Der Nachlass von Günter Grass

Weit zerstreut

Der Nachlass von Günter Grass ist auf Stiftungen und Archive deutschlandweit verteilt. Auch in Bremen gibt es eine Stiftung. Diese hat mit Skandalen zu kämpfen.

Günter Grass sitzt auf einer Bühne hinter einem Tisch mit zwei Gläsern Rotwein.

Wollte eine Aufteilung seiner Archivalien: Günter Grass Foto: dpa

BREMEN taz | Günter Grass überforderte seine Mitmenschen, ob Freunde oder Feinde. Er überforderte mit seinen vielfältigen Fähigkeiten, die er in der Öffentlichkeit zelebrierte. Grass war Schriftsteller, bildender Künstler und begnadeter PR-Mann seiner politischen Ideen. Diese Dreifachbegabung hat endlos Spuren und Tüdelkram hinterlassen. Reichlich zerstreut ist all das auch noch drei Jahre nach dem Tod des Künstlers. Große Bestände lagern in Berlin, Lübeck, Göttingen und Bremen.

Dort, in Bremen, stehen die Günter-Grass-Stiftung und ihr Medienarchiv gerade in der Kritik. Unsichtbar sei ihre Arbeit, heißt es. Ein Veruntreuungsskandal ist da nicht gerade förderlich. Im Jahr 2014 wurde eine in der Kulturbehörde angestellte Literaturwissenschaftlerin auf den Geschäftsführerinnen-Posten der Grass-Stiftung ausgelagert. Ihre Abberufung erfolgte im Sommer 2017. Denn sie soll annähernd 24.000 Euro vom Stiftungsvermögen zum Begleichen privater Schulden abgezweigt haben.

Der Staatsanwaltschaft liegt ein entsprechender Strafantrag vor. Ein Gönner habe die fragliche Summe inzwischen der Stiftung erstattet und treibe diese nun als quasi privates Inkassounternehmen von der Beschuldigten ein, berichtet der Vorstandsvorsitzende der Stiftung, Klaus Meier. Was das Problem mit Grass zu tun hat? Nichts. Es ist nur der Gipfel der Negativschlagzeilen über die Bremer Institution.

Das mit der positiven Außenwirkung hatte auch vorher nicht wirklich funktioniert. 2004 wurde bekannt, dass der Bremer Bürgermeister der Günter-Grass-Stiftung, die von Unternehmern und der Stadt Bremen gegründet wurde, am Haushaltsausschuss des Parlaments vorbei eine halbe Million Euro zuführen ließ. Die Einrichtung sollte angeblich die Schmach von 1960 tilgen, als der Senat verhinderte, dass Grass für „Die Blechtrommel“ den Bremer Literaturpreis bekam.

Angesiedelt ist die Stiftung auf dem Campus der Jacobs-Universität, gut bestückt von öffentlich-rechtlichen Sendern mit Grass’ Lesungen, Reden und Sendungen über ihn. Ebenfalls vorhanden: in Bibliotheken, Literaturhäusern und bei Privatpersonen aufgestöberte Bilder, Videos, Schallplatten und Hörbücher sowie Masterbänder einiger Grass-Rezitationen mit Original-Versprechern. Die Digitalisierung der 4.000 Film- und Tonaufnahmen sei zu über 90 Prozent abgeschlossen, sagt Archivarin Sonja Wohllaib. Online einsehbar sind aber nur 22 Filmchen.

Angeblich besteht im Lübecker Günter-Grass-Haus Interesse, das Stiftungsarchiv aus Bremen zu übernehmen

Aktuell werde zu Forschungszwecken ein vom Bremer Start-up Spaactor entwickeltes Tool implementiert, mit dem nach gesprochenen Worten in Audio- und Videodateien gesucht und die Fundstelle sekundengenau angegeben werden kann. „Drei bis 20 Germanisten und Medienwissenschaftler kommen jährlich für ihre wissenschaftliche Arbeit vorbei“, betont Meier. Vom Jahresetat, würden unter anderem zwei feste Stellen und studentische Hilfskräfte bezahlt. „Das Stiftungskapital ist 780.000 Euro, auf dem Konto haben wir derzeit 850.000 Euro.“

Nachdem die Dauerausstellung und das Innenstadtbüro in der Stadtwaage geschlossen werden mussten, da das Gebäude verkauft wurde, findet die Stiftung im Kulturleben Bremens nicht mehr statt. Nur längst abgebaute Präsentationen sind auf der Website angekündigt. Die letzte Tagung wurde 2007 organisiert, die letzte Publikation liegt acht Jahre zurück und eine Vergabe des mit 40.000 Euro dotierten Albatross-Literaturpreises fand seit 2014 nicht mehr statt. Der Sponsor war abgesprungen, ein neuer ist bisher nicht gefunden.

