Weg mit dem Sex

Jordanien erlebt, wie große Teile der arabischen Welt, einen politischen Rückwärtstrend. Ein Besuch in einem Café in Amman und im Büro der berühmtesten Frauenrechtlerin

Demo im Mai gegen das neue Einkommens­steuergesetz Fotos: M. A. Ghosh/Xinhua/eyevine/laif

Eine blaue Sonne aus Holz hängt neben der Eingangstür vom „Schams al-Balad“,einem Café in Amman. Orangefarbene Kuchen und perlenverzierte Muffins werden in Vitrinen angeboten. Eine junge Frau mit blondierten Haaren teilt vergnügt kleine Holzaufsteller mit Tischnummern aus. Bunte, an die Wand genagelte Schreibmaschinen ragen in den Raum hinein. Daneben führt eine schmale Treppe hinaus auf die Dachterrasse. Auf storchbeinigen Stühlen sprechen Frauen in schnellem Arabisch miteinander. Eine hat den magenta­roten Lippenstift passend zu ihrem Kopftuch ausgewählt.

Vor ihnen auf dem Tisch stehen Gläser mit grasgrünem Minzesaft, und Fladenbrote hängen wie karamellbraune Teddybärohren über dem Rand eines Korbs. „Schams al-Balad“ bedeutet Sonne des Landes. Sonne, Licht, das ist wie Hoffnung. Und das Café, es ist wie Freiheit in einem Land, das zunehmend Freiheiten einbüßt.

Die Bewohner*- und Be­sucher*innen des Stadtteils Dschabal Amman, eines wachen Viertels mit aneinandergeschmiegten Restaurants und Boutiquen, sie schätzen es. Sie sind Homosexuelle, Männer und Frauen mit Behinderung, Europäer*- und Ameri­ka­ner*in­nen und kopftuchlose Nasenpiercing-Trägerinnen, die darüber sprechen, dass Jordanien einen Rückwärtstrend, einen gesellschaftlichen Rollback, durchlebt. Sie würden sagen: durchleidet.

Noch vor 50 Jahren, so erzählen sie, seien Frauen leicht bekleidet durch Amman gegangen, kaum eine trug ein Kopftuch. Heute dagegen sieht man viele in Hidschab, der Haare und Hals vollständig verhüllt, oder im Nikab, einer Ganzkörperverschleierung.

Jordanien ist eines der wasserärmsten Länder der Welt, es verfügt weder über Ressourcen noch über eine eigene Wirtschaft. Das macht es zu einem „Made-up“-Staat, der auf finanzielle Unterstützung angewiesen und für Anreize von außen empfänglich ist. Insbesondere reiche Golfaraber*innen und religiöse Stiftungen fördern islamistische sunnitische Gruppen und pumpen Geld in radikale Moscheen. Tausende Jor­danier*innen arbeiten in den Ölstaaten. Diese Abhängigkeit, allen voran von Saudi-Arabien, mündet in konservativen Interpretationen des Islam, die sich mehr und mehr im gesellschaftlichen Alltag widerspiegeln.

Bislang hat Jordanien rund 700.000 Flüchtlinge aus Syrien aufgenommen. Gemessen an der einst sechs Millionen Menschen starken Bevölkerung nimmt kein Land auf der Welt mehr Menschen auf, die vor Terror fliehen. Offiziell haben knapp 50 Prozent der Bevölkerung palästinensischen Hintergrund, in der Realität dürften es noch mehr sein.

Im „Schams al-Balad“ sitzen drei junge Jordanier*innen an einem Tisch mit zusammengewürfelten Stühlen. Aseel Halaiqah ist eine von ihnen. Mühelos ist der Ansatz von schwarzen Haaren zu erkennen, das blassrosa Kopftuch hat sie betont lässig um den Kopf gelegt. Ihre Nägel sind in der gleichen Farbe lackiert, ein schmaler Gürtel bringt ihre weiße Bluse in Form. Aseel Halaiqah könnte auch ein Filmstar sein, der eine Zeit lang in den Wirren, dem Lärm, dem Chaos von Amman verschwinden will.

