Wegen „südländischen“ Aussehens?

Edeka-Filiale wirft Lehrer raus

Eine Edeka-Filiale in Hannover hat einen Lehrer hinausgeworfen, obwohl der nichts gestohlen hatte. Der sieht darin eine rassistische Diskriminierung.

Dienstags Wurst, Freitags Rassismus? Der Edeka-Mark in Hannover Foto: Andrea Scharpen

HANNOVER taz | Wenn Samuel Thelen* an den Moment im Supermarkt zurückdenkt, steigt noch immer ein Gefühl von Scham und Wut in ihm auf. Am Freitag, den 23. März, wollte er nur schnell einen Bund Tulpen und eine Flasche Allzweckreiniger im Edeka in der Burgwedeler Straße in Hannover kaufen. Stattdessen sieht es sich an diesem Tag als Opfer einer rassistischen Diskriminierung. Edeka bestreitet das.

Thelen ist oft in dem Geschäft, weil sein Lebenspartner in der Nähe wohnt. In dieser Woche ist es das dritte Mal. Der Markt ist alt und eng, ein Backsteinbungalow. Vor dem Eingang stehen dicht an dicht Blumentöpfe für den Garten. Drinnen stapeln sich die Waren in den Regalen. Die Gänge sind eng. Überall liegt und steht etwas.

Thelen hatte keine Eile. Aber auf seinem Weg durch den Laden merkte er, dass ihm ein Mitarbeiter folgte. „Das hat mich ein bisschen nervös gemacht“, sagt der 27-Jährige. Er suchte nicht länger nach den Putztüchern, die er brauchte, und ging mit seinem Korb zur Kasse. „Im Mittelflur fing mich der Mitarbeiter ab“, erinnert sich Thelen. Der Mann habe ihm gesagt, dass er jetzt besser den Supermarkt verlasse.

„Ich war völlig perplex, weil ich gar nicht wusste, was der von mir wollte.“ Thelen öffnete seinen schwarzen Mantel, um zu beweisen, dass er nichts geklaut habe. Nach mehrfachem Nachfragen, was der Grund für den Rauswurf sei, habe der Mitarbeiter dann gesagt, Thelen habe die Taschen älterer Kunden ausgespäht, um sie zu bestehlen.

„Es war zutiefst unangenehm, weil das Gespräch mitten im Supermarkt vor allen Leuten stattfand“, sagt Thelen. Der Mitarbeiter habe sich nicht beirren lassen, mehrfach wiederholt, dass Thelen nun gehen solle und auch nicht darauf gehört, als Thelen ihm sagte, dass er verbeamteter Lehrer sei und kein Taschendieb. „Ich habe dann meinen Korb hingeworfen und bin gegangen“, sagt Thelen.

Doch damit war die Geschichte nicht vorbei. Denn der 27-Jährige holte sich Hilfe und kam mit seinem Lebenspartner und dessen Mutter wieder in die Filiale, um den Vorfall aufzuklären. „Es ist verleumderisch, mir zu unterstellen, ich würde alte Leute beklauen“, sagt er. Gerade für einen Lehrer seien solche Gerüchte gefährlich. Thelen unterrichtet Deutsch und Englisch an einer Gesamtschule in der Nähe von Hannover.

Thelen bohrte und bohrte. Er habe dann von den Mitarbeiter immer mehr Informationen darüber bekommen, was zu dem Rauswurf geführt habe. Zunächst habe es geheißen, dass er sich im Laden verdächtig verhalten habe. Der Sohn eines Ägypters und einer Deutschen ließ sich daraufhin die Videoaufnahmen im Büro der Filiale zeigen. „Man sieht darauf, dass ich an einem Einkaufswagen vorbeigehe, an dem eine Tasche hängt“, sagt Thelen. „Aber man sieht noch nicht einmal, ob ich die Tasche angucke.“

Samuel Thelen*

„Sie versuchen, das rassistische Unterteilen der Kundschaft zu legitimieren“

„Verdächtige Person“

Dann habe ein Mitarbeiter gesagt, dass schon eine Kollegin aus der Gemüseabteilung gemeldet habe, dass eine verdächtige Person den Laden betreten habe. „Da wurde ich aufmerksam“, sagt Thelen. Denn sein Verhalten könne am Eingang nicht der Auslöser gewesen sein, sondern nur sein Aussehen. Thelen hat dunkles Haar und einen dunklen Dreitagebart. Er trägt eine Brille und in der Nase einen silbernen Ring. Wer will, kann in Thelens Aussehen einen Migrationshintergrund hineininterpretieren.

