Die Kämpferin

Ayse Egilmez weiß, was es bedeutet, verfolgt zu werden.Viele Jahre lang hat sie in Istanbul als Journalistin gearbeitet und gegen die Aushebelung der Pressefreiheit angeschrieben. Heute lebt sie in Stuttgart im Exil. Ihr Kampf ist noch nicht zu Ende.

Vor acht Jahren kam Ayse Egilmez als Flüchtling mit einem gefälschten Pass und dem Flugzeug nach Düsseldorf. Es war der Flieger, der am schnellsten von Istanbul aus startete. Es war ihr egal, wohin er flog. Sie wollte nur weg, nicht noch mal für Jahre inhaftiert werden. Sie ist 45 Jahre alt, Journalistin und kommt aus der Türkei. Während in Istanbul gerade ein Prozess gegen 44 Journalisten beginnt, der größte Journalisten-Prozess der türkischen Geschichte, sitzt sie auf einem schmalen Stuttgarter Balkon unter Socken und Hemdchen, die an einer Wäscheleine trocknen. Eine Erdbeerpflanze steht auf dem Tisch, die einzige Frucht hängt rot und keck über den Rand des Topfs.

Ayse Egilmez ist eine kleine Frau, nur einen Meter fünfundvierzig groß, die schwarzen Haare gehen langsam in Grau über. Ihr Gesicht ist hart, es trägt die kantigen Züge einer Aktivistin, die sich seit Jahrzehnten für Gerechtigkeit einsetzt. „Ich bin keine Heldin“, sagt sie, als sie erzählt, wie die Polizisten im Polizeipräsidium des Istanbuler Stadtteils Gayrettepe ihren Kopf nahmen und immer wieder auf den Boden schlugen und sie mit Stromstößen quälten. „Ich habe nur meinen Job gemacht. Andere Journalisten hat es härter getroffen.“ Und es trifft sie noch heute.

Ayse Egilmez steht beispielhaft und stellvertretend für viele Journalisten, die nicht schreiben, nicht arbeiten können, weil sie von Regimen unterdrückt werden, die durch Zensur die Meinungsfreiheit torpedieren, um ihre Macht zu erhalten.

Immer derselbe Vorwurf: Unterstützung der PKK

Nach der Organisation Reporter ohne Grenzen sind 2012 bisher weltweit 47 Journalisten getötet worden, 30 Online- und Bürgerjournalisten, 128 Blogger sind in Haft und 147 Journalisten. 100 davon in der Türkei, vor allem solche, die für kurdische Medien arbeiten. Die Türkei liegt auf dem Index der Pressefreiheit auf Platz 148 von 179 Ländern, danach kommen Staaten wie Afghanistan, Somalia, der Jemen und Nordkorea. Finnland steht auf der Liste auf Platz eins, Deutschland auf Platz 16, gemeinsam mit Zypern und Jamaika.

Die 44 Journalisten in der Türkei stehen derzeit vor Gericht, weil sie für die Organisation Union der Gemeinschaften Kurdistans, KCK, gearbeitet haben sollen, die der verbotenen Arbeiterpartei Kurdistans, der PKK, nahesteht. Ende Dezember 2011 waren innerhalb weniger Tage rund 40 prokurdische Journalisten festgenommen worden, auch sie sollen die PKK unterstützt haben. Im März wurde die Journalistin Özlem Agus als Terroristin verhaftet, weil sie eine Geschichte über kurdische Kinder veröffentlicht hatte, die im Gefängnis von Pozanti vergewaltigt wurden, weil sie als angebliche „Mitglieder und Unterstützer einer Terrororganisation“ einsaßen, gemeint ist auch die PKK.

Die Journalistin Zeynep Kuray sitzt in Haft, weil sie über Vorwürfe von sexueller Belästigung bei der türkischen Luftfahrtgesellschaft Turkish Airlines berichtet hat. Sie habe den Staat verunglimpfen wollen, wirft man ihr vor. Weltweit für Aufsehen sorgte im vergangenen Jahr die Verhaftung von Ahmet Sik und Nedim Sener, die vor einigen Monaten aus der Untersuchungshaft entlassen wurden. Die Gründe für Verhaftungen sind immer dieselben: Unterstützung des Terrors, die Verhaftungen legitimiert durch ein schwammiges Anti-Terror-Gesetz von 2005, unter dem all das subsumiert werden kann, was der Regierung nicht passt.

