber auch Migranten, zur Bedrohung. Sie werden bekämpft, weil sie die Vorstellung in Frage stellen, dass „die Natur“ die sozialen Klassen schon richtig gerichtet hat.

Man könnte auch zynisch sagen: Wenn wenigstens Mobilität im Geschlechtlichen stattfindet, sind die Leute erst mal zufrieden.

Die Kritik, dass es um eine „Spielwiese“ geht, stimmt nicht ganz: Homosexuelle sind durch ihre Entkriminalisierung tatsächlich in die Mitte der Gesellschaft gerückt, haben auch höhere Einkommensgruppen erreicht. Insofern hat die geschlechtliche Mobilität auch soziale Folgen gehabt. Es gibt aber noch einen Faktor, der mich optimistisch stimmt: Die Neurobiologin Ruth Feldman hat schwule Väter in Israel untersucht, die Kinder aufziehen. Bei diesen Vätern fand sie einen ähnlichen Bereich im Gehirn aktiviert wie sonst bei Müttern. Es zeigte sich, dass sich der „Aufmerksamkeitssinn“ auch bei Männern einstellt, wenn sie, bei Abwesenheit einer Mutter, die alleinige Fürsorge für den Nachwuchs übernehmen. Das heißt, die soziale Rolle verändert die Biologie! Forschungen wie diese zeigen, dass die angeblich unveränderbare Biologie eine Folge sozialer Verwandtschaftsdefinitionen sein kann – und nicht umgekehrt.

Der Vater als Hüter des Stammbaums hat ausgedient?

Bereits Ende des 18. Jahrhunderts begann, was der Sozial­anthropologe Jack Goody das „Zeitalter der kaputten Väter“ nennt. Die Familie ist zunehmend auf die Mutter als emotionales Zentrum ausgerichtet, die neuen Reproduktionstechniken tun ein Übriges. Das heißt, dass zeitgleich mit der Erfindung des sicheren Vaterschaftsnachweises die Ära des Pater familias endet. Der Vater hat also tatsächlich abgedankt – wenn er nicht bereit ist, auch die soziale Rolle zu übernehmen.