Neben ihr sitzen Abdulraham Budair, Geheimratsecken, breites, großzähniges Lachen, und Saad, dessen Hemd, weiß wie Schnee, an den Armen spannt. Sie alle kennen sich von der GJU, der deutsch-jordanischen Universität in Madaba, etwas außerhalb von Amman. Abdul hat zuletzt in Heidelberg gewohnt.

„Da war es toll. Viele Studenten, viele Frauen“, sagt er. Der Blick, den er Aseel zuwirft, ist eine Mischung aus Verlegenheit und Provokation. Die verzieht nur den Mund. Mit ihren langen schlanken Fingern nimmt sie eine weiße Mentholzigarette aus der flachen Packung.

Abdulraham Budair, Student

Alle drei sind viel zu jung, um erlebt zu haben, wie es früher in Amman zugegangen ist. Für sie ist es selbstverständlich, dass etwa Sex vor der Ehe in Jordanien verboten ist, ein Zusammenleben zwischen Mann und Frau außerhalb der Ehe, Homosexualität und Abtreibungen sowieso.

„Na und? Wir müssen doch nur auf drei Dinge verzichten“, sagt Abdul. „Alkohol, Schweinefleisch und Sex. Das war’s.“

„Das ist okay“, bestätigt Aseel. „Ich würde mich wirklich nicht wohl fühlen, wenn mein Mann vor mir viele Frauen gehabt hätte. Natürlich kann man es anders handhaben, wenn man will, aber bei uns finde ich es schöner als zum Beispiel in Deutschland.“ Sie überlegt: „Reiner.“ Eine Zeit lang hat Aseel in Berlin gelebt und gesehen, wie das Miteinander von Unverheirateten sein kann.

Auch an ihrer Universität werde das mit dem Sex vor der Ehe nicht so eng gesehen. „In der Realität machen es viele“, sagt Aseel. Abdul widerspricht ihr sofort: „Vielleicht zehn Prozent.“ Er verschränkt die Arme auf dem Tisch. „Balah!“, ruft Aseel, was so viel wie „Schwachsinn“ bedeutet. Abdul fühlt sich sichtlich unwohl. „Man sollte jedenfalls nicht damit herumprahlen“, mault er.

Erst vor ein paar Tagen haben Aseel und Saad eine Veranstaltung der berühmtesten Feministin des Landes besucht. Seit Jahrzehnten kämpft Asma Khader für Frauenrechte, sie war Mitgründerin der Arabischen Vereinigung für Menschenrechte und Präsidentin der Jordanischen Frauenunion. Sie sagt, junge Frauen brauchen Vorbilder, die ihnen zeigen, dass sie in der Gesellschaft mehr als Ehefrauen seien können. So wie sie selbst.

Kürzlich erlebte Khader ihren größten Triumph: Das jordanische Parlament schloss ein gesetzliches Schlupfloch, das es Richtern erlaubte, Straftaten aus „Gründen der Ehre“ mit geringen Strafen zu belegen. Und es strich Paragraf 308 aus dem Strafgesetzbuch, dem zufolge Vergewaltiger einer Strafe entgehen, wenn sie ihr Opfer heiraten.

Khader sitzt in ihrem Büro im schickeren Westen von Amman, wo 1979 ein Privatmann zufällig die Reste der byzantinischen Kirche Sweifieh ausgrub, die auch heute noch die schönsten in Amman original erhaltenen Mosaike beherbergt. Ein Strauß Narzissen auf Khaders Schreibtisch ist längst verfault. Für Profanes wie Blumengießen hat sie keine Zeit. An Gäste verteilt die 65-Jährige noch immer große orangefarbene Buttons mit einer rot durchgestrichenen 308. Es war der Kampf ihres Lebens.

Keine Besucher bei den Esels­touren in die Felsenstadt Petra Foto: Lutz Jäkel/laif

„Es geht darum, die Mentalität zu verändern, dass Männer für ihr Vergehen kaum Konsequenzen fürchten müssen, weil den Frauen die Schuld gegeben wird“, sagt sie. Sie ist überzeugt: „Sozialer Wandel ist keine Entscheidung, sondern ein Prozess“.

