Autorin über Rassismuskritik

„Mit Anfängern rede ich nicht mehr“

Mit „Deutschland Schwarz Weiß“ schrieb Noah Sow ein Standardwerk. Ein Gespräch über den Diskurswandel der letzten zehn Jahre.

Noah Sow in Nahaufnahme

Autorin Noah Sow hält nichts davon, in rassismuskritischer Arbeit Harmlosigkeit zu signalisieren Foto: anatol kotte

taz: Frau Sow, 2008 ist Ihr Buch „Deutschland Schwarz Weiß“ erstmals erschienen. Inzwischen sehen es viele als deutsches Standardwerk zum Thema struktureller Rassismus. Wie wurde es damals aufgenommen?

Noah Sow: Das Feedback, das mich dazu erreicht, hat nach wie vor im Großen und Ganzen zwei Varianten: einige, die Gesprächsbedarf über ihr Leben und ihre Einstellung zum gesellschaftlichen Leben haben, und andere, die einfach nur mal danke sagen wollen. Anfangs empörten sich noch mehr Leute mir gegenüber. Auch vor zehn Jahren wurde in der Analyse von Rassismus im öffentlichen Diskurs um das Weißsein herumgeredet, um weiße Befindlichkeiten zu verschonen, sogar noch mehr als das heute der Fall ist. Nicht alle haben mein Buch gut verkraftet.

Wie hat sich der rassismuskritische Diskurs seitdem gewandelt?

Er hat sich insofern gewandelt, als dass wir, die von Rassismus negativ betroffen sind, inzwischen ein gutes Vokabular haben, unsere Erlebnisse und Politiken auszudrücken. Und es hat sich auch herumgesprochen inzwischen, dass in der Antirassismusarbeit gut gemeint nicht dasselbe ist wie gut gemacht. Außerdem scheint es immer mehr Menschen zu geben aus allen möglichen Positioniertheiten, die es geschafft haben, aus der Dauerschleife „hier geht es um mein Selbstbild“ herauszukommen, und die viel lernen und mitbewegen.

Dort hinzukommen fällt ja schwer, solange man in Abwehrdiskursen verstrickt ist. Und was mich besonders freut: dieser ganz naive und gleichzeitig freche Typus– die, die denken, sie könnten gar nicht rassistisch sein, weil sie in Afrika oder auf der Waldorfschule waren, Schwarze Familienangehörige haben oder die Grünen wählen – poltert inzwischen gefühlt nicht mehr ganz so laut, dreist und ahnungslos herum.

Welche Rolle hat Ihr Buch darin gespielt, Theorien wie Critical Whiteness aus der Akademie in den weniger wissenschaftsbezogenen Alltag zu holen?

Die Person: Noah Sow, geboren 1974, ist Autorin, Künstlerin, Musikerin, Dozentin, Aktivistin und Mitbegründerin der media-watch Organisation „der braune mob“. 2001 war sie Jurymitglied in der zweiten Staffel der Casting-Show Popstars, stieg jedoch frühzeitig aus. Mit ihrem Bandprojekt Noisaux veröffentlichte sie zwei Alben auf ihrem eigenen Plattenlabel Jeanne Dark Records.

Das Werk: „Deutschland Schwarz Weiß“ erschien erstmals 2008 bei C. Bertelsmann. Es folgten mehrere Taschenbuchausgaben. Nun erscheint das Buch in aktualisierter Neufassung im Eigenverlag.

Ich versuche eigentlich, mich von den herkömmlichen Akademien und Gesellschaftswissenschaften möglichst fern zu halten, weil die nämlich im Moment genau das Gegenteil machen: Erlebtes, verfasstes Wissen in einen Betrieb reinzubringen, in dem die Konsequenzen höchstens freiwillig sind. Befreiungswissen ist eine harte, existenzielle Verhandlung einer Gruppe, der bestimmte Rechte strukturell verwehrt werden. Wenn der Malte das an der Uni studiert und danach Chef im Antidiskriminierungsbüro wird, lief was falsch.

Nun haben Sie eine Neufassung veröffentlicht. Was ist in dieser Version neu?

Gegenüber bisheriger Printfassungen habe ich viele Änderungen und Ergänzungen vorgenommen. Zum Beispiel musste ich auf den medialen Backlash der sogenannten „Flüchtlingswelle“ eingehen. Weitere Updates sind u. a. beim Begriff „PoC“, in „Was ist Rassismus?“, „Das N-Wort“, „Weiße Eltern und Schwarze Kinder“, „Offene und getarnte rassistische Strategien“, „Institution Schule“, „Ethno-Lexikon“ und einigen Kapiteln mehr. Und ich habe ableistische diskriminierende Inhalte, die von mir selbst stammten, ersetzt, soweit ich sie identifiziert habe. Und endlich hat das Buch den Gender gap.

