Kolumne So nicht

Das Rauschen deutscher Dialekte

Grenzen und Beschränktheit beim Inselbesuch: Wer eine Reise tut, hört deutsche Mundarten in ungeahnter Diversität.

Das Meer brandet an Felsen.

Auf Inseln im Atlantik lernt man viel über Deutschland Foto: Imago/Joana Kruse

Wenn man eine Reise tut, kann man viel hören. „Isch soge mol so, de fünfundzwanzisch Fondes dätn misch schon inderessiern“, ist ein Satz, dem man beispielsweise auf einer Atlantik­insel begegnet. Überhaupt hört man oft weniger das Meer rauschen als das Rauschen deutscher Dialekte.

Diskussionen über Wanderwege, gleichzeitig auf Sächsisch, Schwäbisch und Hessisch geführt. Kommentare über das Bier, die Kartoffeln oder die Feststellung, dass die Wellen in Australien höher sind als hier, in verschiedenen deutschen Mundarten, die man in dieser Diversität höchstens noch am Ballermann oder am Deutschen Eck anzutreffen meint.

Man hört unfreiwillig am Frühstückstisch auf Schwäbisch, das sich eine Arbeitskollegin einen Seitensprung mit einem Ausländer erlaubt hat, oder man läuft auf einer Klippenwanderung hinter zwei Damen her, die auf Österreichisch über die vielen Serben und Kroaten in der Firma des Schwagers vom Nachbarn des Großonkels berichten und sich aufregen, dass die Ausländer „sogar schon“ die Leitung der Firma übernommen haben.

Viele der Bewohner der Atlantikinsel, mit denen man als Tourist so zu tun hat – Marktverkäufer, Taxifahrer, Barbetreiber – sprechen hingegen fehler- und akzentfrei Deutsch. Man ist hier außerdem sehr stolz auf seine Auswanderer. In kleinsten Bergdörfern gibt es Kneipen, die den Namen „Bar Emigrante“ tragen.

Denkmäler für berühmte Auswanderer

Leute, die von der winzigen Insel auswanderten, um Geld zu verdienen und es zurück auf die Insel schickten, wurden in ihren Geburtsorten Denkmäler gebaut. Kann auch sein, dass die Gönner sich die Denkmäler einfach selbst finanzierten.

So wie ein berühmter Fußballer, der kürzlich ein weltweit bestauntes Weltwundertor schoss und hier geboren und aufgewachsen ist und dem im Hafen der Hauptstadt ein Museum eingerichtet wurde, das gleichzeitig ein Hotel ist, das ihm gehört und das quasi wie ein Geheimtipp funktioniert, denn es heißt: CR7.

Selbst einem Ausländer, der nur hier auf der Insel landete, weil er sich aus niederen Gründen in die damalige Herrscherfamilie vom Festland einheiratete und von dem nicht mal klar ist, ob er überhaupt jemals auf der Insel war, wurde hier ein Museum eingerichtet. Gut, er gilt als Entdecker der Neuen Welt und heißt nicht Ali oder Slobodan, die bisher unsere Klos putzten und jetzt unsere Firmen übernehmen.

Paradies und Gefängnis

Der amerikanische Schriftsteller John Dos Passos, dessen Großvater von dieser Insel stammte, war nur zwei Mal sehr kurz hier. Trotzdem hat man auch ihm ein kleines Kulturhaus gewidmet. Und das, obwohl eines der nachweislich wenigen Zitate, die der Autor über diese Insel je gesagt hat, lautet: „Diese Insel ist Paradies und Gefängnis zugleich.“

Sich seiner Grenzen und Beschränktheit bewusst zu werden, ist sicher ein guter Grund für einen Inselaufenthalt. Viele der Inseltouristen halten sich aber für weltoffen, weil sie hier kein deutsches Bier trinken.

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seit 2008 Redakteurin der taz, seit 2012 taz.am Wochenende, davor Redakteurin bei „Jungle World“ und „Sport-BZ“

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