Angeblich besteht nun im Lübecker Günter-Grass-Haus Interesse, das Stiftungsarchiv zu übernehmen. Der dortige Chef Jörg-Philipp Thomsa will, dürfe und werde zu dem heiklen Thema nichts sagen. Meier sagt nur, natürlich sei Lübeck eher eine Grass-Stadt als Bremen und eine Stiftung nicht abhängig von Personen und Orten. Derzeit werde die Standortfrage vom Vorstand und Kuratorium in einem „offenen Prozess“ diskutiert. Ein kompletter Umzug nach Lübeck sei ebenso möglich – wie die Neuaufstellung an der Weser als offenes Archiv.

Kein Ankaufetat in Lübeck

Im Lübecker Grass-Haus arbeiten Thomsa, eine Volontärin und ein FSJler. Seit 2002 kümmert sich das städtische Museum um die Dauerausstellung und Literaturveranstaltungen. Jährlich werden zudem drei neue Lübecker und diverse internationale Expositionen erarbeitet. Der Sammel-Fokus liegt auf dem bildkünstlerischen Werk. 1.300 Zeichnungen, Radierungen, Lithografien und Aquarelle, geschätzt ein Viertel des Bestandes, und etliche Plastiken wurden erworben oder als Geschenke angenommen. Das Haus in Lübeck hat keinen Ankaufetat, mit dem 200-köpfigen Freundeskreis aber Zugang zu Grass-affinen Mäzenen und Sponsoren.

Lübeck, so war Grass’ Wunsch, solle Dokumente aus den Jahren nach 1995 sammeln. Damals verlegte Grass sein Büro von Berlin in die Hansestadt und wohnte 25 Kilometer entfernt in Behlendorf. Materialien aus der Zeit davor hatte Grass als Vorlass für etwa eine halbe Million Euro an die Berliner Akademie der Künste verkauft, deren Präsident er von 1983 bis 1986 war.

Auf jedem der insgesamt 55 Regalmetern lassen sich 7.000 Blätter lagern. Das ist viel, aber bei Weitem nicht alles. Das 1970 in Paris aufgefundene Ur-„Blechtrommel“-Manuskript etwa hat das bayerische Literaturarchiv Sulzbach-Rosenberg erworben, über 20 Archivkästen zu Grass' Frühwerk lagern im Deutschen Literaturarchiv Marbach. „Das dezentrale Sammeln macht es für die Forschung nicht einfach, aber Grass wollte seine Archivalien gerne auf verschiedene Orte aufgeteilt wissen“, so Wolf.

Verlagsarchiv in Göttingen

Im Lübecker Grass-Haus residiert heute die Günter-und-Ute-Grass-Stiftung. Sozusagen die Erbengemeinschaft des Künstlers. Sie verwaltet das Vermögen, das Grass in sechs eigene Stiftungen gesteckt hat und beaufsichtigt diese, führt auch das traditionelle Literaturtreffen fort, finanziert die „Freipass“-Schriftreihe und vergibt einen Preis „von Autoren für Autoren“. Das Stiftungseigentum ist nicht digitalisiert und nicht einsehbar.

Die vierte große Grass-Stiftung wurde in Göttingen am 1. Januar 2018 vom Verleger Gerhard Steidl gegründet, der 1993 die Weltrechte an allen Grass-Werken erworben hatte und sie seither herausgibt. Dabei bewahrte er auch noch den letzten Notizzettel auf. Sein Verlagsarchiv umfasst auch Korrekturfahnen mit Anmerkungen, Manuskripte, Zeichnungen, Radierungen, Umschlagentwürfe, Schnappschüsse, Gesprächsprotokolle, Layoutstudien, Andrucke und Ausgaben in ungezählten Sprachen. „All meine Materialien habe ich in 60 prall gefüllte Container verpackt, versiegelt und in einer Lagerhalle verwahrt.“

Nun werden sie geöffnet. Er sei in Verhandlungen mit der VW-Stiftung, die drei bis fünf Jahre einen Archivar bezahlen soll, der die Konvolute erfasst, wissenschaftlich aufbereitet, digitalisiert und online stellt. Dafür hat Steidl das 700 Jahre alte Fachwerkhaus neben seinem Verlagsdomizil erworben.

Derzeit ist die Neue Göttinger Grass-Gesamtausgabe im Werden, die 2020 erscheinen soll. Hätte Steidl dazu gern die Bremer Dokumente? „Ich bin nicht scharf darauf, aber diese audiovisuellen Medien mit dem Lübecker Archiv zusammenzufassen, wäre sicherlich sinnvoll.“ Wobei Steidl gleich eine Warnung hinterherschickt: „Meine Archivalien gebe ich aber nicht heraus.“ Die seien Stiftungskapital. „Damit sie nach meinem Tod nicht verscherbelt werden.“

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