Deutsch-türkisches Seniorentheater

Selbstironischer Blick auf das Alter

Die SchauspielerInnen des Theaters der Erfahrungen sind zwischen 60 und 90. Mit ihrem deutsch-türkischen Musical bringen sie das Älterwerden auf die Bühne.

Die Mozartkugel tanzt mit der Erdbeertorte Foto: Thomas Protz

Der Kuss ist noch ein wenig ungelenk. Öpücük, das ist für einige der SchauspielerInnen vom deutsch-türkischen Theater der Erfahrungen ein Zungenbrecher. Die SeniorInnen des Altentheaters stehen im Halbkreis um das Klavier und üben den türkischen Refrain ihres Musicals „Altes Eisen“ ein. Eigentlich sitzt der Text, doch über das Wort „öpücük“ stolpern sie. Die türkischsprachigen KollegInnen sprechen es ihnen geduldig vor: ö-pü-cük. An diesem Tag Mitte Mai findet im Proberaum des Nachbarschaftsheims Schöneberg in Berlin die letzte Durchlaufprobe statt, eine Woche später führen die LaiendarstellerInnen ihr deutsch-türkisches Musical in der Berliner ufa-Fabrik auf.

Gegründet wurde das Theater der Erfahrungen 1980 von den angehenden Theaterpädagoginnen Eva Bittner und Johanna Kaiser. Das Seniorentheater steht in der Tradition der Anfang der achtziger Jahre starken Bewegung des freien politischen Theaters. „Die Idee dahinter war, die vielen Erfahrungen von alten Menschen auf die Bühne zu holen. In normalen Theatern wurden Themen verhandelt, die die breite Bevölkerung nicht interessieren“, sagt Johanna Kaiser, die Professorin für Soziale Kulturarbeit mit dem Schwerpunkt Theater an der Alice Salomon Hochschule in Berlin ist.

Dem wollten die beiden damaligen Studentinnen ein kritisches Volkstheater entgegenstellen, das die Alltagserfahrungen von alten Menschen auf die Bühne bringt. Über die Kulturarbeit wollten sie ein Forum der Begegnung für SeniorInnen schaffen. Denn, so Kaiser, es gebe zu wenig Anlässe, wo Menschen unterschiedlicher gesellschaftlicher Gruppen zusammenkommen. Sie gründeten mehrere Gruppen und organisierten mit den „Spätzündern“, „OstSchwung“ und den „Grauen Zellen“ Projekte mit Grundschülern, Jugendlichen und Kindern mit Fluchterfahrung.

Mit den Jahren öffnet sich das Theater der Erfahrungen verschiedenen Generationen und transkulturell. Warum nicht Menschen aus der gleichen Generation einladen, die vor Jahrzehnten als GastarbeiterInnen nach Deutschland gekommen sind? 2005 werden aus den „Grauen Zellen“ die „Bunten Zellen“; die Besetzung ist nun deutsch-türkisch und die Texte werden es auch. Am 7. Juni veranstaltet das Theater der Erfahrungen in Kooperation mit der Alice Salomon Hochschule einen Fachtag zu Transkulturalität in der Berliner ufaFabrik, um die Potentiale und Problemzonen von transkultureller Theaterarbeit aufzuzeigen.

Singende Mozartkugeln

Zum 30-jährigen Jubiläum im Jahr 2010 entwickelt das Theater der Erfahrungen mit allen drei Gruppen ein zweisprachiges Musical. Die SpielerInnen schreiben und entwickeln das Stück auf den eigenen Erfahrungen basierend selbst. 40 DarstellerInnen zwischen 60 und 90 Jahren arbeiten mit den Regisseurinnen Eva Bittner und Johanna Kaiser eineinhalb Jahre an dem Stück.

Das Musical wirft einen selbstironischen Blick auf das Alter. Es thematisiert, mal sarkastisch, mal schrullig, körperliche Gebrechen und das Unsichtbarwerden im Alter, die Suche nach Ersatzteilen für nicht mehr funktionierende Gelenke und Alltagsrassismus. Eingebettet sind die szenischen Erfahrungen der SeniorInnen in die Liebesgeschichte zwischen dem Bäcker Hikmet und seiner Nachbarin, die von singenden Mozartkugeln, Erdbeertorten und Baklava begleitet wird. Seit 2010 wird „Altes Eisen“ jedes Jahr aufgeführt und war 30 Mal ausverkauft.

Der heutige Probentag begann traurig. Eine der SchauspielerInnen ist am Tag zuvor gestorben, ein Foto von ihr steht auf dem Tisch im Probenraum. „Der Tod gehört dazu“, sagt Johanna Kaiser. Die Belegschaft hat sich in den acht Jahren, die das Theater der Erfahrungen das Musical aufführt, geändert. Einige DarstellerInnen sind gestorben, andere wurden krank und konnten nicht weiterspielen. Von den Anfangstagen im Jahr 1980 ist niemand geblieben. Doch manche machen seit 25 Jahren mit, eine Schauspielerin ist sogar seit 30 Jahren dabei.

Zur Durchlaufprobe haben sich nur ein paar SpielerInnen ihr Mozartkugel- Baklava- und Erdbeertortenkostüm übergezogen, die anderen spielen in Jeans und T-Shirt, weil der Kostümwechsel zu lange dauern würde. Beim türkischen Refrain verpassen sie einen Einsatz, doch beim zweiten Mal sitzt auch der Kuss.

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