Sie wollte Dolmetscherin werden

Ayse Egilmez ist in Mersin geboren, einer Stadt mit 850 000 Einwohnern an der türkischen Riviera, der wichtigsten Hafenstadt des östlichen Mittelmeerraums. Einem Schmelztiegel der Nationen und Religionen – Kreter, Armenier, Afrikaner, Albaner, Kurden.

Die Großeltern sind Exilkurden, die in der Zeit des Genozids an den Armeniern aus dem Osten der Türkei nach Mersin geflohen waren. Der Völkermord an den Armeniern wird bis heute vom türkischen Staat nicht als solcher anerkannt. Ihr Vater ist türkischstämmiger Grieche und wurde in einem Dorf in Griechenland geboren und ist mit 14 Jahren allein nach Istanbul eingewandet, wo er später die türkische Staatsbürgerschaft angenommen hat. Die Mutter ist Kurdin aus Mersin und gehört damit der Gruppe Menschen an, die in der Türkei am härtesten verfolgt werden.

Die Egilmez sind gläubige Muslime, weltoffene, tolerante Menschen. Auch die Tochter hat regelmäßig gebetet. Sie hörte damit auf, als sie in ihrer Zeit als Studentin Frauen kennenlernte, die während des Militärputsches 1980 vergewaltigt, geschlagen worden waren aber trotzdem Widerstand geleitst haben, und als sie mit Männern sprach, die das Massaker vom 1. Mai 1977 auf dem Istanbuler Taksim-Platz miterlebt hatten, als Scharfschützen aus einem Hotel das Feuer auf eine Kundgebung von über einer halben Million Gewerkschafter eröffneten und 38 Menschen töteten.

Sie studierte Englisch an der Bosporus-Universität in Istanbul, wollte Dolmetscherin werden. Dann traf sie Kommilitonen, die ihr zeigten, wie man sich engagiert, die ihr beibrachten, dass es wichtig sei, sich für Menschenrechte einzusetzen, für einen toleranten, sozialen Staat. Ayse Egilmez ging auf die Straße und protestierte.

Auf einer Demonstration zum Gedenken an das Massaker vom 1. Mai 1977 wurde sie verhaftet, das erste von insgesamt zehn Malen, nur weil sie da war. Die Studenten organisierten sich, gaben eine linke Studentenzeitung heraus, sie nannten sie „Alinteri“ – „Schweiß“ – ein Symbol der Arbeiterklasse. Inzwischen gab es zehn Mitarbeiter, jugendliche Revoluzzer, Arbeiter, Sozialisten. Für die Texte mussten sich ausländische Journalisten verbürgen, damit sie in der Türkei nicht belangt werden konnten. Ayse Egilmez wurde Chefredakteurin der Zeitung, sechs Monate lang, weil die Chefredakteure immer nur sechs Monat blieben, bevor Polizei und Geheimdienst sie einkassierten, die Klügeren unter ihnen tauchten irgendwo unter.

Im Hungerstreik gegen Isolationshaft

Sie schrieb darüber, dass vor allem kurdische Journalisten verhaftet wurden, über Vergewaltigungen von weiblichen Häftlingen in Gefängnissen, über die Regierung, die sich weigerte, den Genozid an den Armeniern anzuerkennen, über Verhaftungen von Gewerkschaftern. Nach sechs Monaten und 20 Presseverfahren verschwand auch Ayse Egilmez, die Chefredakteurin. Sie tauchte ab bei Verwandten in einem Stadtteil Istanbuls, in dem die Hausfrauen an den Fenstern sofort sahen, wenn Polizei oder Geheimdienst kamen. Drei Jahre lang haben sie sie verfolgt, nicht ständig, weil es gefährlichere Journalisten gab als Ayse Egilmez. Sie habe gearbeitet, sagt sie, sogar legal, und keiner wollte etwas von ihr. Sie lacht bitter bei dem Gedanken. Aber sie hatten sie nicht vergessen.