Die Mitarbeiter haben später bestätigt, dass es ein Profil gebe, allerdings keine weiteren Details genannt. „Der wusste, dass er sich um Kopf und Kragen redet.“ Der Mitarbeiter habe sich zwar entschuldigt, gleichzeitig aber gesagt, dass Thelen Verständnis haben müsse. Man müsse eben bei einigen Kunden besser aufpassen. „Sie versuchen, das rassistische Unterteilen der Kundschaft zu legitimieren“, ärgert sich Thelen. „Den Fehler haben sie nicht eingesehen.“

Das werde auch daran deutlich, dass die Videoaufnahmen mittlerweile gelöscht worden seien, obwohl er darum gebeten habe, sie zu erhalten. „Wären belastende Dinge gegen mich darauf zu sehen, hätten sie die Aufnahmen nicht gelöscht, um sich selbst zu schützen“, glaubt Thelen.

Mit der taz wollte der Filialinhaber Halil A. tagelang nicht sprechen. Er schickte stattdessen eine Stellungnahme an die Edeka-Zentrale Minden-Hannover. Dort sieht man in dem Vorfall keine Diskriminierung. „Es war eine falsche Einschätzung eines Kundenverhaltens und somit lag auch kein böser Wille oder eine Absicht vor“, sagt Pressesprecherin Alexandra Antonatus. Die Mitarbeiter hätten sich mehrfach bei Thelen entschuldigt und in dieser Woche werde es ein persönliches Gespräch mit ihm geben. „Mehr kann man nicht tun“, sagt Antonatus.

Videoaufnahmen würden regulär nach einiger Zeit gelöscht. Zudem habe sie sich der Kunde ansehen dürfen. Die Fehleinschätzung des Mitarbeiters erklärt sie so: An dem Tag habe das Team bereits einen Taschendiebstahl verhindert. Deshalb seien die Mitarbeiter sensibler gewesen. Den Vorwurf, Thelen sei wegen seines Aussehens als verdächtig eingestuft worden, weist Antonatus zurück. „Wir haben keine Profile, nach denen Kunden bei Edeka beurteilt werden.“ Man halte sich nicht nur an das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG), der Filialinhaber habe einen Migrationshintergrund. „Der würde rassistische Diskriminierungen nicht akzeptieren.“

Immer wieder Fälle von Racial Profiling

Die Antidiskriminierungsstelle der Stadt kennt ähnliche Fälle in Hannover: In den vergangenen Jahren habe es mehrere Beschwerden über Racial Profiling durch Sicherheitskräfte in Kaufhäusern und Supermärkten gegeben, sagt Stadtsprecherin Michaela Steigerwald. Racial Profiling liegt vor, wenn eine Person aufgrund von Kriterien wie ethnischer Zugehörigkeit oder Religion als verdächtig eingestuft wird.

„Die Betroffenen fühlten sich auch in diesen Fällen bloßgestellt, drangsaliert und diskriminiert.“ Die Antidiskriminierungsstelle rät in einer solchen Situation, ruhig zu bleiben, sich nach den Namen der Beteiligten zu erkundigen, andere Kunden als Zeugen hinzuzuziehen und ein Gedächtnisprotokoll anzufertigen. Denn auf Basis des AGG können Betroffene gegen die Diskriminierung klagen und eventuell eine Entschädigung bekommen. Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes prüfe, ob das AGG angewendet werden könne, so Steigerwald.

Thelen will das Gespräch mit der Edeka-Zentrale abwarten, bevor er entscheidet, wie es weitergeht. „Gegebenenfalls werde ich weitere Schritte einleiten, wenn wieder nur so ein halbgares Abwimmeln dabei herauskommt.“ Bisher seien die Mitarbeiter in der Zentrale aber bemüht gewesen.

*Name geändert

.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben