Kurzgeschichte über eine Begegnung

Isireider – was ist das?

Zwei Männer sind in Brandenburg, in einer Pension, im Wintergarten. Über die Gründe ihrer Anwesenheit kommen sie miteinander ins Gespräch.

„Da dachte ich mir, fährst einfach in die Provinz raus, nicht zu nah, nicht zu fern und jetzt bin ich da.“ Foto: photocase/Fotoline

Er saß an einem der Fenster, füllig, klein. Er hatte das Frühstück beendet und sah hinaus. Bleiern der Himmel, manchmal fielen Regentropfen. Es war zu fühlen, dass ein steter Wind wehte.

Beine unter dem Stuhl gekreuzt, Arme vor der Brust, blaues Hemd, roter Pullunder, Kunstlederschlappen. Ein älterer Herr, und als er den Kopf drehte, um zu sehen, wer da wohl hereinkäme, sagte ich Guten Morgen. Er grüßte zurück. Dann blickte er auf die Wand vor sich.

Den Abend zuvor war ich in der Kleinstadt angekommen. An einem der ersten Wochenenden des Jahres, für die der Wetterbericht schöne Temperaturen angekündigt hatte. Deshalb war ich mit dem Rad hinaus aus Berlin und in die brandenburgische Provinz hinein.

Die Pension hatte ich gleich am Ortseingang gesehen. Einfamilienhaus, Ziegelbau, schräges Dach, große Fenster, großer Hof. Fünf Tische im Wintergarten, der bis elf Uhr Frühstücksraum war.

Ich setzte mich an den Tisch neben dem Mann. Ich dachte daran, dass ich nach dem Frühstück los wollte. Sah zum Fenster hinaus und streifte dabei mit dem Blick den Mann. Er bemerkte meinen Blick, der nicht ihm galt, aber in seine Richtung ging, und folgte ihm.

„Ob das heute noch besser werden wird“, sagte ich.

„Es soll“, sagte er. „Angesagt ist es.“ Er schob den Kopf vor, schüttelte ihn.

„Am Vormittag noch schlecht, aber zu Mittag hin Sonne, haben die gesagt“, sagte ich.

Dieser Text stammt aus der taz am wochenende. Immer ab Samstag am Kiosk, im eKiosk oder gleich im praktischen Wochenendabo. Und bei Facebook und Twitter.

Der graue Schleier war da, aber statt einzelner großen Tropfen fiel nun feiner Regen. In einer Stunde wollte ich los, in den nächsten Ort, nicht sehr weit entfernt. Den wollte ich mir ansehen, dann zurück nach Hause, nach Berlin.

Der Mann seufzte, sagte: „Also, wenn das noch besser werden soll, dann müsste es jetzt anfangen.“ Er sah auf die Uhr am Handgelenk. „Halb elf. Wird heute damit sonst nichts mehr werden.“

Der Mann sah mich an

Er schob die Unterlippe vor und sah wieder an die Wand vor sich.

„Sehen Sie, dort hinten, hinter den Strommasten, da“, sagte ich und zeigte auf einen schmalen gleißenden Streifen, waagerecht am Horizont.

Der Mann sah mich an.

„Nun“, sagte er, „bis das hier ist und alles aufgerissen hat.“ Er nahm die Arme von der Brust und legte sie links und rechts neben den Teller. „Bis dahin ist der Tag vorbei. Wir haben doch noch März.“

„Wahrscheinlich haben Sie recht damit“, sagte ich. „Wir sollten froh darüber sein, dass es dieses Jahr schon so mild ist. Wenn ich da ans letzte Jahr um dieselbe Zeit denke.“

Sehr kalt war es letztes Jahr um dieselbe Zeit gewesen.

„So ist es“, sagte der Mann. „Ich komme jedes Jahr um die Zeit hierher, und ich kann mich an sehr viele sehr unangenehme Tage erinnern.“ Er hatte die Arme wieder vor der Brust verschränkt, gemütlich, entspannt.

Er besucht das Grab der Mutter

„Sie kommen jedes Jahr hierher? Weil Ihnen die Stadt gefällt? Die Umgebung, die Menschen? Das Wetter?“ Ich lachte. Zu laut, wie ich fand. Er nahm das Lachen auf, lachte aber still. Dann war das Lachen weg, und der Mann blickte erneut an die Wand vor sich.

„Besuche das Grab meiner Mutter.“ Er beugte sich zu mir herüber. „Seit sie tot ist, besuche ich sie hier auf dem Friedhof. Jedes Jahr, zu Ostern und zu Weihnachten, manchmal auch zwischendurch, so wie jetzt gerade. Als sie noch gelebt hat, habe ich sie natürlich auch besucht. Alle Festtage, Weihnachten, Ostern, Pfingsten, immer.“ Er unterbrach sich.