Damals erschien Ihr Buch bei C. Bertelsmann, nun im Eigenverlag. Was heißt das für Sie?

Die letzten Auflagen waren bei Goldmann erschienen. C. Bertelsmann hat das Projekt initial gemacht, wofür ich ihnen immer noch dankbar bin. Wer weiß an wen ich sonst geraten wäre. Und Goldmann hat danach die Taschenbuchrechte für Folgeauflagen erworben, weshalb ich mit denen jedes Mal diskutieren musste, wenn ich was ändern wollte. Das ist bei den Themen schon schmerzhaft.

In Zukunft kann ich theoretisch alles sofort ändern, worin auch eine Gefahr liegen kann, aber ich denke nicht, dass ich nachts um 12 direkt spontan hektisch neue Satzdateien erstellen werde, die ich dann am nächsten Tag bereue.

Vielen wäre es bestimmt lieber, das Buch wäre trockener, damit es sie emotional nicht so verwirrt

Viele Ihrer Texte haben eine humorvolle Ebene. Braucht es diese, um Debatten über Rassismus auch außerhalb negativ betroffener Communities fortzuführen?

Ich brauche Humor vor allem für die Debatte innerhalb unserer Communities und zugegeben auch zu meinem eigenen Überleben. Es stimmt, dass viele weiße Menschen entertaint werden wollen, um sich mit Rassismus freiwillig zu beschäftigen. Da ist das Praktische an „Deutschland Schwarz Weiß“, dass die Witze alle auf ihre Kosten gehen. Das war glaube ich damals der Tabubruch. Vielen wäre es bestimmt lieber, das Buch wäre trockener, damit es sie emotional nicht so verwirrt.

Übrigens halte ich nach wie vor überhaupt nichts von dem unempowerten Ansatz, in rassismuskritischer Arbeit Harmlosigkeitssignale auszusenden. Mein Humor ist gottlob alles andere als harmlos.

Wie schätzen Sie die Transferleistung US-amerikanischer Rassismusforschung in Deutschland ein?

Was die universitäre Forschung angeht: Der Transfer klappt nicht halb so gut wie es auf den ersten Blick scheint, weil vieles daran sogar dazu geeignet ist, unsere eigenen Diskurse zu verdecken oder zu überlagern. Und weil in den deutschen Hochschulen nicht einmal im Ansatz genügend qualifiziertes Personal vorhanden ist, diese Lehre verantwortungsvoll und differenziert, ohne grobe Verzerrungen, zu behandeln.

Was alles außerhalb der Unis angeht, dort gibt es viele fruchtbare Dialoge und im Moment ist die Aufgabe der Schwarzen deutschen Diskurse, sich von den US-amerikanischen und britischen zu emanzipieren. Wir können vieles gemeinsam machen und denken, aber nicht alles, und das Verhältnis muss auch stimmen.

Sie erklären in einem Kapitel, warum es keinen Rassismus gegen weiße Menschen gibt. Bekommen Sie den Vorwurf dennoch oft zu hören?

Mit Anfängern rede ich schon länger nicht mehr und kann das als performativ-didaktische Maßnahme allen nur total empfehlen. Bevor jetzt einige „überheblich“ schreien: Von Gesprächen, in denen ich zusätzlich zum Thema erst mal meine Subjektposition mitverhandeln müsste, habe ich wirklich nichts. Wer das noch nie erlebt hat, denkt bitte erst mal darüber nach.

Rassismus ist auch, „arrogant“ genannt zu werden, wenn man sich nicht erniedrigen lassen will, oder dass das Schaffen sicherer Räume als „separatistisch“ angesehen wird.

Rassismus gegenüber Schwarzen Menschen gibt es nicht nur von der weißen Mehrheitsgesellschaft, sondern auch durch People of Color – auch wenn es viele coole antirassistische Allianzen gibt. Die Schwarz-Weiß-Einteilung geht in diesem Fall nicht auf.

Das wird in „Deutschland Schwarz Weiß“ seit jeher an mehreren Stellen konkret behandelt, u. a. in „Wer ist Schwarz und wer ist weiß?“. Es ist wichtig, nicht in die Falle zu tappen, dass Rassismus ein Charaktermerkmal sei und es darauf ankäme, wer die Bösen sind. Davon, das herausgefunden zu haben, habe ich ja noch nichts. Viele verwechseln auch die Schuldfrage mit der strukturellen Verantwortung.

Rassistisch ist, wenn das Ergebnis zur strukturellen Benachteiligung führt. Einfacher verständlich wird es, wenn wir fragen: „Wem wird dadurch geholfen/wer wird dadurch bevorzugt?“ Darauf müsste dann meiner Meinung nach folgen: „Wie kann ich mithelfen, das auszugleichen?“

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