Trotz ihrer Erfolge beobachtet auch Khader einen gesellschaftlichen Rückwärtstrend im jordanischen Alltag: „Immer mehr Frauen verschleiern sich vollständig, manche fangen sogar erst im hohen Alter damit an.“ In den Schulen würden reaktio­näre Vorstellungen verbreitet, weil viele Lehrer*innen selbst konservativ, schlecht angesehen und genauso schlecht bezahlt seien. Das Sozial- und Bildungsministerium wurde nach der letzten Wahl als „leichter Posten“ an die Muslimbrüder abgegeben. „Das gesamte System krankt im Kern“, sagt Khader.

Die Journalistin Shereen El Feki hat fünf Jahre lang Menschen in arabischen Ländern zum Thema Sex befragt. Sie gelangt in ihrem Buch „Sex und die Zitadelle“ zu dem Schluss, dass die Einstellungen zu Sexualität noch in den 1930er Jahren etwa in Ägypten wesentlich liberaler waren.

Als arabische Denker*innen nach den Gründen für den Aufstieg Europas suchten, fragten sie sich, ob die sexuelle Offenheit im Orient etwas mit seinem Niedergang zu tun hätte. El Feki analysiert, dass das Aufkommen des islamistischen Fundamentalismus, etwa die Gründung der Muslimbruderschaft 1920 in Ägypten, weitgehend eine Reaktion auf die koloniale Besatzung war. Auch ihre Vertreter sahen in der „sexuellen Sittenlosigkeit“ eine der Ursachen für den Niedergang ihres Landes.

Vermeintliche Missstände wie sexuelle Vielfalt wurden dem bis dato wesentlich konservativeren Westen zugeschrieben. Weil die eigene Lebensweise von einer anderen dominiert werden konnte, musste eine andere her: Die Fundamentalisten wollten zurück zu den Wurzeln des Islam. In vielen Teilen zieht sich das bis heute fort, der Islam ist ein Instrument im Kampf um Identität.

Im „Schams al-Balad“zieht Aseel bereits die dritte Menthol­zigarette aus der Packung. Ein Imam ruft. Sie müsste eigentlich beten, doch sie will es später nachholen. Jetzt möchte sie mit ihren Freunden lieber über die Ehe sprechen: „Ich kann mir nicht vorstellen, den Mann fürs ganze Leben zu finden. Am liebsten hätte ich temporäre Ehen, immer für zehn Jahre vielleicht.“

Café im Szeneviertel Dschabal Amman Foto: Monica Gumm/laif

Mit dem Oberkörper beugt sie sich laut lachend über den Tisch und schlägt mit der Hand darauf. „Ich weiß einfach, dass ich irgendwann gelangweilt wäre. Ehe ist ein so seltsames Konzept …“ Sie bricht ab. „Aber bei temporären Ehen, wie du sie vorschlägst, wie ist es dann mit den Kindern?“, erkundigt sich Abdul. Aseel scheint die Frage erwartet zu haben, sie reagiert prompt: „Wie ist es damit, keine Kinder zu bekommen?“

Abdul fühlt sich jetzt noch unwohler, murmelt: „Das wäre nicht okay, das macht niemand.“ Saad sieht das anders: „Spätestens ein Jahr nach der Hochzeit fangen die Leute an zu fragen, ob alles in Ordnung sei, wenn keine Kinder kommen. Das ist doch bescheuert. Wenn ich heirate, möchte ich wenigstens die ersten Jahre allein mit meiner Frau verbringen, mit ihr zusammenleben, reisen, genießen.“ Und falls man sich danach für eine Familie entscheide, würde er 50 Prozent aller Arbeiten in Haushalt und Kindererziehung übernehmen, damit seine Frau und er beide arbeiten können. Saad sagt, er sei Feminist.

Auf der Dachterrasse des „Schams al-Balad“ wird es allmählich kühler, die drei Freunde wollen nach Hause. Aseel zieht sich eine Jacke über und rückt ihr Kopftuch zurecht. Abdul fragt: „Seit wann trägst du das eigentlich?“ „Seit ich 17 bin.“ „Das ist ein gutes Alter“, sagt Abdul zufrieden, während Saad verständnislos den Kopf schüttelt: „Keine Regel bestimmt das.“

„Ich kann mich aber nur so frei fühlen“, entgegnet Aseel. Ihre Mutter und Großmutter, räumt sie ein, seien dagegen gewesen. Beide hätten nie ein Kopftuch getragen.