„Sie sind hier geboren?“ Ich stemmte die Füße auf den Boden, schob den Stuhl nach hinten weg. Das Wetter war regnerisch und würde wahrscheinlich regnerisch bleiben, und ich hatte die Gesellschaft eines Mannes, der viel unterwegs war und seine Mutter liebte. Es war egal.

„Richtig“, sagte er. „Hier geboren und aufgewachsen. Dann, noch bevor die Mauer kam, bin ich nach Bayern rüber. Lebe jetzt schon sehr lange Zeit dort. Aber ich komme immer wieder hierher.“

Dann war er es, der fragte.

„Wo kommen Sie her?“ Er legte die Hände auf die Oberschenkel.

Berlin? Kennt er

„Berlin“, sagte ich, „und das Wetter sollte schön werden, war es gestern am Samstag auch, und da dachte ich mir, fährst einfach in die Provinz raus, nicht zu nah, nicht zu fern, und jetzt bin ich da.“

Der Mann griff nach der Kaffeekanne auf seinem Tisch, schwenkte sie, fühlte Flüssigkeit darin herumschwappen. Goss sich davon ein.

„Berlin“, sagte er. „Kenne ich.“

„Tatsächlich?“

„Aber nur das Zentrum, und nur ein einziges Mal.“

„Neulich erst?“

Er bewegte die Hand. „Lange her.“

„Zehn Jahre? Zwanzig? Wie viel?“

„Warten Sie. Lassen Sie mich nachdenken.“ Er warf den Kopf zurück, blickte an die Decke, hob die Hände von den Oberschenkeln und verschränkte sie wieder vor der Brust. „Das muss, ja, das muss Ende der Sechziger gewesen sein. Fünfundsechzig, siebenundsechzig.“ Handbewegung. „So was in dem Dreh.“ Hand zum Kinn, reiben. „War bestimmt gerade mal zwanzig damals.“

„War da nicht Elvis Presley?“

„War der nicht früher? Ich weiß gar nicht, wer war denn da?“ Kinnreiben. „Vergessen. Weg.“

Die Hand fuhr durch die Luft.

„Easy Rider“ kennt er nicht

„Schuhe mit dicken Sohlen waren modern, das weiß ich noch, und die Mädchen hatten keine Büstenhalter an. Das piekte in die Augen, und wir waren junge Burschen und wollten Schuhe mit dicken Sohlen, weil wir die Mädchen mit ohne Büstenhalter wollten. Die Schuhe habe ich mir in Berlin gekauft. Deswegen war ich da, am Kurfürstendamm.“

Ich versuchte ihn mir vorzustellen, wie er als junger Bursche gewesen war, mit dicken Schuhsohlen und zusammen mit den Mädchen. Es gelang mir nicht. Aber das hatte nichts zu besagen.

„‚Easy Rider‘“, sagte ich. „Kennen Sie ‚Easy Rider‘?“

„Nein“, sagte er, „Isireider. Was ist das?“

Ein Film aus den Endsechzigern, wollte ich sagen, ein Film über die Freiheit. Mit Dennis Hopper, Jack Nicholson, Peter Fonda. Peter Fondas Schwester Jane hatte auch genauso nie einen Büstenhalter unter ihren Oberteilen an. In „Easy Rider“ macht sie aber nicht mit.

In dem Moment hörte der Regen auf. Die Sonne kam raus. „Nichts weiter“, sagte ich, „nichts weiter als ein Wort“. Ich stand auf, nickte dem Mann zu. Er nickte ebenfalls und wandte sich wieder der Wand zu.

Wir schüttelten uns die Hände

Ich hätte ihm den ganzen Film ganz genau erzählen müssen, und er hätte es dann doch nicht verstanden, und am Ende wäre bloß die Sonne weg gewesen.

Hin aufs Zimmer, die Tasche packen. Dann an die Rezeption und die Rechnung bezahlen, dann in den Hof, wo das Rad war. Da sah ich den Mann wieder. Hinten an der Remise stand er, an seinem Wagen, einem BMW. Der Mann sah zu mir herüber. Er guckte nur.

Ich fuhr durch die Stadt hindurch. Saubere, gerade Straßen und Menschen, die alle Windjacken anhatten und Jeans, an denen die Hosenbeine auf Schuhoberkante gekürzt waren.

Am Ortsausgang war plötzlich ein Wagen neben mir, ein BMW, er blieb auf meiner Höhe. Ich sah hin und sah, dass der Mann im Wagen war. Er überholte mich, bog in einen Feldweg ein. Hielt an, stieg aus.

Als ich heran war, gab er mir die Hand und sagte, wie angenehm ihm die Begegnung beim Frühstück gewesen war, und dann sagte ich es auch. Wir schüttelten uns lange die Hände. Der Mann stieg in den Wagen, wendete, fuhr zurück in die Stadt. Und ich weiter in meine Richtung.

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