theorie und technik

Eine Theorie des Gemüsegartens

Selbstverständlich weiß ich, dass der Garten nicht „echt“ ist. Dies Wissen vergällt mir aber die Freude an ihm keineswegs

Eben bin ich nach zwei Monaten Landaufenthalt wieder in die Stadt zurückgekehrt. In meinem Landhaus nördlich von Wien habe ich mir neuerdings auch einen Gemüsegarten gebaut, mit Lattenzaun ringsum. Ich verbringe so viel Zeit da drin, dass mein kleiner Sohn das Gärtlein schon „Papa-Käfig“ nennt.

Keine Sorge: Ich denke nicht, dass ich in all dem Grün endgültig verblöde. Im Gegenteil: Ich mache mir darin so meine Gedanken über die kulturelle Konstruktion „Natur“. Ich bin dabei nur, gewissermaßen, so nahe wie möglich an meinem Gegenstand. Mein Gemüsegarten, in dem ich mich so bewege wie eine Bäuerin vor 100 Jahren, ist selbstverständlich in etwa so „natürlich“ wie der Hurrikan Katrina oder das Ozonloch – also gar nicht. Er ist eine kulturelle Produktion eines Städters, so wie überhaupt das, was man unter „ländliche Idylle“ versteht, eine urbane Konstruktion ist. Die Bauernhäuser, die noch „echt“, „so wie früher“ aussehen, sind ja meist von Städtern liebevoll restaurierte Schmuckkästchen, während sich die wirklichen Bauern moderne Betonklötze hinstellen, die sie bunt anmalen und abends verlassen, um sich mit Nordic-Walking-Sticks auf dem Trimm-Marsch zu begeben, indes der Städter im Gemüsegarten noch Unkraut zupft.

Und während sich die Bauern amerikanische Fernsehserien reinziehen, liest der Städter in – amerikanischen – Büchern wie John Seymours „Das neue Buch vom Leben auf dem Lande“, in dem es viele praktische Tipps und Anleitungen für alte Handgriffe gibt. Die paar Bauern, die beispielsweise noch so das Brot backen wie zu Großmutters Zeiten, tun das natürlich meist einzig darum, damit die Städter etwas zum Sehen haben.

Natur ist also eine sentimentale Fata Morgana, die Stadtflucht ist eine illusionäre Flucht aus der Entfremdung in eine „Echtheit“, die selbst ein Fake ist, die also der Entfremdung, der sie zu fliehen versucht, nie entkommt. Die Sehnsucht nach Echtheit sucht sich, das ist eine der großen Konstanten der Postmoderne, immer die Spur irgendeiner versunkenen Welt, auf der sie sich zu realisieren erhofft.

Das weiß ich selbstverständlich, aber dieses Wissen vergällt mir die Freude im Gemüsegarten keineswegs. Denn ohnehin gäbe es kaum eine Möglichkeit, der falschen Echtheit zu entkommen. Auch in der Stadt begegnet man auf Schritt und Tritt ziemlich ähnlichen Paradoxien. Man nehme nur die Parzellen der hippen Kulturwirtschaft, die sich in heruntergekommenen Stadtvierteln oder in verfallenden Fabrikkomplexen einnisten. Die von Spuren progressiven Zerfalls gezeichneten Areale werden sofort „in coole Infrastrukturen umfunktioniert“ (Jakob Tanner) und im Handumdrehen wieder Teil spätkapitalistischer Verwertungslogik. Schließlich ist ja auch die Subkultur ein Standortfaktor: dass „etwas los ist“ in einer Stadt, ist für Investitionen relevant, für den Tourismus ohnehin.

Aus den Trümmern der verfallenden Moderne wächst der postmoderne Retro-Chic. Die Postmoderne produziert postmoderne Menschen, die in schäbigen Clubs abtanzen. Die kaufen sich dann ihre Klamotten in hippen Boutiquen, deren Betreiber viel Arbeit darin investieren, dass der Verputz auch cool abblättert.

Man sollte wirklich eine Theorie des Schäbigen, Verfallenen, des Zerfalls schreiben. Ich denke, im blätternden Kalkputz der Bauernhäuser und in den Ruinenlandschaften der Kulturwirtschaft erhoffen wir das Andere des heutigen Kapitalismus zu erblicken, eine Hoffnung, in der dieser Kapitalismus wiederum nichts anderes als einen Markt sieht. ROBERT MISIK