1997 wurde Ayse Egilmez wieder verhaftet – wegen Unterstützung der TIKB, der „Union der revolutionären Kommunisten der Türkei“, wegen Beleidigung des Militärs, wegen Beleidigung des Türkentums. Fünfeinhalb Jahre saß sie im Gefängnis in Usak, im Westen der Türkei, 180 Tage davon hat sie gehungert, als im Jahr 2000 Tausende Inhaftierte aufhörten zu essen, als Reaktion auf die F-Typ-Gefängnisse die für politische Gefangene gebaut wurden. Die Gefangenen wehrten sich dagegen, da sie in diesen Haftanstalten voneinander isoliert würden. Zucker, Salz, Kräutertee, Zitronensaft, nur selten feste Nahrung, ein halbes Jahr lang. Manchmal warfen sie mit Zetteln umwickelte Zitronen über die Steinmauern in die anderen Teile des Gefängnisses, um sich gegenseitig Mut zu machen. 150 Häftlinge sind gestorben, über 500 trugen bleibende Schäden davon.

Ayse Egilmez sitzt auf einem Sessel im Wohnzimmerer ihrer Stuttgarter Wohngemeinschaft, Regale voller Bücher an den Wänden, eine saftige Kletterpflanze rankt aus einem Topf am Boden über den Deckenbalken des Altbaus. Sie lebt in einer dieser Wohnungen mit polierten Dielen im Treppenhaus, die mal günstig waren, weil sie kein richtiges Badezimmer haben, sondern nur eine provisorische Dusche, und die heute saniert und für viel Geld vermietet werden sollen. Manchmal hat sie Erinnerungslücken, sie kann sich schlecht konzentrieren, vergisst viel, Nachwirkungen des Hungerns. Manchmal lacht sie zynisch, wenn sie von ihrem Leben erzählt. Die Erlebnisse in der Türkei haben sie hart gemacht. Manchmal wird sie ungehalten, dann nämlich, wenn man sie fragt, wie sie all das ertragen hat. Dann schlägt die Haut über der Nasenwurzel Falten, und Ayse Egilmez sagt: „Es gibt so viele Menschen in der Türkei, denen Schlimmeres widerfahren ist. Ich habe kein Recht, mich zu beklagen.“

Ein Zurück gibt es nicht mehr

2003 wurde sie aus dem Gefängnis entlassen. Ein halbes Jahr später gab es schon einen neuen Haftbefehl. Es war der 10. November, ihr Geburtstag, als ein Familienmitglied sie anrief und berichtete, da stünde Polizei vor der Tür. Da ist sie abgehauen. Wieder hat sie sich versteckt, bei Freundinnen und Verwandten und ist dann mit einem falschen Pass nach Düsseldorf geflohen, als Asylbewerberin nach Leonberg, dann als Asylbewerberin nach Stuttgart. „Ich war nicht mehr so fit, die Versteckmöglichkeiten in der Türkei gingen mir aus“, sagt sie und es hört sich an wie eine Entschuldigung. Nach acht Monaten hatte sie eine Aufenthaltserlaubnis, heute eine Niederlassungserlaubnis, anders als eine Aufenthaltserlaubnis ist sie unbefristet, Ayse Egilmez darf bleiben und sich frei in Deutschland bewegen.

Seitdem sie hier ist, knüpft sie Kontakte türkischen Migrantenvereinen wie Yasamevi in Köln, zu Verdi, zu Frauenorganisationen wie Frauen helfen Frauen, sie ist Sängerin im Freien Chor Stuttgart, der auf Anti-Kriegs-Demos singt oder zu Gedenktagen an NS-Opfer und Widerstandskämpfer. Sie engagiert sich, wo sie kann.

Ayse Egilmez schreibt auch in Deutschland weiter. Vor allem für Verdi Publik, die Online-Ausgabe der Gewerkschaftszeitung, für türkische Medien wie die Yasanacak Dunya (Lebenswerte Welt) – über das Recht der Kurden auf Bildung in ihrer Muttersprache, über Vergewaltigungen von Kindern in kurdischen Gebieten, über Razzien in kurdischen Einrichtungen in Deutschland, die immer dann stattfinden, wenn über die Türkei wieder eine Anti-Kurden-Welle hinwegrollt, über die Anerkennung der kurdischen Identität, über Migranten, die in Ausländerämtern sitzen und zittern, weil sie nicht wissen, was auf sie zukommt. „Das ist alles, was ich tun kann“, sagt sie. Zurück in ihre Heimat kann sie nicht mehr.